Wir sind Krieger

coolDie Bundeswehr wirbt nun also nicht nur in der taz (weil, so beschloss das taz-Kollektiv für sich, die Bundeswehr mit Militarismus nichts zu tun hat – ich frage mich ernsthaft, wessen Werbung denn dann von der taz wegen Militarismus abgelehnt werden könnte?), sondern auch großflächig auf dem Hermannplatz. „Mach, was wirklich zählt.“
Klar, wir wissen, dass die Bundeswehr seit 2015 deutlich mehr Geld bekommt und daher auch mehr für Werbung ausgeben kann und muss, schließlich müssen sie rekrutieren, nicht wahr? Es ist ja nicht so, als würde irgend jemand aus Spaß zur Bundeswehr gehen. (Obwohl…) Jedenfalls aber möchte die Bundeswehr eine viel breitere Zielgruppe haben als die, die aus Spaß zur Bundeswehr gehen. Denn sie brauchen ganz klar mehr Leute, und auch Leute, die aus Spaß eben gerade nicht zur Bundeswehr gehen würden.
Irgendwie gibt es da eine seltsame gesellschaftliche Spaltung: nur wenige Leute würden direkt sagen „wir möchten, dass es keine Bundeswehr gibt, und statt dessen mehr zivile Organisationen für verschiedene humanitäre Einsätze aufbauen, um das zu ersetzen, was die Bundeswehr in diesem Bereich macht“. Die meisten sagen dann doch „wir brauchen aber die Bundeswehr, sonst werden wir von den anderen plattgemacht, die eine stehende Armee haben, wenn wir keine haben.“ (bzw bitte das Argument auf die NATO als Ganze ausweiten.)
Trotzdem aber würden sehr viele Leute sagen, dass sie die Strukturen der Bundeswehr nicht mögen, dass sie zivile Strukturen vorziehen. Historisch gesehen (David Graeber!) gibt es durchaus einen direkten Zusammenhang zwischen bezahlten Soldaten und Gewalt. Immer schon galten sie als potentiell brutal, vor allem aber als Teil einer eigenen Gruppe mit ihren speziellen Regeln, die ihre jeweiligen Familien- und sonstigen, zivilen Strukturen toppen. Diese Gruppe mit ihren ganz eigenen Regeln, also ein sozialer Kontext, der mehr zählt als alle anderen Kontexte, ist natürlich die Legitimation für die potentielle Brutalität, nämlich immer dann, wenn die spezifische Soldaten-Moral und die spezifischen Soldaten-Regeln, das Kameraden-Wir, in Konflikt geraten mit anderen sozialen Kontexten.
Es ist ein kollektiver „Herr“ aus Hegels Herr-und-Knecht-Dialektik. Der Herr, lies: Krieger, siegt darum, weil er im Gegensatz zum Knecht bereit ist, sein Leben in die Waagschale zu werfen. Ein Militärkollektiv ist eine Gruppe aus Menschen, die sich darin zusammenfinden, dass sie alle dazu bereit sein müssen, und zwar für das gleiche Ziel. Darum ist die soziale Struktur des Militärischen so immens stark: weil sie absolut ist, denn sie ist gestiftet durch das prinzipielle Opfer der eigenen Existenz – auch dann, wenn es nie dazu kommt. (Harry Potter scheint mir weniger eine Jesusfigur, sondern vor allem ein klassischer Krieger, insofern er dieses Absolute bemüht.) Aus diesem Grund toppt die militärische Sozialstruktur im Zweifel andere soziale Strukturen.
Eine solche Struktur versuchen auf symbolischer Ebene etwa Burschenschaften zu etablieren. Das ist also keine Frage der Waffen und der Uniform, obwohl offensichtlich etwas Vergleichbares (schlagen, Farben tragen) durchaus benötigt wird, um diese Art von Gruppenzugehörigkeit aufzubauen. Vor allem aber ist notwendig, eine Realität oder mindestens einen Mythos von sich als Gruppe von Kriegern zu schaffen, die nötigenfalls für die Kameraden und die gemeinsame Sache ihr Leben geben würden. Der Zivilist ist genau dadurch definiert, dass das von ihm nicht verlangt wird.
Intelligente Verteidiger der Bundeswehr sagen nun, und sie haben nicht unrecht: „Wenn wir diese Art von Strukturen zivilisieren können im Wortsinn, indem wir all die zivil denkenden und fühlenden Bürger da reinholen und sie mit geiler Technik und Möglichkeiten zu studieren ködern, dann würde doch die potentielle Brutalität des Soldaten ausgehebelt, die Regeln innerhalb der Gruppe würden sich ändern, schließlich haben sich ja auch Moralkodizes für Soldaten etabliert.“
Klar, es ist bei der Bundeswehr ganz gewiß nicht so, dass die Soldaten beim Einsatz etwa gezielt zum Plündern, Terrorisieren und Vergewaltigen aufgerufen würden, wie man es aus der Geschichte kennt. Es bleibt aber dennoch die Absolutheit der Wir-Struktur, die dem Militärischen eigen ist, die sich in Individualaussagen oft manifestiert wie: „Hast du gedient? Nein? Also…“
Diese Art des Zugehörigkeits-Aufbaus lässt sich einfach nicht mit zivilen Mitteln aufbauen. Es ist das Wesen des Militärischen. Denn dazu gehört nun einmal auch, dass im gegebenen Fall ein Befehl befolgt werden MUSS. Sonst funktioniert das Militär einfach nicht. Du kannst nicht Soldaten ausbilden, die dann hingehen und sagen: „Übrigens habe ich mir gerade überlegt, dass ich diesen Stützpunkt jetzt nicht angreifen werde, denn ich habe mir die Pläne angeschaut und finde die Aktion unsinnig. Lasst uns lieber…“ Geht nicht.
Es bleibt also als Problem der Bundeswehr, Leute zu motivieren, zu rekrutieren, um sie dann Teil einer Struktur werden zu lassen, die sie, solange sie noch Zivilisten sind, vielfach zutiefst ablehnen. Wie geht das?
Die aktuelle Art der Bundeswehrwerbung versucht eine breitflächige, wachsende Unzufriedenheit mit demokratischen Strukturen aufzugreifen. Was heißt denn das, „mach, was wirklich zählt“? Im Gegensatz zu: was?
Das heißt: Nicht „bloß“ reden, nicht „nur“ die öffentliche Meinung und das Denken der Menschen in einer Demokratie fordern und fördern, das alles, liebe Leute, zählt nicht „wirklich“. Politik, Presse und Einzelne können viel reden und denken, nicht wahr? Das ändert doch gar nichts, stimmt’s? Das sehen wir ja ständig. Was zählt denn im Moment „wirklich“? Endlich mal losziehen und den Islamisten aufs Haupt hauen. Hurra, wir kriegen einen neuen Kreuzzug! Geniale Werbeslogans, ich kann sehen, wofür die Bundeswehr da ziemlich viel Geld ausgegeben hat.
Willst du Zivilisten in militärische Strukturen überführen (und das, ich wiederhole es nochmal, muss die Bundeswehr tun, nicht weil sie so fies sind, sondern weil Militär so funktioniert), und ist es dir neuerdings verboten, dich direkt an Kinder und Jugendliche zu wenden (jedeR LeserIn setze bitte zynischen Kommentar der eigenen Wahl in diese Klammer!), so nutze ihre Frustration mit demokratischen Strukturen, die durch populistische Bewegungen bereits breitflächig artikuliert worden ist. An diese Artikulationen kannst du anknüpfen mit Konzepten wie: „mach, was wirklich zählt“. Was wirklich zählt, sei jetzt der Aufbau einer Streitkraft, die auch verdammt nochmal funktioniert und die den Terroristen und anderen Bedrohern den Arsch braten wird. Im Gegensatz zu dezidiert zivilen Werten des Redens, Nachdenkens und gegenseitigen Unterstützens.

 

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