Moderner Rassismus

Russland, VW- KübelwagenRassist will heutzutage kaum noch jemand sein. Sicher haben dazu die vielen Filme und Bücher beigetragen, in denen Rassisten als peitschenknallende Drecksäcke dargestellt werden, oder auch als Nazis in Uniform, die selbst Kindern mit einem fiesen Grinsen eine Kugel in den Kopf jagen. Das ist an sich eine gute Sache, denn das macht es rassistischen Ideen deutlich schwerer, sich zu verbreiten. Sie müssen sich sorgfältig verkleiden, um Einlass in den Raum des öffentlichen Sprechens zu bekommen. Dieses Verkleiden verändert sich. Malcolm X sagte einmal, Rassismus sei wie ein Cadillac: Jedes Jahr komme ein neuer heraus. Diese Veränderungen, gemeinsam mit dem Bild des superbösen Rassisten bringen aber mit sich, dass sich Menschen sehr oft weigern, rassistische Gedankengänge bei sich selbst zu erkennen. Das ist auch an sich sehr verständlich. Wenn “du Rassist” übersetzt “du Monstrum” heißt, dann ist das ein heftiger Angriff. Und wer sich selbst dann mit einem Nazioffizier oder einem peitschenschlagenden Sklaventreiber vergleicht, wird zu Recht feststellen: Das bin nicht ich.

Die meisten AfD-Wähler würden sicher keine Menschen massenhaft aufgrund ihrer Herkunft versklaven oder vergasen wollen. Insofern sind sie tatsächlich keine Rassisten. Die meisten würden wohl auch nicht behaupten, dass jeder Mensch mit dunkler Hautfarbe weniger wert ist als jemand mit heller Haut. Die “Kritik” der meisten “Besorgten” richtet sich ja nicht gegen „Rassen“, sondern gegen bestimmte Kulturen, die aggressiv oder unterdrückerisch seien. Das Problem daran ist nur, dass hinter dem Wort Kultur sich oft die “Rasse” versteckt. Das zeigt sich an Szenen wie denen, wo Bautzener “Besorgte” dabei gefilmt wurden, wie sie auf ihren Bürgermeister einredeten. Einer rief, die Flüchtlingskinder hätten doch gar keine Angst vor Nazis. Das seien doch alle Kindersoldaten, die seien das doch gewöhnt mit dem Speer auf einen Löwen zuzurennen. Die Umstehenden nickten zustimmend, der Bürgermeister schaute irritiert. Streng genommen wäre auch diese Aussage nicht rassistisch, weil sie sich nicht auf die Gene der Kinder bezieht, sondern auf deren “Kultur”. Aber hier wird “Kultur” als Programm gedacht, das Menschen – in diesem Fall die Kinder – abspulen, als seien sie Roboter. Als sei es in sie quasi eingeimpft. Als wäre es “in ihrem Blut”, wie man früher gesagt hätte. “Kultur” funktioniert aber so nicht, oder sind etwa alle Deutschen gleich? Würde man bei „den Deutschen“ so vorgehen, wie generell bei verschiedenen Arten von „Ausländern“ vorgegangen wird, (Man packt die ganze Gruppe in eine Schublade, und die Eigenschaften, die einem besonders ins Auge fallen, werden dieser Gruppe zugeschrieben) ließe sich auch behaupten, “die Deutschen” an sich hätten einen Hang zum Völkermord und Judenhass.

“Kultur” ist etwas viel offeneres. Die Unterschiede innerhalb der Kulturen sind riesengroß, in der Regel größer als zwischen der Kulturen. In jedem Land gibt es beispielsweise Klassengegensätze, Gebildete und weniger gebildete, Rechte und Linke, Religiöse und Nichtreligiöse. Wer ich bin wird mehr durch meine Bildung, mein Einkommen, meine Freunde, meine Erfahrungen und meine individuellen Eigenheiten bestimmt als durch meine Nationalität. Ein Bauarbeiter in Italien hat mehr mit einem Bauarbeiter in Deutschland gemeinsam als mit einem italienischen Literaturprofessor. Gehören amerikanische Filme, Serien oder Musik auch zu dieser “Kultur” oder bleiben diese außen vor? Selbstverständlich gibt es in den jeweiligen Gesellschaften unterschiedliche Normen und Vorstellungen, die mehr oder weniger verbreitet sind als woanders. Dennoch ist “Kultur” nicht etwas, was einen Menschen programmiert, sondern sie ist eine Grundlage, mit der verschiedenste Verhaltens- und Denkweisen möglich sind. Kultur ist außerdem nichts einheitliches, sondern sie ist von einem Geflecht von Einflüssen durchzogen. Die “eine” einprogrammierte Kultur gibt es nicht. Die Vorstellung, dass alle Kinder aus afrikanischen Ländern es gewöhnt sind, mit Speeren auf Löwen zuzurennen, ist schlicht gefährlicher und dummer Unsinn. Als ob Kinder, die losgerissen von ihren Eltern eine beängstigende Odyssee durch die halbe Welt durchmachen mussten, nicht viel mehr von diesen Erfahrungen geprägt würden, als von irgendeinem Kulturkreis, von dem man bei genauer Nachfrage nicht einmal genau weiß, ob es beispielsweise “die Muslime” oder “die Araber” sind.

Solche Vorstellungen haben viel mehr mit dem bautzener Besorgten zu tun, als mit der Realität. Ähnlich zum klassischen Rassismus baut man sich mit solchen Vorstellungen einen “Anderen”, der das Gegenstück zur eigenen Identität ist. Wenn man selbst zur Gruppe der “Aufgeklärten” gehören will (wer will das nicht?), werden diese anderen zu den Unaufgeklärten, Wilden, den Bedrohlichen, in die man alle möglichen Ängste und Sehnsüchte hineinlegt. Mit diesen Vorstellungen haben die kolonisierenden westlichen Gesellschaften ihre Untaten gerechtfertigt: Die Barbaren mussten zu ihrem eigenen Nutzen zivilisiert werden. Und solche Vorstellungen zeigen sich immer und immer wieder, wenn Menschen von “Kulturen” sprechen. Derzeit ist vor allem “Der Islam” Ziel solcher Projektionen. In einem Youtube-Video sieht man beispielsweise einen älteren Mann die Betreiber eines Standes an dem Korane verteilt wurden, mit den Worten beschimpfen: “Das ist das Buch des Bösen”. Es ist nicht an sich rassistisch, den Islam zu kritisieren. Aber wenn der Koran, mit dem sich ähnlich viel Schlechtes rechtfertigen lässt wie mit dem alten und neuen Testament, als “das“ Buch des Bösen bezeichnet wird, während man das Eigene, die westlichen “christlich-jüdischen” Werte als zivilisiert ansieht, dann entspricht das eben nicht den Tatsachen. Und so zeigt sich, dass hier verteufelt wird, und zwar nach altbekannten (rassistischen) Mustern. Der weit verbreitete Vergleich, dass der Koran vergleichbar sei mit “Mein Kampf” lässt sich ja schon mit dem einfachen Gedanken widerlegen, dass dann die Welt völlig anders aussehen würde, da immerhin anderthalb Millarden Menschen dieses angebliche „Buch des Bösen“ als ihre “Bibel” ansehen.

Aber es sind nicht nur betrunkene Pöbler, die solchen Vorstellungen anhängen. Selbst ein Redakteur der Faz behauptet: “Vorurteile, die aus Kulturen stammen, die nicht gerade für die Deeskalation stehen, lassen sich bis zur Gewaltbereitschaft schüren – nicht nur in Silvesternächten.” Das heißt, es gäbe angeblich ganze “Kulturen”, die zur Eskalation, also zur Gewalt neigen. Eine etwas merkwürde Aussage, betrachtet man die deutsche Geschichte oder den Ruf “der Deutschen” in Mallorca zu Jähzorn und Gewaltbereitschaft zu neigen. Die unselige kölner Sylvesternacht gilt unter Besorgten als Standardbeweis für solche Vorstellungen, da viele der Übergriffigen aus Nordafrika stammten. Aber auch hier muss bei genauerem Hinschauen festgestellt werden, dass andere Erklärungen viel überzeugender ist: Schließlich laufen nicht alle Nordafrikaner grapschend und vergewaltigend durch die Welt, was sie ja müssten, wenn es an “ihrer Kultur” liegen würden. Vielmehr haben sich innerhalb dieser Gruppen bestimmte kriminelle Milieus gebildet, die mit der Mehrheit der Nordafrikaner so viel zu tun haben, wie die Hells Angels mit dem Rest der Deutschen.

Dass diese unsinnige Vorstellung von “Kulturkreisen” sehr nahe an der der Vorstellung von “Rasse” liegen, zeigt auch das Beispiel Sarrazin, der an sich auch von “Kulturen” spricht, aber doch immer wieder in klassisch rassistische Sichtweisen umschlägt, wenn er beispielsweise völlig fern jeder wissenschaftlichen Grundlage von “Judengenenoder von unterschiedlich intelligenten Ethnien faselt.

Es ist sinnvoll über Frauenbilder und Menschenbilder zu reden, und oft macht das auch Sinn in Bezug auf bestimmte “kulturelle” Hintergründe. Beispielsweise muss über den Unterricht an bestimmten Koranschulen gesprochen werden, und hier sollte mitunter auch staatlicher Zwang eingesetzt werden. Dennoch liegt die Konfliktlinie eben nicht zwischen Muslimen und Deutschen oder Arabern und Deutschen, sondern sie liegen innerhalb der jeweiligen Gruppen. Auch darum ist es wichtig, sich die eigenen Vorstellungen bewusst zu machen und sie ehrlich zu hinterfragen. Das gilt für jede Gruppe. Damit lassen sich versteckte Vorurteile und Rassismen, die jede und jeder hat, erkennen und zu kontrollieren.

Houssam Hamade

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