Antisemitismus ohne Juden

krake

Woran liegen alle Kriege in der Geschichte in den letzten 100 Jahren? Und was ist die Ursache von allem? Und wenn man das halt alles ‘n bisschen auseinander klamüsert und guckt genau hin, dann erkennt man im Endeffekt, dass die amerikanische Federal Reserve, die amerikanische Notenbank – das ist eine Privatbank, dass sie seit über hundert Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht.“ 

Das hat der Hauptorganisator der „Montagsmahnwachen für den Frieden“ vor einiger Zeit einmal gesagt. Ich möchte im Folgenden erklären, warum solche, furchtbar weit verbreitete Vorstellungen ganz schön viel mit Antisemitismus zu tun haben. 

  Antisemitismus ist Judenhass, das weiß jedes Kind. Damit verbunden ist aber auch ein bestimmtes Weltbild: Hinter den Kulissen zieht „der Jude“ die Fäden der Welt. Er sei zwar ein krummes und schwächliches Wesen, aber ungeheuer schlau, raffgierig und hinterhältig. Er ist das Kranke im Gegensatz zum Gesunden, das Unnatürliche im Gegensatz zum Natürlichen. Seine Heimat ist die Börse, der Zins, das raffende Kapital. Er wird traditionell in Verbindung gebracht, mit den USA, dem Finanzkapital der amerikanischen Ostküste. Als dunkler Drahtzieher umfasst das „Weltfinanzjudentum“ die Welt mit ihren Tentakeln. Nichts ist, wie es scheint. Journalisten, Wissenschaftler und Politiker sind bis auf wenige Ausnahmen Marionetten. Und nur wenige Scharfsichtige durchschauen diese Tatsache. Die naive Masse glaubt dem Schein einer demokratischen Ordnung, einer freien Presse, einer unabhängigen Politik. Der Jude ist das omnipotente Böse. Er ist der Bonze, der Banker, der Blutsauger und fette Kapitalist. Dem steht als Gegensatz das arbeitende, aufrechte und gesunde, arbeitende Volk gegenüber. Das gute Volk wird entweder als ausgemergeltes Opfer oder als wehrhaft und mit einem wie aus Stein gemeißelten Körper dargestellt, je nachdem, welche Gefühle mit dem Bild geweckt werden sollen.

Der Antisemitismus ist Teil unserer Kultur. Er ist eine Erzählung, die Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, und den klassischen Antijudaismus ersetzt oder sich mit ihm vermischt hat. Diese Erzählung ist aber immer noch da, übertragen in den Tiefen unserer kollektiven Erzählungen. Sie hat sich in Teilen gewandelt, so wie Nazis von heute anders sind als Nazis von früher. Aber sie ist noch da, als verschüttetes Bild, das uns irgendwie vertraut und logisch vorkommt, das aber erst greifbar wird mit Hilfe ehrlicher, innerer Grabungsarbeit.

Was sich verändert hat, ist vor allem dieses: Aus guten Gründen darf man den Judenhass heute nicht mehr aussprechen, also auch nicht mehr denken. So wird aus dem Antisemitismus„der Jude“ herausgeschnitten. Der Rest dieses tief verwurzelten Weltbildes lebt noch, und kann mit dem Begriff „struktureller Antisemitismus“ erfasst werden. Ein Weltbild, dass dem des Antisemitismus fast gleicht, nur dass darin keine Juden vorkommen, sondern nur fast omnipotente Bonzen und Banker, deren Lügen und deren unersättliche Gier.

Selbstverständlich ist es nicht per se antisemitisch, „die Federal Bank“ zu kritisieren, und auch nicht irgendwelche klüngelnde Superreiche. Selbstverständlich betreibt die Klasse der Reichen Interessenpolitik, und das oft mit unlauteren Mitteln. Verschwörungen gibt es. Problematisch werden Verschwörungstheorien aber, wenn sie monokausal und argumentativ dicht sind. Wenn alles Böse der Welt in den letzten einhundert Jahren auf eine bestimmte Gruppe zurückgeführt wird, und wenn diese Behauptungen durch keine Fakten und Argumente widerlegt werden können, sondern nur durch die Behauptung „belegt“ werden, dass sie halt angeblich belegt seien. Laufen irgendwo in der Ukraine Soldaten ohne Kennzeichnung herum, gleich weiß man, dass es amerikanische Söldner sind. Der Beweis? Es hat irgendjemand auf irgendeinem Youtube-Video „Blackwater“ gerufen. Explodiert irgendwo eine Bombe, war es ein geheimer Plan des CIA. Das gleiche gilt, wenn innerhalb der USA eine Bombe explodiert oder ein Flugzeug in ein Hochhaus gesteuert wird. Die Aufständischen vom Maidan waren selbstverständlich zu 70 Prozent westliche Agenten, so wie es schon längst ein Heilmittel gegen AIDS, Krebs, Liebeskummer und den Tod gebe, aber die gierigen Konzerne lassen diese Wahrheit nicht zu, weil sie ihre Profite mit dem Leiden der Menschen machen wollen (Komisch nur, dass sich irgendwie doch die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Rauchen schädlich ist). Selbst der Welthunger ist ein Plan der UN und der „sieben Familien“, die Welt zu entvölkern. Nun sind letztere Beispiele schon Verschwörungstheorien für Fortgeschrittene. Wenn man hier nachbohrt, stößt man letztendlich fast immer auf die Namen Rothschild und Rockefeller (letztere sind zwar nicht jüdisch, gelten aber als jüdisch). Antisemitisch will dann aber dennoch keiner sein.
Zwar ist es so, dass die Vorstellung einer von dunklen Drahtziehern gelenkten Welt und der Judenhass nicht notwendig zusammenhängen. Insofern ist der Vorwurf des Antisemitismus immer auch etwas schief. Auch ließe sich argumentieren, dass der Antisemitismus die umfassende Verschwörungstheorie nicht für sich gepachtet habe. Dennoch ist das beschriebene Weltbild sehr anschlussfähig für den waschechten Antisemitismus. Die Struktur ist schon da und lechzt richtiggehend nach dem Juden den man nur noch einsetzen muss.
Dass die umfassenden Verschwörungstheorien aus dem Reich der Mythen stammen und nur Verwirrung stiften, merkt man daran, dass die Verschwörer omnipotent sind, und das, im Fall von Mährholzens Vorstellung, seit über hundert Jahren. Wo unsereins schon Schwierigkeiten hat, einen Haushalt zu organisieren, organisieren diese ein weltumspannendes, umfassendes Lügen- und Täuschungssystem. „Was die Verschwörungstheoretiker nicht begreifen ist, dass die Eliten auch unfähig sind.“, so der linke Journalist Chris Hedges. So ist es. Auch innerhalb der herrschenden Klassen gibt es Streitigkeiten, Dummheit, Zufälle, Widersprüche, hehre Ideale und Ideologien. Auch innerhalb der Klasse derer, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, gibt es Egoisten, Rassisten und Dummköpfe. Es gibt sie nicht, die guten 99 Prozent, die dem bösen „einen Prozent“ gegenüber stehen, wie viele Linke es gerne sehen würden. Dass Zeitungen und andere Medien oft furchtbaren Mist verbreiten, ist nicht nur in irgendwelchen dunklen Seilschaften begründet, sondern im Prinzip der Profitmaximierung, in der Ignoranz vieler Redakteure und ganz schlicht am Geist der Zeit. Die einzelnen Kapitalisten sind oft rücksichtslos und egoistisch, aber sie müssen es auch sein, weil sie sonst im Kampf der Konkurrenz wenig Chancen hätten. Wer keinen Profit macht, stirbt. Daran ist im Kapitalismus auch die Politik gebunden. Man muss Klassenkampf und den Kampf gegen den Kapitalismus unterscheiden von Verschwörungstheorien und Antisemitismus, der wie Ferdinand Kronawetter zu recht gesagt hat, der „Sozialismus der dummen Kerls“ ist.

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