Ein Hater auf Demo

556245_3034296866723_1036366937_nEigentlich wollte ich am ersten Mai 2016 auf dem Sofa mit meinem Hund kuscheln, „Modern Family“ auf Netflix schauen und mich meinem regulären Kohlenhydrate-Cheat-Day hingeben. Aber dann bin ich doch zur 1.Mai-Demo um 18 Uhr gegangen weil ich mir angesichts der völkische Bestie, die gerade mal wieder ihren hässlichen Kopf hebt, zu Hause doch irgendwie bourgeois vorkam. Also fuhr mit dem Fahrrad los, und zwar extra später, weil die Demos an diesem Tag notorisch verspätet beginnen. Als ich ankam, rief ein fröhlicher Lautisprecher, der scheinbar nichts davon wusste, welche Opfer mir mein Kommen abverlangte, dass eine weitere Gruppe auf dem Weg war und „bald“ zu uns stoßen würde. Derweil würde man uns mit interessanten Redebeiträgen unterhalten. Das steigerte meine Laune sehr. Der nächste Redebeitrag sprach von globaler Ausbeutung, und wie ätzend die AfD sei. Das weiß ich aber schon längst, und die Redebeiträge werden nicht dadurch spannender, dass die Tonlage mit jedem genau gleichlangen Satz oben anfängt, um dann in einer monotonen Klugscheißerkaskade nach unten zu sinken, um beim nächsten Satz wieder oben anzufangen.

Als die Demo dann endlich startete, bemerkte ich, dass ich im falschen Block stand: Ein Lautsprecherwagen mit Palästinafahne verkündete, dass Zionismus ja Rassismus sei, und man sich dem palästinensischen Freiheitskampf anschließe. Nicht, dass ich etwas gegen Freiheitskämpfe hätte, und mir ist auch klar, welche Gemeinheiten die direkt betroffenen Palästinenser ertragen müssen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass wo Antizionismus drauf steht, ganz schön oft reaktionäre und dumme Holocaustvergleiche, sowie Verschwörungstheorien, die sich vom Antisemitismus in der Regel nur durch das Wörtchen „Jude“ unterscheiden (wenn man Glück hat), drin stecken. Völkische Verbrüderungen und der Hass auf die Player und nicht das Game sind da dann auch nicht weit. Mit solchen Leuten mag ich nicht gemeinsam marschieren, also drängte ich mich mit meinem Fahrrad nach vorne, aufgepeitschte Sprechchöre von politischen Kleingruppen im Rücken. Nervös nach Israelfahnen spähend, denn ich befürchtete nun vom quasi-völkischen Block in die Traufe der Antideutschen zu kommen.

Das sind nach meiner (sicher etwas eingeschränkten) Erfahrung hochgebildete aber schrecklich unweise Bildungsbürgerkinder, die den ganzen Tag Marx und Adorno lesen (und sonst leider nichts) und mit all der Theorie die Liebe vergessen, die diesen Theorien an sich zu Grunde liegt. Der letzte Antideutsche, den ich getroffen habe, fand es beispielsweise witzig, zu behaupten, die Palästinenserkinder seien ja schon so ideologisiert, dass es für sie besser sei zu sterben. Mir wurde auch schon vorgeworfen, ein Antideutscher zu sein, weil ich Volkskonzepte hässlich und dumm finde, und weil ich nicht finde, dass an den Palästinensern gerade ein Völkermord begangen wird „schlimmer als das was Hitler gemacht hat“, wie gerne „im Internet“ so behauptet wird. Dennoch kann ich auch verstehen, wenn einem, dessen Onkel von einem rechtsextremen und von der Armee beschützten Siedlermob halb tot geschlagen wurde, die Hutschnur platzt, wenn ihm lachend eine Israelfahne ins Gesicht gehalten wird, und ihm auf diesen Ausbruch hin zu verstehen gegeben wird, dass er mal nicht so antisemitisch sein solle. Und auch wenn ich selbst jedes Nationalgefühl hasse, sollte halbwegs reflektierten Menschen klar sein, dass man das Konzept des „Volkes“ kaum loslassen kann, wenn es einem von außen aufgezwungen wird und man nicht das Privileg hat, den ganzen Tag die gesammelten Schriften der Frankfurter Schule zu lesen. Aber ich sah keine Israelfahnen und war beruhigt.

Dann sah ich ein Schild, das meine düstere Stimmung für einen Moment ein wenig aufhellte: „Babos wissen, wer enteignet wird!“.. Das war irgendwie witzig. Aber dann rief mein innerer Hater: Das versteht doch keiner, der weder das Lied auf das sich der Satz bezieht kennt, noch weiß dass solche Sprüche in der größten Regel nicht ernst gemeint sind. Das ist also einfach nur ein Insiderwitz. Wie die ganze Demo irgendwie ein Insiderwitz war. Auch die Demo-Sprüche und Durchsagen versteht man nur, wenn man sie sowieso versteht. Eine Revolution, bei der man tanzen können will, muss aber die allermeisten Menschen mitreißen. 85 Prozent oder so. Das schafft man aber nicht durch Insiderwitze. Dann stieß ich mit meiner schlechten Laune und meinem sperrigen Fahrradlenker einen Typen mit Bart und selbstgerechten Grinsen in die Flanke, der ein T-Shirt trug, mit der Aufschrift „Wovor hast Du Angst?“. So richtig, weiß ich natürlich nicht, was er mit dem Satz meinte, aber ich vermute, er wollte damit irgendeine Version von „mach dich mal locker“ verbreiten. Auch hier muss ich klarstellen, dass ich Lockerheit an sich sehr gut finde, außer in Fällen, wo ich Verkrampftheit doch nicht so schlecht finde. Die AfD versucht ja beispielsweise auch ein „unverkrampfteres Verhältnis“ zur deutschen Geschichte zu gewinnen. Ich hatte auch schon einen Mitbewohner, der ungerne abgespült hat, und dann gerne seinem Gegenüber bei Beschwerden mehr Lockerness empfahl. Was recht ärgerlich war. Ärgerlich ist aber eben auch, wenn Leute ihre Privilegiertheit mit der Leistung einer positiven inneren Einstellung verwechseln. Man ist eben wohlversorgt in einem sehr, sehr sicheren Land aufgewachsen (auf Kosten von Instablität und Armut woanders). Darum kann man sich auch darauf verlassen, dass die meisten Ängste hier nur eingebildet sind. Aber zum politisch handeln gehört auch dazu, zu erkennen, wie schrecklich ungerecht und grausam die Welt und manche Menschen sein können, und dass das unbedingt verhindert gehört. Auch die ganzen Demosprüche, die fordern, „den Staat“ abzuschaffen, unterschätzen, glaube ich, die Gefahren, die damit verbunden sind. Vor allem, wenn es mit Gewalt passiert. Die romantische Vorstellung, dass sich dann plötzlich „das Volk“ zusammentut und sich freiheitlich und gerecht organisiert, ist weniger realistisch, als dass sich ideologische Gegensätze und Ängste so sehr zuspitzen, dass sich die Gesellschaft wie in Syrien in einen Taumel des Hasses, der Gewalt und des Elends bewegt. „Locker machen“ ist da einfach der falsche Ratschlag. Aber vielleicht meinte es der Typ auch ganz anders.

Jedenfalls brachte das alles nichts, und ich bin dann doch vor Ende der Demo zurück auf mein Sofa.

Als ich dann gerade mit meinem Halloumisandwich in der Hand die „Tagesschau“ schaute, fiel mir auf, dass der größte Grund zu Haten dieser entsetzliche Zustand der Welt ist, und der ist objektiv betrachtet völlig unnötig. Anstatt auf Nationalismen oder die Kräfte des Marktes zu vertrauen, sollten wir zusammenhalten und uns auf die Suche nach einer vernünftigen Art, das Ganze zu organisieren machen. Und genau das wollen ja die Leute von der 1.Mai-Demo, auch wenn vieles daran falsch ist. Ich nahm mir vor, wieder mehr für dieses Ziel zu tun und auch bei der nächsten Demo wieder dabei zu sein.

 

(Karl Atem)

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