Ist die Occupy-Bewegung antisemitisch?

– Nicht Judenhass ist das Problem mit der Mehrheit der Occupy-Bewegung, sondern dass deren Art der Kapitalismuskritik dem Antisemitismus sehr ähnlich ist. 

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Foto: Jüdische Allgemeine

Zu den jährlichen „Blockupy“-Protesten Ende Mai in Frankfurt a.M. dreschen sie immer wieder aufeinander ein: Die einen brüllen „Antisemitismus“, die anderen „Kann nicht sein!“. Als würde es in der Natur „Der Deutschen“ liegen, ungefähr zu jedem dritten Neumond wieder und wieder das Ritual der Antisemitsmusdebatte auszuführen. Im Grunde wäre das nichts Schlechtes, wenn sich dabei etwas entwickeln würde.

Hier also ein Entwicklungssversuch: Ist die Occupy-Bewegung antisemitisch? Ja und Nein.

Nein – denn Judenhass ist sicher nicht die Regel unter den Occupy-Leuten (allerdings gibt es immer wieder antisemitische Vorfälle). Ja – denn die Art der Kapitalismuskritik und das damit zusammenhängende Weltbild, das von den Aktivistinnen und Aktivisten von Occupy vermittelt wird, ist der des Antisemitismus verblüffend ähnlich. Nur dass darin der böse Jude fehlt.

Das Problem lässt sich mit Hilfe einer Karikatur veranschaulichen, die vor einer Weile auf Facebook auftauchte, und richtiggehend Zerwürfnisse unter Freunden erzeugte. Sie zeigt einen schwitzenden, schweinischen „Banker“, wie er zu Tisch sitzt, und Unmengen von Essen in sich hineinstopft. Bedient wird er von einem unterwürfigen Herrn, der „Die Regierung“ darstellt. Mit zu Tisch sitzt ein ausgemergelter Mann in abgetragener Kleidung. Dieser ist „das Volk“. So die Karikatur. Getreu dem Ritual des Antisemitismusstreits bekriegten sich nun beide Seiten erbittert mit Hilfe der Kommentarfunktion von Facebook. Ein abruptes Ende hatte der Streit, als jemand das Bild genauer anschaute. Die Manschettenknöpfe des Bankers zeigten Davidsterne.
Egal woher die Karikatur nun stammt, hier zeigt sich deutlich die Verbindung von Antisemitismus und einer bestimmten Art der Kapitalismuskritik. Antisemitismus nur als Judenhass zu begreifen heißt, nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Antisemitismus ist ein Bild, eine zusammenhängende Erzählung:

Der raffgierige, hinterhältige, schlaue, vaterlandslose, zinsnehmende Jude ist das Böse der Welt. Seine Welt ist die Börse, der Zins, das raffende Kapital. Mit diesem Geld, seiner Schlauheit und seiner Hinterlist kontrolliert er insgeheim die Welt. Er saugt die Welt aus. Dem rückgratlosen, aber schlauen Juden steht als Gegensatz das arbeitende, aufrechte, geistig und körperlich gesunde Volk gegenüber. Auf Bildern ist der Jude krumm wie seine Nase, und seine ungesunden Theorien, die viel Worte machen, tausend Wahrheiten enthalten und doch gelogen sind. Er wird als dicker, Zylinder tragender Kapitalist, manchmal auch in jüdisch-religiöser Kluft gezeigt. Das gute, arbeitsame Volk wird entweder als ausgemergeltes Opfer oder als gesund, stark, schön und wehrhaft dargestellt. Darin gleichen sich faschistische und stalinistische Ästhetiken. Das gute Volk ist das Weiß zum Schwarz des Jüdischen. Der Jude zersetzt den eigentlich kerngesunden Volkskörper.

Diese Erzählung wurzelt tief in unserer Kultur. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn sie erkannt und hinterfragt würde. Aber leider ist die Erzählung des hinterhältigen, weltbeherrschenden Juden selbst so krank und hinterhältig wie sie es „dem Juden“ vorwirft. Sobald nämlich aus dieser Erzählung „der Jude“ herausgeschnitten wird, (also die Spitze des Eisbergs abgesägt wird) ist sie nicht mehr als Antisemitismus zu erkennen. Aber sie hat die gleiche Struktur und ist darum irreführend und ungeheuer gefährlich.
Diese Art von Kapitalismuskritik wird darum „struktureller Antisemitsmus“ genannt. Die „Ein-Prozent- These“ der Occupy-Bewegung entspricht diesem Bild: 99 Prozent der Menschheit würden von einem Prozent – den Kapitalisten und Politikern – im Geheimen regiert und ausgesaugt. Alles Böse ist nur auf dieses hinterhältige, schlaue, gemeine, raffende und zinsnehmende eine Prozent der Menschheit zurückzuführen. 
Um es zu wiederholen: Die wenigsten Occupy-Aktivisten sind wohl Judenhasser. Aber viele ihrer Bilder und Argumente gleichen denen der Antisemiten. Und weil Antisemitismus und struktureller Antisemitismus in weiten Teilen eng verwandt sind, kommt es bei Occupy-Veranstaltungen immer wieder zu antisemitischen Vorfällen. Beides passt ineinander. Viel zu oft werden Verschwörungstheorien formuliert – und werden mit Klassenkampf verwechselt. Der Unterschied ist der: Verschwörungstheoretiker glauben, dass die Welt von einer kleinen Gruppe superreicher und superböser Kapitalisten beherrscht wird. Klassenkampftheorien besagen, dass es selbstverständlich verschwörende Superreiche und Superböse gibt. Das eigentliche Problem sind aber nicht die jeweiligen Individuen, sonst müsste man ja nur die Spitzen von Wirtschaft und Politik austauschen und alles wäre gut. Vielmehr ist die Gesamtstruktur das Problem: Es gibt Verschwörungen – viele, kleine Verschwörungen, durch Menschen, die ein Interesse und eine ähnliche Lebenswelt zusammenbringt, durch Klassen also. Die Klasse der Kapitaleigner hat andere Interessen als die der Lohnempfänger. Darum gibt es Absprachen und ähnliche Sichtweisen. Die Kapitalistenklasse ist aber keineswegs so schlau und homogen wie es vielleicht scheint, und wie es nötig wäre, um eine riesige, weltumgreifende Verschwörung über die Geschichte hinweg stabil zu halten. Genau so wenig ist die Klasse der Arbeitenden homogen und gut. Unter Reichen wie unter Armen gibt es Streit und unterschiedliche Einstellungen.Viele Reiche meinen es gut. Nur, selbst wenn sie es gut meinen, haben sie nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit, sich nicht ausbeuterisch und rücksichtslos zu verhalten. Sobald eine direkte Konkurrenzsituation entsteht, werden die „Spieler“ im Spiel Kapitalismus gezwungen mitzuspielen. Umweltschutzbestimmungen, Arbeitsschutzrechte, hohe Löhne sind im Regelfall ein Wettbewerbsnachteil. Wer seine Handies, Pizzen oder Milchkaffees zu teuer anbietet, fliegt vom Markt. Er wird mit dem „Tod“ bestraft. Profite müssen in einer ruhelosen, manischen Bewegung verwertet werden. Sie werden nicht, wie auf der Karikatur dargestellt, vom schweinischen Kapitalisten, (der sich heutzutage das Fett absaugen und die Zähne bleichen lassen würde) aufgefressen und ausgeschissen, sondern sie müssen wieder in den Umlauf gebracht werden. Auch ohne Zinssystem müssen sich Investitionen lohnen, müssen sich Unternehmer beständig gegen Konkurrenten durchsetzen. Zwar verhalten sich Einzelpersonen in vielen Fällen auch ohne direkten Zwang falsch, und das muss bekämpft werden, insgesamt ist aber Ausbeutung, sinnloses Wachstum und Entfremdung ein struktureller Teil des Kapitalismus. Da greift das Bild des bösen, schweinischen Kapitalisten, der dem Arbeiter, bzw. 99 Prozent der Bevölkerung das Essen wegfrisst, daneben, verschleiert und personifiziert das Problem und schützt „den Feind“ – die kapitalistische Struktur. Selbstverständlich ist es gut, gegen Gier, Ausbeutung und Herrschaft zu kämpfen. Aber das funktioniert nicht, wenn man den falschen Gegner angreift. Glücklicherweise lässt sich auch feststellen, dass Teile der Bewegung sich entwickeln. Die offiziellen Plakate von Blockupy Frankfurt betonen die Kritik am Kapitalismus mehr als die an den Kapitalisten, außerdem wird nicht mehr die unsägliche „Ein-Prozent-These“ ausgerufen.

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