Der stadtgang

Ich hab mir schon oft die frage gestellt: Wie gehen wir eigentlich mit unseren mitmenschen um? Nun, fiel mir dazu ein: Wir laufen, laufen an sie heran – dies tun wir jeden tag massenhaft – und begegnen ihnen meist freundlich. Allerdings hängt das verhalten oft vom umfeld der einzelnen ab. In welcher welt befindet sich wer? Befinden sich zwei in derselben, werden sie höflich und zuvorkommend sein? Nun, man kennt sich, d.h. man weiß um die eigenarten derjenigen, die sich in dieser oder jener bewegen …

Jeder mensch ist eine welt. Die nächst größere dann ist die gegend. Darauf folgt die stadt, das land und wieder die welt, also die eine, auf und in der alle wohnen. Doch auch die ist begrenzt. Nur ist sie viel weiter und mehr als die, die man selbst sein eigen nennt.

In der eigenen ist man für sich. Man herrscht über alles in ihr, ist könig oder königin. In der nächstgrößeren dann herrschen zwei, vielleicht als ein paar. Die königreiche werden zusammengelegt – vergleichbar vielleicht mit planeten, sonnen oder systemen, die miteinander verschmelzen. Ein großreich, in dem die freiheit des je anderen gewährleistet ist. Das hat bestand. Kurz- oder aber längerfristig. Kommt jedoch eine dritte person hinzu, wird es schon komplizierter. Noch aber ists nicht soweit. Noch geht es gerecht im reich zu – jedenfalls ist das bei zwei sich in der gegend aufhaltenden personen noch sehr wahrscheinlich. Denn paare sind so wie zwei freunde anfangs gerecht. Beide verhalten sich zuvorkommend, d.h. so wie man sich vom anderen menschen behandelt wissen möchte. Mitmensch bedeutet in diesem gefüge also eine zweite person, die mit mir in der selben gegend wohnt. Sie ist mir, so wie ich ihr, zugetan, d.h. sie tut nichts, was mich verletzen würde. Im gegenteil. Sie trägt mir jene dinge zu, die nur sie aus ihrer eigenen welt kennt, die mir noch unbekannt warn, mich bereichern. Unser verhalten zueinander ist gerecht, weil wir zu geben bereit sind. Wir teilen. Wir lösen auf, und wir setzen zusammen, was dann zu uns beiden gehört. Allerdings kann es immer auch zum bruch kommen. Und dann ist das gegenteil der fall – doch im vergleich zum vielen und großen doch eher selten. Wer erinnert sich nicht an das plötzliche verschwinden von freunden, die einem einst so nahe warn. Die einst schon große welt ist nun nämlich riesig. Und erst recht ist sie im verhältnis zur einen erde, der welt, annähernd nichts. Mag sich vorher alles noch in einem gewissen rahmen abgespielt haben, fällt nun die orientierung aufs äußerste schwer. Niemand sieht da mehr durch. Und auch die zusammenhänge werden nur selten im großen und ganzen erkannt. Da lässt man sich etwas einfallen. Man muss. Also wird ein parlament eingerichtet. Man macht politik. Jene, die diese machen, lenken das große, den staat, die einzelnen teile, der gewachsenen einen erde, der gemeinsamen, der zusammengehaltenen welt.

Wir habens dann mit einem mehr oder weniger, mit soll und haben, mit freiheit und notwendigkeit zu tun. Und wir habens mit jenen zu tun, die die rahmenbedingungen schaffen, gewichten und urteiln. Je größer die welt, desto eher findet sich der einzelne in eine hierachie eingepasst. Niemand hat das gewollt, doch alle machen da mit. Und zwar, weil man nicht anders kann. Man handelt mit konsequenzen, entweder dem gesetz gemäß oder aber dagegen. Und so sind wir alle irgendwann besser oder schlechter gestellt, oben oder unten, links, rechts, in der mitte oder eben ganz außen, weit draußen an den extremen, an rändern, die sogar noch weiter außerhalb liegen, als es ein einfaches links oder rechts anzugeben vermag. Das sind die grauzonen. Und die sind gefährlich – uneinsichtig, denn aufs äußerste veränderlich. Jene, die sich in diesen bereichen aufhalten, sind gänzlich unberechenbar.

Es umgibt uns außerhalb des uns je eigenen oder gemeinsamen königreichs immer das land, dann der staat, das system. Da kommt niemand raus. Und so verhalten wir uns, sind wir darin gewachsen, genau so, wie man es uns vorgelebt hat. Oder wir stelln uns dagegen und behandeln alle erst einmal mit respekt. Doch damit macht man sich keine freunde. Freundschaft – wie liebe – entsteht eben im kleinen, außerhalb von berechnung, kalkül, politik.

Doch halt. Der verzicht hielt auch hier längst schon einzug. Man schaut innerhalb des großen nunmehr auf sich, fragt, was tut mir gut. Man baut heime, die schlösser, jedoch auch gefängnisse sind.

Unser verhalten ist ein geprägtes. Es ist erst ein von einzelnen, d.h. von zwei personen geprägtes. Später wird daraus eins zu den vielen, ein zu anderen ins abstraktere gehendes verhalten. Man bewegt sich im großen der vielen. Ist man, sind die vielen, erst länger in diesem großen, haben sie bald schon vergessen was war. Sie verhalten sich dann als selbstständige menschen ihrem stand gemäß, d.h. sie handeln gegen andere. Oder aber sie eifern anderen nach – je nachdem wo sich der- oder diejenige person, die vom kleinen in das große trat, dann befindet. Je höher die person stehn, auf die man sich dort im vielen bezieht, desto stäker der eifer. In die breite wird nicht oder nur selten und dann lediglich von wenigen, einzelnen, gedacht. Das verhalten wird vom vergessen und vom eifer bestimmt, von der gier nach dem neuen, das jedoch nicht neu, sondern weiter, mehr, bzw. das viele bedeutet. Dort wird man dann bleiben. Dorthin verschlägt es uns alle. Dort suchen wir ruhe, schutz, unseren frieden. Doch der ist wie so ziemlich alles niemals von dauer. Das eigene königreich fällt – bald einem feindlichen angriff zum opfer. Man wird versklavt. Man ruft dann nach freiheit … Immer ist jemand da, der dich in sein reich holt, dem du land übereignest, der dich in die knechtschaft zwingt, auf die knie, der dich bewegungsunfähig macht, dich bindet, dich fesselt.

Im besten fall aber müsste es innerhalb dieser weit verzweigten räume, gegenden, länder, staaten, systeme zunächst noch könig oder/und königin, mitmensch, der oder die mit mir auf dem boden meiner tatsachen steht, auf dem grund, im reich meines lenbens, meiner gedanken, ideen, heißen. Im kleinen nämlich – obwohl diese gefahr selbstverständlich auch dort auf dich lauert – werden sie, die ideen, tatsachen, gedanken nur von einem menschen beeinflusst – bestenfalls unterstützt, schlimmstenfalls bedrängt. Und so auch dein handeln. Es bleibt im kleinen weitestgehend frei. Orientierung findest du in der einen anderen person. Doch so, im großen, im vielen – gibt es da den mitmenschen? Handelt man dort aus freiem willen? Muss man da nicht maßnahmen ergreifen, gesetze erlassen, bestimmte taten unter strafe stelln? …

Wir sind gefangen. Das wird so bleiben. Unser umgang formt uns weiterhin. Doch auch wir formen aus. Wir sind dazu im stande, unser eigenes reich zu gestalten, es offen zu halten, zu gehen, wenn etwas nicht passt – freiräume suchend, rücksichts-, respektvoll, vorsichtig im umgang mit menschen …

Mein reich ist mir winzig. Und es wird auch nicht größer. Mein kopf nämlich fasst nur begrenzt viele gedanken, ideen. Ich weiß wieviel ich wissen, mir zumuten, wieviel an welcher stelle gefunden werden kann …

Doch das gelingt nur im kleinen. Es ist das kleine, das mir hier das große ist. Besser etwas, wenig, als viel, mehr und noch mehr, das im nachhinein wohl stets zu viel sein wird. Mitmensch heißt mir im besten fall liebste, heißt freund und gefährte, ist schutzraum, rückzugsort für zwangsläufig in die irre laufende, jene, die in der großen welt verloren wärn …

Mein reich ist die großstadt. Es liegt in einer gegend, die kiez genannt wird. In ihm ist platz für mich und einige wenige wirklich gute freunde. Alle anderen sind, nun, sie sind das gros vor und doch auch in der stadt. Durch ihre reihen bewege ich mich. Ich spaziere. Kein wald- sondern stadtgänger bin ich, geh durch die straßen, beobachte menschen … verändern. Und auch ich, ich verändere sie durch meine anwesenheit. Sonst tue ich nichts. Weil ich weiß, dass, geht mein griff an den kragen, den kopf eines menschen, ich ihn, eine welt, damit zerstöre.

Stadtgang heißt gehen über gepflasterte, für mich und alle gemachte straßen, heißt sein- und erblühen-lassen was wächst, was einwächst in die eigene welt, in ein reich, das nur lose mit der großen verbunden sein kann. Ich lasse mir zeit, überlege mein handeln, gebe nicht nach, gehe durch welten, die jede für sich großstadt ist …

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Eine Antwort zu Der stadtgang

  1. notarius schreibt:

    Guter Text und Gedanken gang. Gern gefolgt, großes Lob

    Gefällt mir

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