Schmeißt endlich den Ring weg!

Brauysegen_im_BettIch trage keinen Schmuck. Das hat verschiedene Gründe, die für diese Geschichte keine Rolle spielen. Doch es lud die Spannung noch enorm auf, als ich ein einziges Mal einen Ring anlegte. Von Heiraten war damals nicht die Rede. Aber wir befanden uns auf dieser Hormonkurve der Romantik, die sich durch Ficken nicht komplett ausreizen lässt. Sie will Symbole. Also haben wir Ringe getauscht und fanden das extrem aufregend und befriedigend. Und nach der Trennung haben wir die Ringe irgendwie jahrelang selbstquälerisch aufbewahrt und fanden dieses Selbstquälerische auch noch ein bisschen aufregend, und irgendwie befriedigend. Und weil die Hormonkurve der Romantik immer noch nicht ausgereizt war, haben wir die Dinger am Ende noch von einer Brücke in den Fluss geschmissen. Das war auch aufregend. Vor allem aber äußerst befriedigend.

Die romantische Ringsymbolik ist stark: der geschlossene Kreis, Symbol für die neue Einheit, die ein Paar bildet und in die von außen nichts eindringen kann, die auch nicht mehr geöffnet werden kann, ohne zerstört zu werden. Symbol für die Ewigkeit, die romantische Liebe fordert. Das romantische Subjekt ist von unendlicher Tiefe, unverwechselbar in seiner unendlichen Vielfalt, unabhängig von seiner Lebenszeit. Dasselbe gilt für die einzigartige Verbindung der romantischen Liebe, die in der Literatur meist mit Tod oder Verzicht endet, um zu unterstreichen, dass sie nicht auf Dauer zu bestehen braucht. Der Augenblick ist ewig, die Leidenschaft unendlich, der geschlossene Kreis perfekt. Diese Liebe enthält die subjektive Tiefe der Harmonie zwischen den Liebenden, in einem Moment.

Der Trick der Romantik: diese leidenschaftliche, aufregende, befriedigende Momentaufnahme der unendlichen Intensität zu überführen in einen Vertrag. One ring to rule them all, warnte schon Tolkien. In den Fluß schmeißen hilft dann nicht mehr viel, auch bei Wagner wird das Zeug stets wieder rausgefischt. Der geschlossene Kreis ist Symbol auch hier für eine neue Einheit, die nicht mehr zu öffnen ist, auch hier für die Ewigkeit – nur diesmal im Ernst.

Die Intensität schießt ein in die glänzende Fläche einer Identität, befeuert Selbstaufwertung des kapitalistischen Individuums als Teil eines romantischen Paares, Selbstbetrachtung im Spiegel von Facebook, die Tiefe der romantischen Seele in der Zufriedenheit des gemeinsam konsumierten Frühstücks. Mit Katze. Oder ohne.

Dass der gemeinsam bewältigte Alltag, ohne sich gegenseitig zu erschlagen, eine Errungenschaft ist, nun ja, das sehe ich ein, dass man sich gerne dafür abfeiert, ich verstehe es nicht, will es aber auch nicht missgönnen, dass man seine Zweisamkeit stilisiert, ja sie zur einzig normalen Lebensform erhebt, ich finde es befremdlich. Wenn das nur alles wäre!

Denn dahinter steckt Ärgeres als der garstige Alberich, Gruseligeres als zehntausend Augen Saurons. Von all dem romantischen Liebesgerede überdeckt wird die schlichte Tatsache, dass die Ehe als staatlich privilegierte Einrichtung und Norm des gesellschaftlichen Lebens einzig dazu dient, eine Bedarfsgemeinschaft zu etablieren, die die Gesellschaft von der Verantwortung für das Wohl des Einzelnen enthebt und die Tradierung von Werten und Normen sichert, welche diese Gesellschaft geschlossen halten.

„Wer entscheidet, wen du heiratest?“ ist der Titelslogan der von Terre des Femmes entworfenen Lehrmittel und Broschüren zum Thema Zwangsheirat. Nun ist Zwangsverheiratung, zumal die von Kindern, nun wirklich eine der übelsten Geschichten, die ich mir vorstellen kann. Ist aber irgend jemandem schon einmal klar geworden, dass unser gesellschaftliches Bekenntnis zur Ehe die Möglichkeit zur Zwangsverheiratung überhaupt erst eröffnet? Und stopp jetzt, nicht gleich loslegen bitte mit „das ist doch wohl was völlig anderes, bei uns wird niemand gezwungen, das geht hier ja gar nicht, das sind ganz andere Gesellschaften, das gibt’s doch nur im finsteren Afrika, unsere Ehe hier ist europäisch, aufgeklärt, ja sogar schwul und lesbisch, jeder kann sich jederzeit wieder scheiden lassen, das ist doch kein Zwang!“

Ehe ist Ehe. Man kann sie fast unendlich weit lockern, man kann sie inhaltlich, wie es in kapitalistisch geprägten Gesellschaften mit jedem Konzept geschieht, annähernd völlig aushöhlen, aber man schafft sie nicht ab. Warum nicht? Weil ihre Funktion bleibt. Wer entscheidet, wen du heiratest?

Aus diesem Grund kann ich die Freude über die Ehe für alle wirklich nicht teilen. Natürlich trifft zu, dass hier ein Privileg, das eine heteronormative Gesellschaft den Heteros vorbehält, nun erweitert wird auf alle. Doch leider ist der Schlag, den das der Heteronormativität versetzt, minimal, weil das verheiratete Paar und die Kleinfamilie vielleicht nicht Keimzelle jeder Gesellschaft, wohl aber der heteronormativen ist. Wer mit wem fickt, war dafür schon immer irrelevant. Es bleibt also nur der Vorteil, dass mehr Menschen als vorher an einem Privileg teilhaben können – das ist gut – doch viel besser wäre es, das Privileg zu verändern. Zum Beispiel so, dass Menschen privilegiert werden, die andere pflegen und betreuen, die Kinder aufziehen und versorgen. Denn das war, worum es ursprünglich, angeblich, mal gehen sollte.

Die CDU argumentiert für die Ehe in diesem Sinn: als Treibhaus, als geschlossener Schutzraum für die Kinderproduktion, in dem die Frau, versorgt vom Mann, Kinder gebären kann und selbige dann nach bekanntem Muster des pietistischen Mutterbildes hegt und pflegt und ihnen Bildung und Tradition vermittelt. Aus diesem Grund ist die Ehe privilegiert – weil sie dem Staat all das abnehmen soll: Verantwortung für Versorgung, Kindererziehung und Bildung. Und dabei gleichzeitig Werte reproduzieren, die sichern, dass das auch in Zukunft so weiter läuft.

Im wesnetlichen scheint das die Gemeinsamkeit der Funktion der Ehe überall zu sein, unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Zwangsverheiratung bedeutet nichts anderes, als die Frau oder das Mädchen direkt in dieses Treibhaus zu geben, sie also direkt von einem Schutzraum in den anderen zu setzen, ohne sie zwischendurch frei laufen zu lassen. Wenn Papa sparen muss oder will, macht man das eben so früh wie möglich.

Wenn wir aber so nicht mehr leben wollen, ergibt es überhaupt keinen Sinn, die Ehe weiterhin zu privilegieren. Doch genau das geschieht.

„Die Ehe dient nicht in erster Linie der Reproduktion“, sagte Michael Roth (SPD) zum Thema Ehe für alle, „sondern ist das Bekenntnis zweier Menschen, dass sie lebenslang füreinander einstehen wollen.“

Das religiös anmutende „Bekenntnis zweier Menschen“ kehrt mal wieder die romantische Intensität heraus, um wie üblich zu überdecken, worum es eigentlich geht: das lebenslange Füreinander-Einstehen. Auch das klingt so romantisch! Fast heroisch! Das ist doch wahre Liebe, für jemanden einstehen, das formt den Charakter, das ist total ehrenwert, bringt eine Träne in jedes Auge, und niemand ist mehr allein. Was heißt das wirklich? Arbeiten für zwei, wenn der andere nicht kann. Egal, ob man will oder nicht. Egal, wie man dafür behandelt wird. Das heißt Pflegearbeit, Erziehungsarbeit, Hausarbeit, weiterhin ohne Dank und Anerkennung. Denn man hat ja ein Bekenntnis abgelegt! Leute, legt doch lieber den Ring ab. Schmeißt das Ding in den nächsten Fluß, in der Hoffnung, dass es auf dem Grund liegen bleibt und vergessen wird. Und dann liebt euch einfach weiter wie bisher – liebt eure Freunde, eure Kinder, eure Partner, bleibt zusammen, so lange ihr wollt, und bleibt lebendig.

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3 Antworten zu Schmeißt endlich den Ring weg!

  1. Literaturgeist schreibt:

    Von all dem romantischen Liebesgerede überdeckt wird die schlichte Tatsache, dass die Ehe als staatlich privilegierte Einrichtung und Norm des gesellschaftlichen Lebens einzig dazu dient, eine Bedarfsgemeinschaft zu etablieren, die die Gesellschaft von der Verantwortung für das Wohl des Einzelnen enthebt und die Tradierung von Werten und Normen sichert, welche diese Gesellschaft geschlossen halten.

    Sehr interessante These! Das ist wirklich, wirklich interessant! (Musste einfach mal so raus:))
    Könnte man auch als Romantisierung des als pragmatisch notwendig angenommenen bezeichnen, oder? (Nur damit ich dich richtig verstehe)

    Leute, legt doch lieber den Ring ab. Schmeißt das Ding in den nächsten Fluß, in der Hoffnung, dass es auf dem Grund liegen bleibt und vergessen wird. Und dann liebt euch einfach weiter wie bisher – liebt eure Freunde, eure Kinder, eure Partner, bleibt zusammen, so lange ihr wollt, und bleibt lebendig.

    Schönes Schlusswort, das sicherlich bei dem ein oder anderen die Lebenslust wieder weckt, famous gesagt, aber damit plädierst du doch im Grunde genommen für die 2er Beziehung ohne gegenseitige Verpflichtungen. Was geschieht den im Falle von Pflegebedürftigkeit, etc. ? Aber als romantische Bekenntnis auf alle Fälle grandios! Verstehst du deine texte eigentlich eher philosophisch- romantisch oder sachlich-idealistisch? Oder wie sonst?:D

    ich finde du hast einen sehr eingängigen und logischen Stil, der zudem noch sehr angenehm zu lesen ist.

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    • Alissa Wyrdguth schreibt:

      Vielen Dank! 🙂 Ja, so in etwa wollte ich wohl verstanden werden. Wie ich meinerseits meine Texte verstehe, habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht gefragt. Ich würde das wohl als so eine Art Gesellschaftskommentar sehen? Oder einfach als Essay?
      Zu deiner Frage, die eine wichtige ist: Ich würde mir, auch wenn das erstmal utopisch klingt, mehr gesellschaftliche Absicherung für Pflegebedürftige wünschen, genauso wie etwa für allein erziehende Eltern oder Eltern mit geringem Einkommen etc. Denn nur so würde es gerecht gegenüber Menschen, die eben niemanden haben, der sie heiraten wollte – was für Frauen jahrhundertelang ein großer Stress war und, unfassbarerweise, immer noch sein kann! Und für Männer natürlich auch, nur dass deren Position eben früher eine ganz andere war. Ist es irgendwie fair, dieses Privileg der Absicherung an eine persönliche Attraktivität zu binden? Ist das rational? Ich finde das gruselig.
      Konkret heißt das: Pflegeberufe müssten besser bezahlt sein. Wir brauchen viel mehr Erziehende, Pflegende etc., die ihren Beruf gern machen, die noch genug Freizeit haben, genug Geld, die stolz und glücklich sein dürfen, so eine wichtige Aufgabe zu haben. Außerdem kann man andere Formen des Zusammenlebens auch fördern als gerade die Zweierbeziehung. Ich komme da nicht mit fertigen Gesetzesvorschlägen an. Aber das ist die Richtung, in die ich gerne denken möchte.

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      • Literaturgeist schreibt:

        Ich hab neulich in der Zeitung einen Artikel gelesen über ein Buch in dem eine „Alters-WG“ zustande kommt. Vielleicht wäre das ja ein möglicher Ansatz?

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