Entlohnung nach Einsatz und Verzicht

Das Entlohnungssystems der „Participatory Economics“ von Michael Albert und Robin Hahnel (der Text ist etwas länger) 

pareconMit den technischen Möglichkeiten, die sich die Menschheit heutzutage erarbeitet hat, wäre es prinzipiell möglich, die Erde in einen freundlichen Ort für alle zu verwandeln. Ein zentrales Problem dabei ist aber, dass kapital- wie martkorientierte Wirtschaftsweisen zwar ihre Vorzüge haben, gleichzeitig im Grunde ein vernünftiges Wirtschaften unmöglich machen. Wettbewerb, Machtmechanismen und andere Dynamiken führen zu extremen Ungleichheiten, verbunden mit einem Wachstumszwang und anderen, sehr negativen Effekten. Auch neuere, vielfach diskutierte wirtschaftspolitischen Ansätze, wie die des Wirtschaftswissenschaftlers und Ungleichheitsforschers Thomas Piketty argumentieren ausdrücklich innerhalb kapitalistischer Logik1. Zwar wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein unregulierter Kapitalismus seine eigenen Grundlagen zerstört, die Prämissen von Wachstum, Profitorientierung und Konkurrenz werden dabei aber nicht angetastet2. Insofern sind wirtschaftliche Alternativkonzepte dringendst nötig. Für besonders interessant halte ich das Wirtschaftsmodell „Parecon“ (Participatory Economics). Darin werden sowohl Märkte als auch zentrale Planung verworfen. Vielmehr wird ein dritter Weg der partizipatorischen Planung nachgezeichnet. Dieses soll sowohl effizienter als auch gerechter funktionieren als kapitalistische Systeme.Das Gerüst für die Parecon sind folgende Prinzipien und Institutionen: Produzenten- und Konsumentenräte, Gemeineigentum an den Produktionsmitteln, Versammlungen, „ausgeglichene Arbeitsfelder“, partizipative Planungsprozesse, und die Entlohnung nach Einsatz und Verzicht. Letzteres, also die Entlohnung nach Einsatz und Verzicht (im Folgenden mit EEV abgekürzt) biete, so die Autoren, ein effizienteres Anreizsystem und sei überdies noch gerechter als die übliche Weisen der Entlohnung.

Dieses Entlohnugsystem halte ich für vielversprechend, auch wenn es einige Kritikpunkte gibt, die ich in einem letzten Teil anreißen möchte. Dazu wird also zunächst das Gesamtkonzept der Parecon umrissen, um dann genauer auf die Frage der Entlohnung einzugehen. Der Text entspringt einer deutlich längeren Version, die ich einmal für die Uni geschrieben habe.

  1. Parecon – Participatory Economics

Die Teile des Parecon-Konzeptes bilden ein systematisches Ganzes, daher lässt sich nicht auf einen Abriss der Gesamtkonzeption verzichten. An einigen Stellen mag diese kontraintuitiv wirken. Insbesondere im Buch „Parecon“ von Michael Albert werden zum einen sehr detailliert Tagesabläufe einer Parecon nachgezeichnet, die diese intuitiv plausibilisieren, zum anderen werden viele Einwände recht ausführlich besprochen. Wen das Konzept näher interessiert für die oder den gibt es viel nachzulesen.

2.1 Hintergrund

Parecon wurde in den achtziger und neunziger Jahren von Michael Albert und Robin Hahnel entwickelt. Michael Albert ist Physiker, Autor und linker Aktivist. Er ist Mitbegründer des „Z Magazine“3, für das unter anderem Noam Chomsky, Naomi Klein und Howard Zinn regelmäßig schreiben. Robin Hahnel ist lehrt Ökonomie an der Portland State University4. Beide ordnen sich selbst der „neuen Linken“ zu5. Sie beziehen sich auf sozialistische und anarchistische Traditionen. Das Konzept der Participatory Economics für von beiden Autoren über eine längere Zeit hinweg in Artikeln, Abhandlungen und mehreren Büchern entwickelt. Die zentralen Werke sind aber zum einen „Parecon“ von Michael Albert und „The Political Economy of Participatory Economics“, das für wirtschaftswissenschaftliches Fachpublikum geschrieben wurde. In drei Betrieben weltweit wurden Prinzipien, wie sie bei Parecon beschrieben werden, von denen allerdings nur noch eines existiert. In mehreren Ländern sind inzwischen Organisationen entstanden, die das Konzept von Parecon zu verbreiten versuchen6.

2.2 Die Gesamtkonzeption von Parecon

2.2.1 Zielvorstellungen

Albert und Hahnel setzen eine Reihe von Grundwerten voraus7. Diese Werte sind Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Solidarität, Effizienz und ökologische Nachhaltigkeit8. Das Prinzip der Selbstbestimmung besagt, dass die Macht so verteilt sein soll, dass Personen je nach Maß ihrer Betfroffenheit durch eine politische Entscheidung, auch über diese mitbestimmen können müssen9. Da die Wesen und Wünsche der Menschen der Menschen unterschiedlich sind, sollten die jeweiligen Handlungs- und Konsumoptionen dieser Viefältigkeit entsprechen. Hauptaufgabe einer Wirtschaft sei es, bekannte Bedürfnisse zu erfüllen. Schaffe sie das nicht oder nur eingeschränkt, da sie weniger oder schlechtere Güter herstelle, nütze sie uns, so Albert, „gar nichts!“10. Der Begriff der „Gerechtigkeit“ wird von Albert als offensichtlich vorausgesetzt, bzw. entfaltet er seinen Sinn mit der inneren Logik des Parecon. Gerecht wird hier ökonomisch gedacht: Es ist ungerecht, wenn jemand Kosten hat und dafür weniger zurück erhält als andere11 oder wenn Chancengleichheit nicht gegeben ist. Auch die Bevorzugung ökologischer Nachhaltigkeit gegenüber Umweltzerstörung, von Effizienz gegenüber Ineffizienz und der Solidarität als innerer Zusammenhalt einer Gesellschaft gegenüber Vereinzelung und Misstrauen werden als intuitiv nachvollziehbar und also offensichtlich vorausgesetzt12. An diesen nicht aufeinander reduzierbaren Werten, solle sich die Frage nach einem sinnvollen Wirtschaftssystem messen lassen.

Eine zentrale Annahme für Parecon ist, dass das Konzept „gewinnen“ kann und soll13. Das bedeutet auf lange Sicht gesehen, dass Parecon Märkte und Kapitalismus vollständig ersetzen. Ermöglicht wird das u.a. dadurch, dass es effizienter funktionieren soll als alle anderen existierenden Wirtschaftssysteme, womit auch ein langsamer Prozess hin zu einer Parecon-Gesamtwirtschaft denkbar wäre14. Das parecon’sche Anreizsystem behauptet, sowohl das menschliche Eigeninteresse als auch das Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu bedienen. Idealerweise soll die Verheißung des Marktprinzips erfüllt werden, die Verfolgung der Einzelinteressen fallen, so Albert, mit dem gesamtgesellschaftlichen Interesse zusammen.

„Wer in einer gerecht gestalteten Umwelt und im Bewusstsein gesellschaftlicher Zusammenhänge seine Selbstverwirklichung verfolgt, trägt zur Optimierung des Ganzen bei.“15

Die Menschen müssten dazu „keine Engel“ werden, sondern die Erfolge folgen aus der Struktur und der Motivation einer partizipatorischen Planung16.

2.2 Ablehnung von Märkten und zentralisierter Planwirtschaft

In den heute gängigen Wirtschaftssystemen finden sich nach Albert vier Institutionen: Privateigentum an den Produktionsmitteln, Großunternehmen mit hierarchischer Arbeitsteilung, zentrale Planung und Märkte. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln gehöre abgelehnt, da daraus notwendig Machtballungen resultieren und somit dem Ziel der Selbstbestimmung entgegensteht17. Auch die Unterschiede, die aus der Arbeitsteilung entstehen, verursachen eine Klassenteilung. Klassengegensätze aber zerstören den Zusammenhalt, die „Solidarität“ einer Gesellschaft18. Auch in zentralisierten Planwirtschaften entstehe eine „Koordinatorenklasse“19, die mit der Zeit durch die „Monopolisierung von Wissen“ und der Entwicklung einer klassenspezifischen und Privilegien legitimierenden Kultur, diese ausbauen und verfestigen20. Jede Klassenherrschaft führe also zur Apathie auf Seiten der Beherrschten und zur Arroganz auf Seiten der Macht. Das Konkurrenzprinzip der Marktwirtschaft führt dazu, dass diejenigen, die einen Vorsprung durch Macht, Eigentum oder natürliche Anlagen besitzen, diesen weiter ausbauen und vererben21. Hochproblematisch sind nach Albert auch die negativen externen Effekte, also der Effekte auf unbeteiligte Dritte, wie sie bei einer durch marktregulierte Transaktionen oft entstehen22. Durch diese Effekte verursachte Sozial- und Umweltkosten müssten grundsätzlich in den Preis einer Ware eingehen, um sozial und ökologisch gerechtes Gleichgewicht zu ermöglichen. Märkte können solche Prinzipien aber nur zum Preis starker Ineffizienz erbringen. Der systematische „Messfehler“, den Märkte beim Messen von Sozial- und Umweltkosten begehen ist der, dass Märkte die Arbeitskraft bestenfalls nach ihrem Wertgrenzprodukt bezahlen, also dem Wert des Beitrages zum Endprodukt. Die negativen exteren Effekte spielen in dieser Rechnung keine Rolle23.

Kooperation und Solidarität werde außerdem in Marktsystemen massiv erschwert, da zum einen Produzenten keine qualitativen Informationen über die jeweilige Lage der Konsumente besitzen und umgekehrt. Außerdem belohnten Marktsysteme systematisch egoistische Handlungen24. Zwar erzeugten Märkte auch positive Effekte erzeugen, solange aber so wesentliche Ressourcen wie die innergesellschaftliche Solidarität und das ökologische Gleichgewicht so erheblich gestört werden, seien Marktwirtschaften nicht tragbar.

2.2.3 Produzentenräte, Konsumentenräte und partizipatorischer Planungsprozess

Was und wie es produziert wird, wie Aufwand und Ertrag verteilt werden, das wird bei Parecon in möglichst demokratischen Versammlungen der Produzenten und Konsumenten entschieden. Die Produzentenräte setzen sich aus den Arbeitenden in den Betrieben zusammen und organisieren sich in Abteilungs- Betriebs- und Branchenräten. Die Konsumentenräte setzen sich aus den Nachbarschaften zusammen und organisieren sich in Nachbarschafts-, Bezirks-, Regional-, Landes-, Staatsräten. Entscheidungen werden auf der jeweils passenden Ebene getroffen. Der Bau eines Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes würde beispielsweise auf einer nationalen Versammlung beschlossen werden. Der Bau einer örtlichen Bibliothek im Regionalrat. Die Abstimmungen und Entscheidungen werden je nach Bedarf nach einfacher Mehrheit, 2/3 Mehrheit oder im Konsens getroffen. Die jeweils ideale Vorgehensweise wird situationsabhängig von den Räten bestimmt25.
Die Produktions- und Konsumtionspläne, deren Abläufe von Albert und Hahnel recht differenziert beschrieben, werden immer für ein Wirtschaftsjahr in mehreren Durchläufen festgelegt. Sie können noch während des Jahres nach Bedarf geändert werden. Ein Unterstützerbüro übernimmt die Auswertung der Pläne und die Vermittlung der Räte und Pläne untereinander. Sie hat aber keine eigene Entscheidungsmacht.

Geld, als Tauschmittel verstanden, gibt es zwar bei Parecon, aber mit einer wichtigen Einschränkung: Man bekommt es von Parecon-Betrieben über ein elektronisches Buchungssystem „bezahlt“ und es lässt sich nur in „Parecon-Läden“ einlösen. Das bewirkt, dass kein „freier“ Handel über dieses „Geld“ betrieben werden kann. Wer handeln will, kann handeln, aber nur über Naturalien. Handel und Märkte werden zwar nicht unterdrückt, aber durch fehlende gesellschaftliche Unterstützung im großen Stil unmöglich gemacht.

2.2.4 Preise als Indikator der wahren Opportunitätskosten

In einer optimal funktionierenden Wirtschaft fließt das Wissen über die Auswirkungen auf Menschen und Umwelt in die jeweiligen Entscheidungen und Handlungsabläufe mit ein. Das funktioniert in Marktwirtschaften nicht zufriedenstellend, auf Grund unterschiedlicher Verhandlungsmacht, und da Akteure, die bestimmte Entscheidungen betreffen, sehr oft nicht beteiligt werden (die besagten negativen externen Effekte). Auch bei Parecon stellen die Preise ein wichtiges Kommunikationsmittel dar, „eine Art Kurzschrift für die relativen Kosten und Nutzen ihrer verschiedenen Optionen“26. Nur werden bei Parecon die Verzerrungen der Markt- und Zentralplanungsprozesse vermieden. Im partizipatorischen Planungsprozess seien die Beziehungen reziprok und interaktiv. Die Preise stellen, gemeinsam mit quantitativen Informationen, die ebenfalls in die Planungsprozesse eingehen, die wahren Opportunitätskosten dar27.

2.2.5 Ausgeglichene Tätigkeitsbündel

Albert und Hahnel argumentieren, dass Arbeitsteilung an sich problematisch ist, bezüglich der Werte von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Sehr spezialisierte Fließbandarbeit sei beispielsweise belastend für die Arbeitenden und unbefriedigend. Auch führe anspruchsvolle im Gegensatz zu stumpfsinniger Arbeit dazu, dass manche höhere Fähigkeiten wie bessere Sprachkompetenz und Selbstbewusstsein entwickeln, die ihnen Vorteile bei Verhandlungen mit anderen Akteuren geben28. Koordinatorische Arbeitspositionen führten außerdem dazu, dass die betreffenden Akteure deutlich mehr Einfluss haben, Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Verschiedene Arbeits- und Handlungspositionen im Betriebsleben sind also verschieden angenehm und mit Macht aufgeladen. Gleichzeitig wolle man aus Effizienzgründen und dem Wert der Vielfalt folgend nicht auf Spezialisierung und Arbeitsteilung verzichten. Der Vorschlag, der mit Parecon für die Lösung dieses Problems gemacht wird, sind die „ausgeglichenen Tätigkeitsbündel“: Dabei werden in demokratischen Prozessen bestimmten Arbeiten bestimmte Rangwerte zugewiesen. Diese Arbeiten können dann so weit kombiniert werden, dass ein bestimmter, vorher errechneter Mittelwert erreicht wird29. In einer Universität hieße das beispielsweise, dass wer sonst erfüllender Lehrtätigkeit nachgeht, an einem Tag der Woche auch Toiletten wischen muss. Dieser betriebliche Durchschnittswert, an dem sich die Tätigkeitsbündel orientieren, orientiert sich an einem gesellschaftlichen Durchschnittswert30. Bei gesamtgesellschaftlicher Produktivitätssteigerung verändern sich diese Durchschnittswerte dahingehend, dass weniger unangenehme Arbeit verrichtet werden muss, was zur gesamtgesellschaftlichen Solidarität beitrage. Albert und Hahnel entwerfen ein recht differenziertes Konzept, wie sogar zwischen den Branchen die Tätigkeitsniveaus ausgeglichen werden können31.

2.2.6 Innovationen

Albert argumentiert, dass in einer Parecon optimale Anreize gesetzt werden, für Innovationen aus der Arbeitendenschaft heraus. Keine Hierarchien blockieren die Kommunikation, Innovationen kommen allen zu Gute durch eine daraus resultierenden Absenkung der Soll-Arbeitsleistung für den jeweiligen Betrieb. Allerdings sollen Menschen, die auf Innovationen stoßen, „nicht mit wesentlich besseren Konsummöglichkeiten belohnt werden“32. Es wird dabei davon ausgegangen, dass der Faktor der Anerkennung als Anreiz genüge, zumal eine direkte zusätzliche materielle Vergütung zumindest nicht im ausgeprägten Maße nötig sei. Auch würde in einer nicht-kapitalistischen Wirtschaft kein Grund bestehen, wichtige technologische Informationen oder Errungenschaften geheim zu halten, was zu einer deutlichen Produktionssteigerung führen sollte. Ein Wettbewerb um Anerkennung könnte so gesehen stattfinden, aber ohne die negativen Effekte eines marktvermittelten Wettbewerbes.

2.3 Entlohnung nach Einsatz und Verzicht

2.3.1 Konzeption
In engem Zusammenhang mit den Tätigkeitsbündeln steht bei Parecon die „Entlohnung nach Einsatz und Verzicht“33 (EEV). Die Tätigkeitsbündel ermöglichen, dass Arbeiten auf ungefähr vergleichbare Weise angenehm oder unangenehm sind. Ein Anreiz zum Aufnehmen von unangenehmeren Arbeiten muss also nicht über höhere Löhne erfolgen.

Zur Berechnung eines sinnvollen Lohns bieten Albert und Hahnel eine recht umfassende Analyse:

Es gebe fünf mögliche Ansätze der Verteilung und Entlohnung34:

  1. Nach der Gesamtleistung des Privateigentums (Eine Person besitzt fünf Häuser und erwartet dafür Mieteinnahmen).
    2. Nach der persönlichen Leistung, also dem Beitrag den jeder Akteur selbst zum Sozialprodukt beiträgt. Die persönliche Leistung hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab: Glück, Ausbildung, Begabung, technische Ausstattung, usw..
    3. Nach der Verhandlungsmacht, also dem was jeder für sich persönlich herausholen kann. Das ist streng genommen keine Entlohnung, sondern beruht eher auf einem Mechanismus dessen Ausprägung ebenfalls von äußeren Faktoren abhängig ist (s.o.).
    4. Dem Einsatz und dem Verzicht, mit dem jeder zum Sozialprodukt beiträgt.
    5. Sowie dem Bedarfsprinzip. Man bekommt was man braucht, unabhängig vom Input.

Albert argumentiert, dass diese Einteilungen vorerst analytischer Art sind. In der Praxis kommen sie selten getrennt voneinander vor. In kapitalistischen Wirtschaftssystemen würden die Konsummöglichkeiten das Maß der Entlohnung zum einen nach dem Maß des Beitrags zum Sozialprodukt, wobei darin auch der Beitrag des jeweiligen Eigentums hinzukomme. Die Verhandlungsstärke spiele dabei allerdings eine zentrale Rolle35. In gemeinwirtschaftlich organisierten Systemen, die Albert als „marktsozialistisch“ bezeichnet, also Systemen, wo das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft sei, orientiere sich Entlohnung und Verteilung ausschließlich nach dem persönlichen Beitrag und der Verhandlungsstärke. Beide Ansätze seien zu verwerfen.

„[…] denn sie belohnen, was keine Belohnung verdient (verbriefte Rechte, Glücksumstände, genetische Vorteile), verweigern die Belohnung dort, wo sie angebracht wäre (z.B. Fleiß in der Ausbildung), und belohnen nicht angemessen dort, wo die Leute selbst Einfluss ausüben und wofür sie Verantwortung übernehmen können – nämlich die Mühe und den Verzicht, denen sie sich im Interesse des Sozialprodukts unterziehen.“36

Mit Parecon wird also vorgeschlagen, Tätigkeiten nach Einsatz und Verzicht zu entlohnen. Zum einen setze dies die stärkeren Leistungsanreize, zum anderen sei es gerechter. Der Gedanke ist der, dass dabei nur Handlungen belohnt werden, auf die die Akteure Einfluss haben. Die Entlohnung der Arbeitenden bei durchschnittlicher Arbeitsintensität, die durch die Tätigkeitsbündel prinzipiell gewährleistet wird, bezeichnen Albert und Hahnel als das „Grundeinkommen“. Wer mehr Stunden oder intensiver arbeitet, hat die Möglichkeit in begrenztem Maße mehr zu verdienen. Die Beurteilung und Bestätigung dieser Arbeitsintesität und -menge könnte einem speziellen Ausschuss obliegen. Die Tätigkeitenbündel verhindern extreme Unterschiede in den Einkommen da alle ähnlich angenehme oder unangenehme Arbeit verrichten37.

Bestimmte Bereiche wie Gesundheitsdienste oder die Nutzung öffentlicher Anlagen soll völlig gratis sein, sind also bedarfsorientiert. Die Kosten für diese Bereiche werden sozialisiert, anstatt Bedürftige zu bestrafen. Die Entscheidung welche Güter sozialisiert werden, liegt bei den Verbraucher*innenräten. Auch sollte es, um die Ziele der Gerechtigkeit und der Solidarität zu erfüllen, die Möglichkeit geben, bei den Verbraucher*innenräte um individuelle Unterstützung bei der Deckung des Bedarfs zu bitten, worüber fallweise entschieden wird38. Bedürftige erhalten ein Grundeinkommen39.

2.3.2 Einige Einwände und ihre Entgegnungen

Albert legt in seinem Buch „Parecon“ viel Wert darauf, die jeweiligen Abläufe und Situationen einer Parecon konkret nachzuzeichnen. Auch geht er in einem vierten Teil des Buches auf mögliche Kritikpunkte ein. Eine zentrale Frage ist die nach der Messbarkeit von Einsatz und Verzicht, im Gegensatz zur Messung von Leistung40. Hier argumentiert er, dass Leistung nur scheinbar leichter zu messen sei als der Einsatz:

„Nur die Lehrbücher sprechen mutig vom Wertgrenzprodukt in unbeschränkt substituierbaren Modellen; die Realität gesellschaftlicher Unternehmungen richtiget sich selten danach. Häufig ist unklar, wer für ein bestimmtees Ergebnis verantwortlich ist oder wer wie viel zu einem gegebenen Output beitgetragen hat.“41

Einige Fälle seien leichter lösbar, andere seien undurchsichtiger. Selbst nach Baseballpielen42 gebe es endlose Diskussionen darüber, wer wie viel zu einem bestimmten Sieg beigetragen habe. An Schulen sei es beispielsweise in vielen Fällen üblich, Schüler*innen auch nach dem individiuellen Fortschritt zu benoten43.

Ein weiterer, zentrale Frage, die von Albert besprochen wird, ist die, ob die Entlohnung nach Einsatz und Verzicht weniger Anreize bietet als andere Weisen der Entlohnung und Verteilung. Hier betont Albert, dass abseits von der Ausbildung, die ja in einer Parecon-Gesellschaft von der Gemeinschaft getragen wird, der persönliche Einsatz der einzige leistungsbestimmende Faktor sei, auf den jemand Einfluss habe44. Begabung oder Glück ließen sich per Definition nicht beeinflussen. Auch andere gute Leistungen, wie beispielsweise durch bessere Werkzeuge oder mehr Know-How liegen ja außerhalb der jeweiligen Person. Insofern sei der Einsatz genau der Faktor, der belohnt werden müsse, um die jeweilige Leistung zu steigern. Dem Argument, dass dann immer noch für Hochleistungen nicht genügend materielle Anreize zur Verfügung stünden, entgegnet Albert, dass ja ein Mehr ein Einkommen durch höheren Einsatz möglich sei. Auch seien selbst in kapitalistischen Gesellschaften nicht-materielle Ziele wie Selbsterfüllung und soziale Anerkennung45 zentraler als die bloße Vermehrung der eigenen Konsummöglichkeiten46. Auch das Streben nach Reichtum auf Grund eines Sicherheitsbedürfnisses falle in einer Parecon-Gesellschaft weg, da es hier keine Armut gibt, Sicherheit also gegeben ist.

Praktisch und analytisch ist das Prinzip der Entlohnung nach Einsatz und Verzicht nicht trennbar von dem der ausgewogenen Tätigkeitenbündel, da diese erst verhindern, dass besonders anstrengende Arbeit besonders hoch entlohnt werden muss. Dem Argument, der Gesellschaft entgingen Nutzen, da stark spezialisierte Arbeitskräfte wie Gehirnchirurg*innen nicht ihre volle Arbeitszeit auf die Gehirnchirurgie verwenden könnten, entgegnet er, dass dieser Nutzenausfall leicht dadurch ausgeglichen würde, dass im jetzigen Wirtschaftssystem versteckte Talente in einer Parecon aufblühen würden. Diese hätte ja dann erst erst die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen. Auch würde generell die innergesellschaftliche Solidarität gestärkt, da kein kapitalistischer Klassenantagonismus herrsche, der für sich schon zu gewaltigen Produktions- und Effizienzverlusten führe47.

„[Es würde] an die Stelle der jetzigen, durch Ungerechtigkeit, Fehlurteile und Ressentiments gekennzeichneten Situation eine von Solidarität geprägte Situation treten“48.

3.  Fazit

Parecon ist eine Konzeption für ein nichtkapitalistisches Wirtschaftsystem, das an den miteinander korrespondierenden Werten Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Solidarität, Effizienz und der ökologischen Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Auf dieser Grundlage werden Marktsysteme und Zentralplanungssysteme abgelehnt, denn diese führen jeweils zu ungerechten, und ineffizienten Klassengesellschaften. Die Institionen, die das Gerüst eines Parecon-Systems begründen sind Gemeineigentum an den Produktionsmitteln, Produzent*innen- und Konsument*innenenräte, „ausgeglichene Arbeitsfelder“, partizipative Planungsprozesse, und die EEV. Die EEV sowie einige mögliche Entgegnungen gegen die EEV wurden hier dargestellt. Sie biete darum ein effizienteres und gerechteres Anreizsystem, da zumindest analytisch gesehen, die Anteile menschlichen Verhaltens belohnt werden, auf die die Akteure selbst Einfluss haben, anstatt Faktoren, die auf einer glücklichen Geburt beruhen. Der Entgegnung, dass Einsatz und Verzicht nur schwerlich messbar seien, erwidern die Autoren, dass Leistungen im Sinne eines Outputs mindestens ebenso schwierig messbar sei.

Das Gesamtkonzept der Participatory Economics ist vielversprechend, da es sowohl Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen, als auch deren Eigennutz anspricht. Die Überlegung, dass die Entlohnung nach Einsatz und Verzicht sowohl gerechter als auch motivierender ist, als die kapitalistische Weise der Entlohnung überzeugt mich. Es gibt aber einige sehr problematische Stellen. Beispielsweise ist fraglich, wie „reproduktive“ Haushaltstätigkeiten entlohnt werden sollen. In meiner Hausarbeit, habe ich versucht, ein weiteres, sehr zentrales Problem herauszuarbeiten: Höchstwahrscheinlich werden auch in einer etablierten Parecon-Gesamtwirtschaft, mit Sicherheit aber im Übergang zu einer Parecon-Gesamtwirtschaft Unternehmertypen nötig sein, die extrem hohe Kosten und Risiken auf sich nehmen. Deren Einsatz und Verzicht  lässt sich nicht nach den eigenen Maßstäben auf gerechte Weise entlohnen. Das erklärt auch, warum es derzeit nur einen Betrieb weltweit gibt, der nach Parecon-Prinzipien arbeitet. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Konzept zu verwerfen ist. Es ist ein sinnvoller Ausgangspunkt für eine grundsätzlich andere Art des Wirtschaftens und Entlohnens.

1Vgl.: Greffrath http://www.taz.de/!149291/

2Vgl.: Pikety. 303ff.

3https://zcomm.org/author/malbert/

4http://www.pdx.edu/econ/robin-hahnel

5https://zcomm.org/zaudio/new-left-lessons-by-michael-albert/

6Vgl.: http://www.participatoryeconomics.info/links/

7Vgl.: Parecon: 35ff.

8Vgl.: Hahnel: 7ff.

9Vgl.: Ebenda: 45f.

10Ebenda: 47

11Vgl.: 2.3

12Vgl.: Parecon: 46ff.

13Vgl.: Albert: (2000): 148ff.. Vgl. auch Albert (2015) What, Actually, Would It Mean to Win? https://zcomm.org/znetarticle/what-actually-would-it-mean-to-win/

14Vgl.: Albert (2000): 150

15Parecon: 178

16Vgl.: Parecon: 178f.

17Albert (2006): 49f.. Außerdem: Hahnel/Albert: 14f.

18Vgl.: Ebenda: 52

19Ebenda: 52, 56f.

20Ebenda: 52ff.

21Vgl.: Ebenda: 60f.

22Vgl.: Ebenda: 62ff.

23Vgl.: Ebenda: 64ff., 76f.

24Vgl.: Ebenda: 68f.

25Vgl.: Albert: 93ff.

26Parecon: 122

27Vgl.: Parecon: 122f.

28Vgl.: Parecon: 102ff.

29Vgl.: Parecon: 103

30Vgl.: Parecon: 106

31Vgl.: Parecon: 106ff.

32Parecon: 240

33Vgl.: Parecon: 110ff.

34Vgl.: Parecon: 110ff.

35Vgl.: Parecon: 111

36Parecon: 112

37Vgl.: Parecon: 113f.

38Vgl.: Parecon: 115

39Vgl.: Parecon: 273

40Vgl.: Parecon: 226f.

41Parecon: 226

42Baseball sei ein Sport, in dem individuellen Beiträge isolierter und darum messbarer seien als bei den meisten anderen Mannschaftssportarten, und dennoch seien die Leistungen hier nur schwer messbar (Vgl.: Parecon: 226).

43 Vgl.: Ebenda

44 Vgl.: Parecon: 222

45Vgl.: Parecon: 225

46Vgl.: Parecon: 224

47Vgl.: Parecon: 14

48Parecon: 142f.

Literaturangaben

Albert, Michael (2001): Moving forward. Programme for a participatory democracy. Edinburgh: AK.

Albert, Michael : Parecon. Grafenau Württemberg (2004).

Albert, Michael; Hahnel, Robin (1991): The political economy of participatory economics. Princeton, N.J.: Princeton University Press.

Online Quellen, abgerufen am 4.4.2015:

Albert, Michael: What, Actually, Would It Mean to Win? K.A. ((2015). http://www.telesurtv.net/english/opinion/What-Actually-Would-It-Mean-to-Win-20150223-0037.html

Autorenbeschreibung Michael Albert in: Zcomm.Org.

https://zcomm.org/author/malbert/

Autorenbeschreibung Robin Hahnel: In Website Portland State University. http://www.pdx.edu/econ/robin-hahnel

http://www.taz.de/!149291/

Grötker, Ralf: Ein Spiel fürs Leben; Max Planck Forschung (2009).

http://www.tabvlarasa.de/35/Lehmann.php

Nowak, A.N./Page, K.M./Sigmund, K.: Sciencemag, Vol 289, 2009, k.A. .

http://www2.econ.iastate.edu/classes/econ308/tesfatsion/NowakEtAl.FairnessVsReason.pdf

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Lösungsvorschläge abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s