Gefühlte Wahrheit

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Ich schreibe diesen Text auf einer Bank sitzend, auf dem Spielplatz, während meine Kinder spielen. Ich könnte jetzt auf die neuerdings klassische Emotions-Tour anfangen, beschreiben, wie sich die Angst anfühlt, nach den Anschlägen gestern. Wie sich die Angst aller Eltern anfühlt, ihren Kindern könnte was passieren. Und dann gleich nahtlos anschließen mit Traurigkeit, mit Resignation und hilfloser Wut, ja auch mit Zornes-, Hass- und Rachefantasien. All den Emotionen, die viele Menschen nach dem empfinden, was gestern in Paris passiert ist. Und daraus könnte ich dann Schlüsse ziehen. Und sagen, wen ich hasse und wer schuld und wer verantwortlich ist, und wer endlich mal aus dem Ei kommen soll, und wasweißich. 

Aber Wut ist nicht Hass. Und weder Wut noch Angst sind in irgendeiner Form dienlich, um daraus Schlüsse zu ziehen oder gar politische Forderungen abzuleiten. Sie sind, wie alle Emotionen, nur einer einzigen Sache dienlich: Sie bieten Anschlussmöglichkeiten für Thesen darüber, wie die Wirklichkeit funktioniert, was wahr sei und was nicht. Und die Inhalte dieser Thesen haben erst einmal mit den Emotionen nichts zu tun. Seltsamerweise scheint es aber so, als hätten sie es.

In den letzten Jahrzehnten haben in Philosophie, Psychologie und Kulturwissenschaften viele denkende und schreibende Menschen verstanden, wie wichtig und entscheidend Emotionen für unser Selbst- und Weltverständnis und für unsere Handlungen sind. Auch die Naturwissenschaften haben die Emotionalität als Basis des Denkens entdeckt, und in Folge dessen präsentiert man uns nun immer wieder unhinterfragt ein Weltverständnis, in dem von Gefühlen direkt zu Überzeugungen, ja gar zu Argumenten gesprungen wird. Es ist zwar absolut zutreffend, dass es kein emotionsfreies Denken gibt. Aber geht es nicht ein bisschen schnell, dann gleich rückzuschließen, dass die Emotionen nun das Denken und Handeln bestimmen, ja dass das gar legitim sei?

„Gefühlte Wahrheit“ ist keine Wahrheit. Die Wendung wird meist ironisch benutzt, um genau die Tatsache, dass sie eben „nur“ gefühlt sei, herauszustellen. Aber das wäre nicht witzig, wenn es nicht eine breite Auffassung gäbe, gefühlte Wahrheit sei tatsächlich in irgendeiner Weise äquivalente Repräsentation der Wirklichkeit – und nicht nur meiner Perspektive auf sie, wenn diese auch durchaus eine wichtige Rolle im Gesamtbild spielt.

Politische Thesen und Forderungen, die auf gefühlter Wahrheit aufbauen, und das heißt meist auf Wut, Angst und Ressentiment, sind populistisch. Und zwar in letzter Zeit nicht mehr nur in dem durchaus positiven und relevanten Sinn, wie ihn der argentinische Philosoph Laclau 2014 beschreibt, nämlich als Strukturierungsprinzip des Widerstands gegen heterogene Hegemonien. Laclau geht nämlich zum Beispiel davon aus, dass sich populistische Strukturen aus echten Bedürfnissen zusammensetzen, die nicht repräsentiert werden. Also nicht auf gefühlter Wahrheit, Angst und Wut, sondern auf dem Fehlen von medizinischer Versorgung, um nur ein Beispiel zu nennen. Das lässt sich in zunehmender Weise nicht mehr direkt verknüpfen: die Emotionalität ist zwischengeschaltet, alle regen sich über alles auf, wobei etwas unklar bleibt, was wen genau betrifft – oder betreffen wird. Das ist das Ding mit der Angst. Wem kann man schon Angst vor der Zukunft absprechen? Wem kann man schon Wut gegen Terroristen absprechen – oder Hass auf diese? Gefühlt ist das total berechtigt. Aber diese Gefühle als Argumente für politisches Handeln einzusetzen, das ist eine widerwärtige Form von Populismus, die nichts mehr zu tun hat mit strukturellem Widerstand. Das ist nichts anderes als das, was Matthias Matussek gerade macht. Oder Markus Söder. „Ja geil, jetzt haben wir eine gute Gelegenheit, um ANGST, WUT und HASS abzugreifen!“ Populisten freuen sich über Morde. Sie sind sehr nützlich. Auch Krieg ist nützlich für Populisten – zum Beispiel für die, die Friedensbewegungen nutzen, um ihre Theorien zu verbreiten.

Laclau erinnert auch daran, dass der Populismus in seiner Entwicklung immer nach Hegemonie strebt, also danach, sich zur Hegemonie zu entwickeln. Dafür braucht er einen einzigen „Signifikanten“, der für alles andere mit repräsentieren kann. Wenn dieses Eine, in dem sich alle treffen, eine unbestimmte und von Ressentiment durchsetzte Angst ist, dann geht der Bewegung insgesamt jede Möglichkeit zum positiven Handeln verloren, falls sie jemals eine hatte.

Die Trauer, die wir heute empfinden, und die Wut und die Angst, ist etwas, was viele von uns gemeinsam fühlen. Aber unsere Ziele und Wünsche sind nicht die gleichen. Und niemals darf die Trauer und die Angst, nein, auch nicht die Wut zum Ursprung unseres politischen Handelns werden.

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Eine Antwort zu Gefühlte Wahrheit

  1. Literaturgeist schreibt:

    Sehr schoener Artiekel, ich denke jeder sollte sich hin und wieder erinnern das gefuehlte Wahrheit keine echte Wahrheit ist. Es ist aber sehr schwer dieser Verlockung zu wiederstehen, da es bedeutet das man sich nicht im Einklang mit seinen Emotionen befinden kann und wir alle wollen uns im Einklang mit unseren Emotionen befinden, sowohl im denken als auch im handeln.

    Gefällt 1 Person

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