Was stört Dich am Kapitalismus?

„Es gibt einige Dinge, die wir fühlen. Das Gefühl, dass unser vorherrschendes, habgieriges, von Konkurrenz bestimmtes Wirtschaftsleben nichts für uns ist. Wir suchen nach direkteren, ekstatischen und durchdringenden Lebensweisen.“  So sprach Hillary Clinton 1969 in ihrer Rede zu ihrem Universitätsabschluss. Wer hätte das gedacht?

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Doch Hillary war auch damals schon vieles, nur keine Rebellin. Offensichtlich war dieser Gedanke im Jahr 1969 so naheliegend, so selbstverständlich, dass man ihn sogar von einer durch und durch konventionellen Person wie Hillary Clinton zu hören bekam. Einem gewissen Grundrauschen radikaler, antikapitalistischer Gesellschaftskritik konnte man sich damals wohl nicht entziehen.

Dabei funktionierte der Kapitalismus in den späten 60ern noch hervorragend. Heute ist zwar der allgemeine Wohlstand höher, nach allen übrigen Maßstäben aber läuft es mit dem Kapitalismus eher schlecht. Besonders in Europa hat er nichts als Arbeitslosigkeit und langanhaltende Depression zu bieten – und als einzigen Ausweg den radikalen Abbau sozialer Rechte. (Nur Deutschland geht es – auf Kosten der übrigen EU – verhältnismäßig gut. Auch weil es jenen Ausweg schon vor der Krise gegangen ist.)

Und dennoch gab es in Europa wohl noch nie so wenig Ablehnung des Kapitalismus wie heute. Yanis Varoufakis machte während der Griechenlandkrise gelegentlich den Witz, dass seine Partei der „radikalen Linken“ (SYRIZA) nichts anderes wolle, als der Troika vernünftige, marktwirtschaftliche Politik aufzudrängen. Und er hatte recht. In dieser Position befinden sich die meisten europäischen Linken, von Podemos bis Melenchon: zwar versuchen sie den Sozialstaat gegen die Sparpolitik zu verteidigen, doch ihr eigentliches Anliegen ist es, der Krise zu entkommen und wieder für mehr Wachstum zu sorgen. Sie lehnen den Kapitalismus nicht ab, sondern wünschen sich, dass er wieder so gut funktioniere wie in der Nachkriegszeit. Auf der Basis könne man dann weitergehende soziale Rechte durchsetzen, mehr umverteilen und so weiter.

Ignorieren wir mal die Frage, ob das eine realistische Position ist (ich denke nicht). Es bleibt das Rätsel, warum die Krise des Kapitalismus nicht mehr grundlegende Systemkritik hervorbrachte. Eine mögliche Erklärung basiert auf dem Begriff „Künstlerkritik,“ den die französischen Soziologen Boltanski und Chiapello populär machten.1 Sie gingen davon aus, dass es stets zwei Elemente der Kapitalismuskritik gegeben habe: Die „Sozialkritik“, die mehr Gerechtigkeit, materielle Gleichstellung und ein Ende der Armut forderte; und die „Künstlerkritik“, die den Kapitalismus ablehnt, weil er unsere Freiheit und Individualität einschränkt und unserer kreativen Entfaltung im Weg steht.

Vermutlich war Antikapitalismus in den 60ern populär, weil die Menschen (zumindest einige wenige Menschen), ihn ganz konkret mit ihrer Lebenswelt in Verbindung brachten. Gegen den Kapitalismus zu sein, bedeutete, für die Befreiung von einer in jedem Aspekt bedrückenden, konformistischen Gesellschaft einzutreten. Im Französischen „Mai 68“ waren beide Elemente besonders eng verbunden, was auch daran lag, dass an den Unruhen zu etwa gleichen Teilen die Arbeiterklasse und Studenten beteiligt waren. Beim Generalstreik, der die Straßenschlachten in Paris begleitete, ging es nicht um Lohnerhöhungen, sondern um Freiheit. Der Protest richtete sich gegen die strenge Disziplin der fordistischen Fabrik, gegen alle Zumutungen der Lohnarbeit (was natürlich auch zeigt, dass es eigentlich Quatsch ist, diese beiden Formen des Antikapitalismus voneinander zu trennen).

Angelehnt an Max Weber argumentierten Boltanski und Chiapello weiter, dass der Kapitalismus immer eine ideologische Erzählung produzierte, um sich zu erklären und gegen Kritik abzusichern. Der „Neue Geist des Kapitalismus“ (so der Titel ihres Buches), der nach der Legitimationskrise der 60er entstand, nahm die Künstlerkritik auf und integrierte sie. Der Kapitalismus versprach fortan Individualismus, Kreativität und Selbstverwirklichung und schaffte sich so neue Legitimität – obwohl er gemessen an der Sozialkritik immer schlechter dastand.

Das ist eine ziemlich konventionelle Vorstellung. Tatsächlich scheinen viele so zu denken, sogar Linke: Der Kapitalismus gilt als das Reich der Freiheit, der Flexibilität und Selbstverwirklichung. Das Andere, das „Soziale“, steht dagegen für Sicherheit – es ist das Netz, das dich auffängt, der Staat, der dich beschützt. Vom Kapitalismus (den man passenderweise nur noch Neoliberalismus nennt) sind wir „überfordert“, er „entgrenzt“ unsere Gesellschaften, er bürdet uns „zu viel Verantwortung, zu viel Freiheit“ auf. Was er angeblich nicht mehr tut, ist für Disziplin, Hierarchie und Autorität zu sorgen, die Menschen einzuengen und gleich zu machen, ihnen Freiheit und Individualität zu rauben.2

Aber sind die Menschen heute wirklich deshalb so einverstanden mit dem Kapitalismus, weil Fabrikarbeit viel mehr Spaß macht als früher? Weil Büros zum Hort der kreativen Selbstverwirklichung geworden sind? Weil der Kapitalismus, hinterhältig wie er ist, alle Versprechen der Freiheit erfüllte, und dafür im Bereich der Gerechtigkeit nichts mehr zu bieten braucht? Macht das wirklich Sinn?

Ich denke nicht. Natürlich haben gesellschaftliche Fortschritte stattgefunden. Doch der Zwang, einem Arbeitgeber nützlich zu sein, um Geld zum Leben zu verdienen, hat nicht nachgelassen. Und auch heute noch führt dieser Zwang zu gleichförmigen, vorsichtigen und kleinen Leben. Es ist wohl vielmehr so, dass sich niemand mehr an dieser Tatsache stört. Der Kapitalismus kann sich heute nicht deshalb in die Kleider der Künstlerkritik hüllen, weil er sie integrierte – sondern weil die Künstlerkritik verschwunden ist. Sie findet nicht mehr statt. Das Bewusstsein dafür, was die Lohnarbeit uns raubt, der Wunsch, sein Leben nicht mehr der Arbeit opfern zu müssen – ist einfach nicht da.

Wenn man sich also fragt, warum heute nicht einmal mehr die Linken antikapitalistisch sind, so lautet die Antwort wohl: weil niemand sich ein Leben wünscht, wie es nur jenseits des Kapitalismus möglich wäre. Sie wollen steigende Löhne, mehr Sozialstaat und Chancen für alle, aber sie wollen keine grundlegend andere Lebensweise.

Es ist nicht der unglaublich freiheitlich-individualistische Kapitalismus, der das Bewusstsein der Menschen überwältigt. Das glauben wir nur, weil wir nicht erkennen, wie konservativ eine Gesellschaft eigentlich ist, in der der Gedanke, seine Arbeit zu lieben, überhaupt aufkommen kann. Wenn große Teile der Mittelschicht für einen konservativen Rollback anfällig sind, so vermutlich deshalb, weil dies an ihre tatsächlichen Wünsche anknüpft.3 An ihre Sehnsucht nach Sicherheit und Ruhe, danach, sich in feste Strukturen, in die Familie und die Firma, einzuordnen. Diese Menschen wünschen sich Anerkennung und eine stabile Identität, und sind bereit, dafür auch Opfer zu bringen. Und vielleicht wollen sie auch vom Zwang befreit sein, ihr Leben zu genießen und etwas besonderes daraus machen zu müssen. Es soll einfach reichen, ein ganz normaler Deutscher zu sein.

Antikapitalismus ist ohne Kulturrevolution eben nicht zu haben, und eine Linke die den ganzen Hippiekram links liegen lässt und nur noch an Arbeitsplätze und Renten denkt, ist ein Witz.

Bild: (CC BY-SA 2.0) Craig Morey

1  „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello

2   Wer besonders dumm ist, glaubt sogar, dass die Emanzipationsbewegungen der 60er Schuld am „neoliberalen“ Kapitalismus sind, weil sie mit ihrem Ruf nach Individualität und Selbstverwirklichung den trägen, langweiligen Sozialstaat gesprengt hätten. Oder so ähnlich.

3 Und der Rassismus natürlich. Es ist vor allem der Rassismus.

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