Die Werte der Aufklärung

Der am meisten geklickte Artikel im letzten Jahr. Viola Nordsieck über die Werte der Aufklärung:
Das_Wissen_fuer_Alle_2Immer wieder werden sie beschworen, die Werte der Aufklärung, oft ohne sie genau zu bestimmen. Sie werden in Opposition gebracht zu Aberglauben und finsterem Mittelalter und damit gerne genutzt, um eine Überlegenheit des säkularisierten Christentums gegenüber dem nicht ausreichend säkularisierten Islam auszudrücken. Aber auch eine andere Opposition findet sich in letzter Zeit häufig: die Werte der Aufklärung sollen verteidigt werden gegen das „antiaufklärerische“ Projekt von politischer Korrektheit, Sprachzensur und Feminismus.

Ende Februar fand in Iserlohn der 2. Alternative Wissenskongress statt, der so alternativ ist, dass sich nach dem 1. Kongress sogar die Alternative für Deutschland von ihm distanzierte. Dort wird „Klartext statt politisch korrekt“ geredet und „Flagge gegen die gleichgeschalteten Medien“ gezeigt. Es handelt sich hier um eine Benutzung des ohnehin schon arg misshandelten Wortes „Alternative“, welche suggerieren soll: Der politische Mainstream ist eben nicht „alternativlos“, sondern nur „verstrahlt“ (Ken Jebsen) und „vernebelt“ (Andreas Popp), und zwar sowohl von gezielter Verschleierung und Fehlinformation durch als allmächtig imaginierte Instanzen, als auch von eben jenen antiaufklärerischen Kräften der politischen Korrektheit und feministischen Sprachzensur.

Die Herren, die diesen Kongress organisieren und dort sprechen, werden oft auch als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet. So etwas wie Verschwörungstheorien aber gibt es gar nicht, meint etwa Andreas Popp in einem seiner Youtube-Videos. „Statt dessen werden bestimmte sinnvolle Vokabeln mit geistigen Viren belegt, um ihren aufklärenden Charakter zu vernebeln.“

Die Organisatoren des Alternativen Wissenskongress haben einen starken aufklärerischen Gestus im Wortsinn des Aufklärens über verhüllte oder unbekannte Zusammenhänge. Interessanterweise geht damit eine starke Ablehnung sowohl des Feminismus als auch der Migration einher. So sind zum Beispiel die Herren Andreas Popp und Daniele Ganser, beide beim Kongress beteiligt, auf Wikimannia aufgeführt, dem Wikipedia für benachteiligte Männer, das „feminismusfreie Informationen“ bietet. Die Headline der Seite wettert: „Frau gegen Mann: Familienzerstörung! Politik in Deutschland: Willkommenskultur für Migranten, Abtreibungskultur für Ungeborene, Zerstörungskultur für Familien!“

Doch nicht nur diejenigen empörten Subjekte, die ihren aufklärerischen Gestus ins Extrem treiben und ganze Verschleierungs- und letztlich Zerstörungskulturen imaginieren, wenden sich gegen einen Komplex aus politischer Korrektheit, Sprachzensur und Feminismus und wollen einen aufklärerischen Gestus dagegen in Stellung bringen. Auch moderat Konservative, selbst Linke bezeichnen „politisch korrekte Ideologie“ als „antiaufklärerisch“. Das ist ein vernichtendes Urteil, weil wir die Werte der Aufklärung als Fundament unserer Zivilisation und freien Gesellschaft verstehen. Mit dieser Diagnose darf man dann auch „zivilisierte Verachtung“ fordern, wie etwa Carlo Sprenger das in seinem Buch gleichen Titels tut (vgl. NZZ Feuilleton, 20.2.16). Das aufgeklärte, zivilisierte Subjekt drückt also seine Verachtung gegenüber dem noch nicht aufgeklärten, noch nicht zivilisierten Noch-Nicht-Subjekt aus. Sogar die Jungle World, generell misstrauisch gegenüber den skurrileren Blüten von politischer Korrektheit und „Critical Whiteness“, diagnostiziert den „neuen Feminismus“ als antiaufklärerisch (Melanie Götz, JW 25.2.16). Was heißt also dieses „antiaufklärerisch“, und was folgt daraus?

Die „Werte der Aufklärung“, die zu unserem Selbstverständnis gehören, schließen vor allem die Vorstellung von universaler, prinzipieller Freiheit und Gleichheit ein, sowie den Schutz vor staatlicher Willkür. Auf dieser Idee basieren die Bürgerrechte und mit ihnen jede Emanzipationsbewegung, aber auch die Deklaration der Menschenrechte. So war der Feminismus im Kern ein aufklärerisches Projekt, insofern er zunächst nach Erlangung der Bürgerrechte für Frauen strebte, wie andere Emanzipationsbewegungen auch.

Inzwischen ist feministisches Denken in der Tat oft aufklärungskritisch. Denn es ist nicht widersprüchlich, die Errungenschaften einer intellektuellen Strömung wertzuschätzen und bewahren zu wollen, nämlich die universale Freiheit und Gleichheit aller Menschen vor Recht und Gesetz, und dennoch das Denken dieser Strömung kritisch weiter zu entwickeln. Es ist sogar notwendig. Die Kritik der Aufklärung setzte sofort ein und betonte immer die gleichen Punkte, wobei die positiven Errungenschaften bewahrt werden sollten. Mit Herder, Hegel und Adorno befindet frau sich da in bester Gesellschaft. Worauf zielte also diese Kritik?

Im universalistischen Weltbild der Aufklärung ist die eindeutige, naturwissenschaftlich gesicherte Wahrheit eng verschränkt mit der Allgemeinheit des Subjekts. Die Idee der Gleichheit aller Menschen vor Recht und Gesetz baut nämlich ursprünglich darauf auf, dass alle Menschen fundamental gleich seien, also neutrale Subjekte mit demselben Erfahrungsschema, demselben Verstand und derselben Vernunft. Dagegen wendet Herder sofort ein: Ja, derselbe Verstand, weil dieser für Kausalität zuständig ist. Aber die Vernunft wird erst entwickelt, und zwar auf Basis der Erfahrung! Denn alle Menschen haben eben nicht dasselbe Erfahrungsschema und auch nicht dieselbe Vernunft. Vernunft entwickelt sich im Medium von Geschichte und Sprache.

Dieser Einwand Herders gegen Kant ist der erste Punkt der klassischen Aufklärungskritik. Daraus folgt, dass die Sprache und die Erfahrung unser Denken beeinflussen – und dass darum die Sprache nicht neutral ist, sondern ganz folgerichtig zum Kampfplatz für politische Richtungen wird.

Natürlich scheinen so manche „Ansprüche“ oder Vorschläge von politischer Korrektheit und Critical Whiteness absurd, unmäßig, überzogen, wirr. Und natürlich hat politische Korrektheit in sich ein regressives Moment, insofern sie vor allem begrenzend, eben „korrigierend“ ist und nicht gestaltend. Das kann in der Tat, wie in der JW schon des öfteren zu Recht moniert wurde, zu einer Blockade politischer Entscheidungsfindungsprozesse überhaupt führen.

Doch ist dieses korrektive Moment Teil eines Projektes, und wenn uns dieses Projekt am Herzen liegt, müssen wir die Gründe dieser Blockaden ernst nehmen und Wege um die Blockaden herum finden. Damit meine ich das Projekt einer politischen Repräsentation, eine allgemeine Reflexion zu erhalten von partikularen Erfahrungen, von Diskriminierungserfahrungen, von Erfahrung des Andersseins und der Abweichung. Die Allgemeinheit soll nicht mehr nur von einem neutralen Subjekt abhängen, sondern die verschiedenen Teilnehmer an einer Gesellschaft sollen in dieser Allgemeinheit auch repräsentiert sein, nicht nur als das Andere eines als „neutral“ imaginierten Subjekts. Genau das bedeutet Integration: dass sich eine Menge als Ganze durch das Hinzukommen neuer Elemente verändert. Das kann die universalistische Aufklärung nicht leisten, im Gegenteil, sie negiert es durch ihr Postulat des neutralen, allgemeinen Subjekts.

Dass die Vernunft vom allgemeinen Subjekt abhängt, übernimmt Hegel von Kant. Aber auch er wendet ein: Der Verstand reicht nur für die Kausalität der Naturgesetze aus, die Vernunft hingegen muss die Gesellschaft ordnen und gestalten. Überlässt man dies dem universalistischen, aufklärerischen Subjekt, so erhält man Bürgerrechte – aber zum Preis einer Entleerung der gesellschaftlichen Formen, was nichts anderes als Terrorherrschaft erbringt: „die absolute Freiheit und der Schrecken“. Dieselbe Kritik am jakobinischen Terror finden wir auch schon bei Kant. Hegel aber zieht daraus den Schluß, dass die Vernunft sich selbst verändern muss, indem sie die Wirklichkeit gestaltet. Daraus folgt, dass wir selbst entscheiden können und müssen, was und wer in unserer Gesellschaft reflektiert und repräsentiert wird.

Auch von diesem Anspruch sind wir noch weit entfernt, denn für uns stehen die allgemeinen Menschenrechte immer noch in Opposition zur territorialen Souveränität einzelner Staaten. Die Lösung dieses Konfliktes kann die universalistische Aufklärung ebenfalls nicht leisten, denn sie kann uns, wie Hegel betont, keine positiven Impulse zur Gestaltung einer Gesellschaft liefern. Bürgerrecht und Menschenrecht sind Errungenschaften der Aufklärung, doch wie sie zu versöhnen sind, dazu müssen wir weiter denken. Das ist der zweite Punkt der klassischen Aufklärungskritik.

Dieser zweite Punkt wird von Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ aufgegriffen, Hegels Beispiel vom jakobinischen Terror wird aktualisiert als Kritik am Kapitalismus, der die Leere durch seine eigene Form ersetzt, die Warenform. Sie fügen aber noch einen dritten Punkt hinzu: Aufklärung wird selbst wieder zum Mythos.

Das sehen wir überdeutlich am aufklärerischen Gestus von Verschwörungstheoretikern. Mit ihrem Ideal der „Werte der Aufklärung“ fallen sie in einen Aberglauben zurück, der argumentativ nicht aufzulösen ist. Er schließt sogar ein Szenario von Zensur und staatlicher Willkür ein, um etwas zu haben, gegen das man im Namen von Presse- und Meinungsfreiheit protestieren kann, während es in Wahrheit um Diskurs- und Deutungsmacht geht. (Wie reale Zensur und staatliche Willkür aussehen, lässt sich in diversen Staaten der Welt besichtigen.)

Das feministische Projekt beansprucht nämlich seinen Anteil an dieser Diskurs- und Deutungsmacht, indem es die Realität verschiedener Erfahrungen in Opposition zu einem als neutral imaginierten Subjekt stellt. Damit steht es tatsächlich seinem aufklärerischen Ursprung inhaltlich entgegen. Vertreter der klassischen „Werte der Aufklärung“ würden nämlich darauf beharren, dass es nur das eine, allgemeine, gleiche Subjekt gibt und ihm entgegen nur der weibliche (oder sonstwie „andere“) Körper steht, ein Stück Natur. Alle Subjekte hätten aber prinzipiell dasselbe Erfahrungsschema. Die weiblichen Körper hätten daher gefälligst ihrer materialen Natur zu folgen, die vom vernünftigen, genderneutralen Subjekt kontrolliert und verwaltet wird. Dieses imaginierte genderneutrale Subjekt kann natürlich ebenso auch in einem weiblichen Körper residieren und von dort aus, beispielsweise mit der Stimme von Frauke Petry, drei Kinder von jeder deutschen Frau fordern.

Zugegeben, diese Forderung ist nicht gerade dezidiert aufklärerisch – aber ihr steht eben in den „Werten der Aufklärung“ auch nichts entgegen, solange sie nicht zu gesetzlichem Zwang verwandelt würde. Die aufklärerische Idee ist eben die, dass die Produktion des weiblichen Körpers überhaupt ein verhandelbares Schema ist, auf Grund derer die Frau der „Betreuung und Beratung“ bedarf. Diese Idee hat eine Geschichte, die nicht nur bis zur aristotelischen Beschreibung der Frau als „Gefäß“ zurückreicht, sondern (und in diesem Zusammenhang entscheidender) zum Römischen Recht, das dem Bürger die Verfügungsgewalt (dominium) über seine Sklaven („Familie“ stammend von „famulus“), aber auch über sich selbst garantiert.1

Die Vorstellung, man müsse lebendige Körper besitzen und könne froh sein, wenn einem der eigene selbst gehöre, macht überhaupt nur Sinn, wenn man die Praxis der Sklaverei bedenkt. Eine direkte Linie führt von der besitzenden Instanz in der Struktur des Römischen Rechts zum neuzeitlichen Subjekt. Beide sind strukturelle, universale Instanzen, die für jeden gleich sind, der an der Struktur teilhat. Beide dienen der Verwaltung und Regulierung. Doch das neuzeitliche Subjekt fordert die Entlassung (Emanzipation) aus der Sklaverei mit der Begründung, alle Menschen hätten qua Menschsein ein Recht auf Beteiligung an dieser strukturellen Instanz.

Das ist ohne Frage eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Aber wir können noch darüber hinausgehen, indem wir uns von der Argumentation lösen, dieses Recht auf Beteiligung beruhe einzig auf der allgemeinen und gleichen Vernunft aller Menschen. Denn auf der anderen Seite, der des Verwalteten und Regulierten, steht der lebendige Körper bzw. die Natur. Und um eine solche Trennung zu vollziehen, muss ich qua Subjekt weiterhin als von meinem Körper getrennt gedacht werden – was diesen zu einer prinzipiell verhandelbaren und verkäuflichen Größe macht.

Dem entgegen steht die feministische Forderung nach echter Selbstbestimmung, die den eigenen Körper weder als Besitz noch als ein berechenbares Stück Materie sieht, das man verkaufen könnte, über dessen Verwendung und Verwaltung prinzipiell jedes vernünftige Subjekt (qua Berechenbarkeit) Rechenschaft fordern kann. Körper gehören niemandem. Was mit meinem Körper geschieht, geschieht mir. Die Argumentation, warum ich selbst darüber entscheiden können sollte, beruht nicht darauf, dass dieser Körper sich in meinem Besitz befände, ich also „frei“ wäre im Sinne von: nicht versklavt, frei, meinen Körper zu verkaufen oder zu behalten. Sie beruht darauf, dass dabei etwas mit mir geschieht. Meine Erfahrung ist damit verknüpft und ist also eine andere als die anderer Menschen. Wir sind nicht alle gleich.

„Antiaufklärerisch“ braucht also kein Totschlagargument zu sein, sondern kann sich durchaus auf eine Kritik im positiven Sinne einer kritischen Weiterentwicklung beziehen. Entgegen der Vorstellung der fundamentalen Gleichheit des vernünftigen Subjekts fordern Aufklärungskritiker: Menschen sollen gleiche Rechte haben, nicht weil sie fundamental gleich sind, sondern obwohl sie es nicht sind.

Die Vernunft, die unsere Gesellschaft auf der Basis dieser gleichen Rechte gestalten soll, muss die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen reflektieren und aus ihnen eine relative Einheit schaffen. Das ist eine Einschränkung des Universalismus als Teil unseres Menschenbildes, aber keine Einschränkung des Anspruchs an universale Rechte für alle – ganz im Gegenteil.

1Auf diesen Zusammenhang hat David Graeber hingewiesen in Debt, Melville New York 2012, S. 198ff.

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