Denken als Schulfach

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Foto: Wikipedia

Leider beherrschen derzeit die Schreihälse die öffentlichen Debatten. Inbesondere wenn es um die Flüchtlingspolitik und um Fragen der Integration geht. Flüchtlingsgegner und Flüchtlingsbefürworter stehen sich hier in Grabenkämpfen gegenüber und schießen sich auf Extrempositionen der Gegenseite ein. Diesem Grabenkrieg der Meinungen lässt sich nur entkommen, wenn man zumindest grundsätzlich dazu bereit ist, eine relativ neutrale Ebene zu betreten, auf der Argumente unabhängig davon bewertet werden, ob sie einem passen oder nicht. Dazu müsste man sich auf bestimmte Regeln der Logik und der Beweisführung einigen. Diese Regeln müssen schon in der Schule (und zwar nicht nur auf dem Gymnasum) gelehrt werden, ansonsten läuft die Demokratie Gefahr, vollends zur Ochlokratie zu verkommen. So wie in Baden-Würrtemberg bald das Fach „Wirtschaft“ eingeführt wird, könnte das Schulfach „Denken“ eingeführt werden.

Natürlich muss zuerst betont werden, dass es selbstverständlicherweise keine (oder kaum – darüber lässt sich streiten) absolute Wahrheiten gibt. Was es aber gibt, sind relative, also an Situationen und Umstände gebundene Wahrheiten und vor allem Unwahrheiten. Manche Überzeugung und Denkweise beruht auf Denkfehlern, und es ist sinnvoll und wichtig, solche Denkfehler zu identifizieren und zu vermeiden. Man könnte an aktuellen Beispielen solche möglichen Fehler ausformulieren, durchdenken und diskutieren. Jedes zwölfjährige Kind kann beispielsweise verstehen, dass Anekdoten keine Beweise sind, sondern nur der Veranschaulichung dienen können. Wenn beispielsweise alleine in Berlin tausende Verbrechen täglich begangen werden, dann ist es selbstverständlich, dass es Einzelfälle gibt, in denen Migranten oder Flüchtlinge kriminell geworden sind. Und doch neigen bestimmte „besorgte Bürger“ dazu, Anekdoten zu sammeln, als hätten sie irgendeine allgemeine Beweiskraft. Für die Beantwortung solcher Fragestellungen sind Statistiken notwendig. Grundsätzlich ist ein kritischer Umgang mit diesen sinnvoll, aber zumindest in den Kommentarspalten von Facebook und Youtube scheint das einzige Kriterium für die Qualität einer Statistik zu sein, ob sie einem selbst in den Kram passt. Dabei ist es meist gar nicht so kompliziert, die Entstehung von Statistiken kritisch zu hinterfragen. So hat N24 neulich bei Emnid eine Umfrage in Auftrag gegeben, wo „festgestellt“ wurde, dass Menschen, die schon Kontakt mit Flüchtlingen hatten, eher der Meinung seien, dass der Zuzug von Flüchtlingen den inneren Frieden gefährde. Ein gefundenes Fressen für „Besorgte“. Nur könnte das als Schulbuchbeispiel für unpräzise Fragestellungen dienen. Denn wer könnte schon leugnen, dass der Zuzug von Flüchtlingen den inneren Frieden gefährde. Allerdings liegt die Ursache für diese Gefährdung nicht unbedingt in der Schlechtigkeit oder Andersartigkeit der Flüchtlinge, sondern möglicherweise auch in der Wut und Ignoranz der Flüchtlingsfeinde, die auf den Zuzug reagieren. Das wurde aber in der Umfrage nicht abgefragt, obwohl genau solche Unterscheidungen interessant und wichtig gewesen wären. Auch sollte sich endlich in der Bevölkerung die Einsicht durchsetzen, dass sinnvolle politikwissenschaftliche Statistiken Faktoren wie Alter, Geschlecht und soziale Schichtung mit einbeziehen müssen. Mit Hilfe dieser Faktoren erklären sich sehr leicht diverse statistische Schieflagen zur Ausländerkriminalität, wie zahlreiche Studien belegen. Man könnte Thilo Sarrazins berüchtigtes Buch „Deutschland schafft sich ab“ innerhalb von zwei bis drei Unterrichtseinheiten in seinen Kernaussagen durcharbeiten, um daran zu zeigen, wie Statistik nicht gemacht werden sollte (wie in unserem Statistikunterricht an der Uni geschehen).

Ein Denkfehler, auf dessen Grundlage seit Jahrhunderten die Welt mit Leid überzogen wird, wäre beispielsweise auch der „Naturalistische Fehlschluss“: Dieser verwechselt das (scheinbare) Sein mit dem Sollen. So wird beispielsweise angenommen, dass Homosexualität „unnatürlich“ sei. Damit wird schnell aus der Homosexualität eine Art Krankheit, die die „natürliche Ordnung“ der Welt bedroht. Diesem Fehlschluss hängen sowohl radikale Islamisten als auch Rechtsextreme aller Länder an. Was ist, wenn plötzlich alle so werden? So lachhaft dieser Gedanke an sich ist, so wurde in Deutschland erst 1994 der Paragraph 175 gegen „widernatürliche Unzucht“ vollständig gestrichen. Weltweit wird Homosexualität, (meist mit der Begründung irgendeiner natürlichen Ordnung“) unter Strafe, mitunter auch die Todesstrafe, gestellt. Dabei stellt sich, neben der Tatsache, dass Homosexualität in der Natur eine Normalität ist, die Frage, warum die Natur überhaupt als Vorbild genommen werden sollte. Wer der Natur besondere Freundlichkeit oder Sinnhaftigkeit zuspricht, sieht nicht genau genug hin. Immerhin bedeutet eine der wichtigsten Entwicklungsmechanismen der Natur, die natürliche Selektion, schlicht „überlebe oder verrecke“. Aufgabe der Menschen sollte es darum viel eher sein, sich wechselseitig gegen die Gewalt der Natur zu schützen, und nicht ihr verlängerter Arm zu sein. Eine ähnliche, weil genau entgegengesetzte, Verwechselung von Sein und Sollen findet oft auch von Links in Form des „moralistischen Fehlschlusses“ statt. Wenn also „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Viele Menschen, die sympathischerweise gegen Krieg sind, lehnen jede Gewalthandlung ab, mit der Begründung, dass sie moralisch verwerflich sei. Würde eine solche Regel Ernst genommen, dürften sich beispielsweise die kurdischen Kämpferinnen und Kämpfer nicht gegen die Schlächter des IS wehren. Alleine die moralische Verwerflichkeit von Gewalt reicht darum als Argument nicht aus, weil damit mitunter andere, schlimmere Gewalt ermöglicht wird.

Viele Denkfehler sind psychologisch zu erklären: Beispielsweise der Impuls, Zusammenhalt zu schaffen, indem man die „Anderen“ als Gegenkonzept konstruiert („othering“ genannt). „Die Ausländer“ werden damit ein Mittel, um das besonders Deutsche zu bestätigen: Wenn Deutsch sein besonders sauber zu sein heißt, pickt man sich Anekdoten besonders schmutziger „Zigeuner“ heraus und bestätigt damit das eigene saubere Deutsch-sein. Ähnlich liegt es mit den eigenen Privilegien: Man neigt dazu, blind gegenüber ihnen zu sein. Sie erscheinen einem selbstverständlich. Werden diese Privilegien dann weggenommen, fühlt man sich plötzlich benachteiligt und unterdrückt, obwohl objektiv gesehen nur das gleiche Recht für Alle etabliert wurde. Solche Vorgänge könnten in einfachen Spielen selbst erfahren und somit handhabbar gemacht werden.

Es gibt viele dieser Denkfehler, die den politischen Dialog behindern, von denen einige sehr leicht in einer Unterrichtsstunde besprochen werden könnten. Das wird nicht automatisch dazu führen, dass alle Menschen von nun an nur noch klug und sinnvoll argumentieren. Das Schulfach „Denken“ könnte aber für einige mögliche Denkfehler sensibilisieren und insgesamt das Niveau auf dem gestritten wird, anheben. Idealerweise gewinnt man dabei auch die Einsicht, dass es sich lohnt genauer über die Dinge nachzudenken.

Das könnte Leuten aus allen politischen Lagern zu Gute kommen: Linke, die in der Regel selbst genau so wenig Begeisterung für den Islam wie für das Christentum hegen, könnten endlich von der Dauerrolle befreit werden, extreme Pauschalisierungen gegen Muslime abzuwehren. Auch Rechte könnten ihre mitunter auch sinnvollen Argumente ausformulieren, wenn sie nicht ständig in diesen Sog der Polarisierungen mitgerissen würden. Eine ähnliche Funktion das Denken zu schulen könnten die Fächer Ethik oder Philosophie erfüllen, obwohl die Bezeichnung „Denken“ wohl präziser das ausdrücken würde, um was es eigentlich gehen sollte. Allerdings müssten diese dann ernster genommen werden. Sie müssten zu Pflichtfächern an allen Schulen werden, und nicht nur zu irgendeinem Neben- oder Wahlpflichtfach.

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4 Antworten zu Denken als Schulfach

  1. seinswandel schreibt:

    Ich bin durchaus ein Fan von klarem, scharfsinnigen Denken, habe aber dennoch einigen Zweifel an den hier vorgebrachten Vorschlägen.
    (1) Denken lässt sich wohl lernen und schulen, aber ein (per Zwang) verordnetes Denken, bringt vor allem Denken in Zwangsordnungen hervor. Das ist genau das, was wir jetzt schon beobachten, und das halte ich dann auch schon für das Kernproblems eines „Schulfaches Denken“. Die Schule ist immer noch über weite Strecken eine höchst undemokratische Institution. Es wird zwar viel über Demokratie geredet aber nicht praktiziert. Das ist von Beginn an der Crux bürgerlicher Bildung: Selbständigkeit soll durch institutionalisierte Entmündigung erzogen werden (und Chancengleichheit durch Selektion). Dieses Projekt der Erziehung setzt ein erziehungsbedürftiges, hilfsbedürftiges Menschwesen, das erst zum Menschen gemacht werden muss, voraus. (Dieses Konstrukt der Entmündigung zur Förderung von Selbständigkeit lässt sich übrigens auch in der Hartz4-Gesetzgebung und -Praxis wiederfinden.)
    (2) Mangelnde Intelligenz ist einer der häufigstigen Vorwürfe in den emotional aufgeladenen, schwer empörten Debatten. Die Kultivierung von flächendeckender Zwangsbildung wird in Europa schon seit etwa dem 18 Jh. betrieben. Immer wieder, wenn es zu sozialen Verwerfungen kam, war zu hören: mehr davon. Ich habe Zweifel daran, dass eine Steigerung von kühler, analytischer Vernunft geeignet ist, soziale Spannungen zu lösen. Die Vernunft ist sicher ein sehr nützliches Werkzeug. Allerdings gibt es zahlreiche Bereiche des menschlichen Lebens, die sich nicht mit analytischen Denken lösen lassen. Ich denke da z.B. an emotionale Erregung und Verletzung. Da braucht es dann Teilhabe, Mitgefühl, Anerkennung, Dankbarkeit, Vertrauen usw.
    (3) Die „Gewalt der Natur“ ist ein ganz ähnliches Konstrukt wie eine „freundliche Natur“. Es stimmt, immer wieder musste die „natürliche Ordnung der Dinge“ für alles mögliche herhalten, dennoch scheint es uns schwer zu fallen, auf ein Konstrukt der Natürlichkeit als Referenz zu verzichten. Anders ausgedrückt: jedes Denken geht von Prämissen aus, die nicht weiter hinterfragt und begründet werden.
    Das alles spricht nicht grundsätzlich gegen ein Schulfach Denken, Philosophie, Sozialkunde und dergleichen. Allerdings verspreche mir davon nicht allzu viel. Weniger Entmündigung, weniger Zwang und weniger Beschimpfung, Ausgrenzung und Verachtung von allen Beteiligten, mehr Freundlichkeit, gegenseitiges Verständnis und Mitgefühl wäre hilfreich. Wie ließe sich das kultivierien?

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    • Ja, Du hast Recht, dass so ein Schulfach nicht die einzige Antwort sein kann. Dennoch ist die Schule eben die Institution wo bestimmte Kompetenzen ausgebildet werden sollen. Eine freie Schule in einer freien Gesellschaft ohne Konkurrenz und Herrschaftsstrukturen wäre natürlich ideal und wahrscheinlich auch notwendig. Aber bis dahin muss es uns ja auch möglich sein, kleine Schritte zu gehen. Ich diskutiere derzeit viel auf verschiedenen Kommentarspalten und Foren, und es fällt schon auf, auf welch krass niedrigem Niveau diese Diskussionen ablaufen. Mein Beispiel ist immer die These der „Islamisierung des Abendlandes“: Das ist schlicht so ein krasser Unsinn, das hat nichts mehr mit Meinung zu tun, sondern mit extrem ungeschultem Denken. So was sollte es nicht geben, finde ich. Und da wäre ein solches Schulfach schon ein Schritt in die richtige Richtung. (nicht, dass das Blögchen hier irgendeinen Effekt hätte. 😉 )

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      • seinswandel schreibt:

        Ja, da ist wirklich jede Menge Unfug unterwegs. Ungeschultes Denken spielt ganz sicher auch eine Rolle. Aber gerade Formulierungen wie „Islamierung des Abendlandes“ wurden ja nicht als möglichst akurate Beschreibung einer Situation eingeführt, sondern als politisch-diskursiver Kampfbegriff. Was wir erleben, ist, dass schwer erregte Diskutanten rhetorisch aufrüsten und sich gegenseitig mit Schlagwörtern beballern. Worum geht es dabei eigentlich? Vermutlich mehr darum, Dampf abzulassen als sich zu verständigen. Oder?
        Ich frage mich, warum sind die Diskutanten so sehr erregt, so wenig geneigt sich zu zuhören, die Positionen des Anderen für einen Augenblick nachzuvollziehen? Möglicherweise sind schnell persönliche Identitäten betroffen, die mit aller Macht verteidigt werden müssen. Nicht, dass mir das völlig fremd wäre. Mitunter fällt es mir auch schwer, ruhig zu bleiben.
        Deshalb sind die Kommentarschlachten kein besonders geeigneter Indikator für die allgemeine Denkleistung. Da verrät ein Blick auf die journalistischen Beiträge schon mehr. Dort ist allerdings nicht selten ein Defizit an sauberer Argumentation und Wissen zu bemerken. Aber auch da zweifle ich etwas daran, dass das intellektuelle Versagen sich vornehmlich mit einer mangelnden Schulung des Denkens erklären lässt.

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  2. Wie gesagt, ich leugne ja nicht, dass andere Faktoren stark mit hinein spielen. Vor allem denke ich, dass es um eine Reaktion gegen die Moderne geht. Aber das ist ja nun hier nicht Thema. Ich stelle ja bei mir selbst auch fest, dass ich eher bestimmten Vorstellungen zuneige, ganz einfach, weil sie mir besser passen. Aber es gibt doch auch immer wieder diesen kleinen Moment, wo ich schlicht die Einsicht siegt und ich von einer Vorstellung ablasse, weil sie eben keinen Sinn macht. Dieser Moment ist, denke ich, ein entscheidender Faktor in dem was Menschen ausmacht. Sonst gäbe es ja gar nicht die Möglichkeit miteinander zu sprechen und zu diskutieren und über eigene Interessen und Vorstellungen hinwegzusehen.

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