Die absolute Leere und der Schrecken

Maus_Sei_StolzWer hat vielen Kindern in Sachsen in den letzten Jahrzehnten gesagt: „Sei stolz auf dich“? Waren es die Skinheads Sächsische Schweiz? Wer hat mit ihnen Fußball gespielt? Vielleicht „Elbkaida“ oder „Assi Pöbel Dynamo“? Wer hat ihnen Zeltlager organisiert? Die „Heimattreue Deutsche Jugend“? Die Maus war es jedenfalls nicht.

Die Bilder von brennenden Unterkünften und hasserfüllten Menschen, die wir immer häufiger zu sehen bekommen, lösen Traurigkeit aus, Hilflosigkeit, und vor allem heftigen Zorn. Verständlich und auch sinnvoll, diesen zu artikulieren. Doch leider bleibt die Öffentlichkeit dabei stehen, die hasserfüllten Menschen als Menschen abzuwerten, zu beschimpfen und lächerlich zu machen, als seien sie die prügelnde andere Seite in einem Schulhofstreit. Und der Hass wird so weiter geschürt.

Wann haben wir eigentlich verlernt, zu unterscheiden zwischen dem Kampf um Sinn und Inhalte und der Verachtung anderer Menschen? Was ist aus dem Hinweis geworden, nicht Menschen zu verurteilen, sondern Taten? „Nazis vergasen!“ hörte ich unlängst eine Berliner Punkband auf der Bühne fordern, ihr Publikum freute sich. Als „entmenschten Mob“ bezeichnet der Tagesspiegel die Clausnitzer. Und natürlich erinnern wir uns an Sigmar Gabriels markiges Epithet „Pack“.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Ausdruck persönlicher Emotionen, ja sogar dem Rückgriff auf Gewalt, und der Legitimierung dieser Emotionen in der Öffentlichkeit, auf Bühnen und in der Presse oder gar als Ausdruck der politisch Etablierten. Walter Benjamin erinnert daran: „Die Tötung des Verbrechers kann sittlich sein – niemals ihre Legitimierung.“ Genau so wenig wie die Legitimation der Todesstrafe ist es ethisch vertretbar, dass Bürger von ihren politischen Repräsentanten beschimpft und verachtet werden.

Mit diesen Beschimpfungen sichern sich Teilnehmer am öffentlichen Diskurs die Zustimmung vieler, die wütend sind über das menschenverachtende Tun der so Beschimpften. Sie beanspruchen für sich, diese moralfernen und hasserfüllten Individuen auf diese Weise zurechtzuweisen, ihnen Grenzen zu setzen, ihnen auf väterlich-staatliche Weise zu sagen: Bis hierher und nicht weiter, Freundchen! Nanana! So nicht!

In Wahrheit infantilisieren sie ihre Bürger, verspotten und verachten sie, treiben sie weiter weg von der Möglichkeit eines echten Gemeinwesens und hintertreiben damit ihre eigenen, angeblichen Bemühungen – und stellen sich zudem noch auf die Stufe eines Schulhofschlägers, dessen Beschimpfungen lauter sind als die der anderen.

Wenn ein Politiker die Menschen, die er zu repräsentieren hat, als Pack beschimpft, hat das keinen anderen Zweck, als sich durch die markige Abgrenzung vom „braunen Sumpf“ zu profilieren. Diese Rede von einem „braunen Sumpf“ ist übrigens ebenso verwerflich wie die „Flüchtlingswellen“ oder „-ströme“. Die Repräsentation der Staatsbürger ist ebenso wenig an moralische Fragen gebunden wie das Asylrecht. Weder die Geflüchteten noch die Staatsbürger verlieren ihre Menschenrechte, weil sie bestimmte Moralvorstellungen nicht erfüllen.

Es haben sich in letzter Zeit einige Personen mit interessanten Insider-Ansichten und klugen Überlegungen an die Öffentlichkeit gewandt, speziell was die Stimmung in Sachsen betrifft, zum Beispiel Murat Suner, der erzählt, wie er als Student die „freigestellten“ Ingenieure „schulen“ sollte (http://www.60pages.com/posts/clausnitz/), und Michael Leutert, der im Bundestag erzählt, wie die CDU-Regierung auf Kommunal- und Landesebene linke und kirchliche Jugendarbeit jahrzehntelang aktiv zerstört hat. Es geht dabei nicht darum, das menschenverachtende Denken und den Hass zu relativieren oder auch nur zu erklären. Hass lässt sich nicht kausal begründen, er folgt nicht zwingend aus irgendwelchen Umständen. Jeder Mensch ist in dem Sinne frei und kann sich entscheiden, dem Hass nachzugeben, die einfachen Lösungen zu wählen, oder sich eine andere Welt zu wünschen. Jeder Mensch ist für seine eigenen Entscheidungen verantwortlich.

Wofür aber ist eine Politik verantwortlich, die ihren Bürgern in umfassenden Kampagnen suggeriert, jeder Einzelne von ihnen trüge ganz allein die Verantwortung für die Misere auf dem Arbeitsmarkt, jeder Einzelne könnte mitspielen, wenn sie sich nur mehr bemühen würden? Die Politik, die nach Peter Hartz benannt ist, treibt den Fordismus über sich selbst hinaus, fordert nicht nur die absolute Flexibilität, sondern auch die ultimative Vereinzelung. Jeder sein eigener Unternehmer. Ganz im selben Stil wird nun auch von dem moralischen Subjekt gefordert, es hätte sich gefälligst selbst um sein eigenes Projekt der moralischen Erziehung kümmern müssen! Jahrzehntelang wird den Einzelnen suggeriert, dass sie, wenn sie die Leistungsansprüche nicht erfüllen, „Pack“ sind und der Gesellschaft nichts wert. Die einzelnen Individuen trügen die Verantwortung für das Projekt Integration, und wer sich nicht einbringt, wird dafür mit aller Härte sanktioniert. Der Unterschied besteht darin, dass die Flüchtenden unter sehr realen Bedrohungen stehen, weil sie keine Bürgerrechte mehr haben. Den Residents hingegen können die Bürgerrechte nicht mal eben rasch wegen fehlender Moral entzogen werden, doch sie können beschimpft und entwertet, delegitimisiert und demoralisiert werden, wenn sie nicht schleunigst die gerade geforderte Haltung entwickeln.

Doch Menschen lernen nicht, Teil einer solidarischen Gemeinschaft zu sein, wenn ihnen keine Solidarität entgegen gebracht wird. Ein Staat, der über das Menschenbild der Hartz-Reformen hinaus kein Menschenbild hat, eine politische Mitte, die sich selbst über ihre Werte nicht so ganz im klaren ist, schafft ein moralisches Vakuum, das nur zu gern gefüllt wird von Rechten, die sich über ihre Werte äußerst klar sind. Aus der absoluten Leere entsteht der Schrecken.

Wer hat diese Menschen erzogen, die sich jetzt als rechts begreifen? Wer war froh, die allein gelassenen Kinder einzusammeln und ihnen über die Kleinfamilie hinaus das Leben in der Gemeinschaft zu bieten: Solidarität, Zugehörigkeit, Vertrauen, Anerkennung, Identifikation, Sinn, ja auch Treue und Liebe? Diese Kinder, die jetzt keine mehr sind, wurden jahrzehntelang einer gezielten und systematischen rechten Indoktrination überlassen. Alle Versuche, darüber aufzuklären und dagegen anzugehen, wurden auf politischer Ebene nicht nur nicht unterstützt, sondern, wie es Michael Leutert beschrieb, aktiv hintertrieben. Natürlich sind einige dieser Kinder jetzt bei der Polizei. Natürlich kennt man sich in Sachsen. Was habt ihr denn eigentlich erwartet?

Auch der breitere rechte Populismus, der gemäßigte, der also nicht aktiv pöbelt, prügelt und tötet, gewinnt seine Macht nur durch die Leere. Ernesto Laclau hat beschrieben, wie eine populistische Bewegung stark wird: zuerst durch eine Vielfalt an ganz unterschiedlichen Beschwerden, unerfüllten Ansprüchen, mit denen die Einzelnen allein gelassen werden; dann durch eine Verknüpfung dieser Beschwerden, indem ein gemeinsames Feindbild der Machthaber gefunden wird; und schließlich muss noch etwas hinzu kommen, was Laclau einen „leeren Signifikanten“ nennt, der die ganze verknüpfte Kette in sich vereinigen kann: „Wir sind das Volk.“

Heißt das nun, man soll kuscheln mit den Rechten, sie endlich mal verstehen, weil sie doch nur arme Seelchen sind, gar Kompromisse mit ihren Wünschen und Forderungen schließen? Auf keinen Fall. Inhaltlich darf, auf der Straße wie im Diskurs, kein Fußbreit den Faschisten gegönnt werden. Doch genau das tut man, wenn man von „Kein Fußbreit den Faschisten!“ hin rutscht zum „entmenschten Mob“, zu „Nazis vergasen!“ Dann bewegt man sich inhaltlich in Richtung ihrer Menschenverachtung.

Wenn man eine Position zu schwächen glaubt, indem man Menschen infantilisieren muss, sie klassistisch abwertet, darüber höhnt, dass die armen Schweine versuchen, sich arti-zu-kulieren, ist man auch nur Schritte entfernt vom „entmenschten“ „Pack“.

Konzentrieren wir uns statt dessen auf die politischen Inhalte, auf den Sinn dessen, was wir als Menschlichkeit verteidigen wollen, und auf Solidarität als Prinzip. Das schließt auch ein, die Kinder nicht alleine zu lassen, sondern sie wichtig zu nehmen, zu erziehen und zu bilden, zu einer Zeit, wo das noch möglich ist. Kinder brauchen Liebe und Sicherheit, wer ihnen diese geben kann, darf hoffen, ihr zukünftiges Leben zu beeinflussen. Was wir verachten, ist der Hass. Dann muss man ihm auch etwas entgegen setzen.

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