Utopien im Crash-Test

Wir freuen uns sehr über diesen Gastbeitrag von Dr. Annette Schlemm 
vom "Philosophenstübchen"

Crashtest für Utopien_3„Wenn es einen Weg zum Besseren geben soll, erfordert das einen umfassenden Blick auf das Schlimmste.“ (Thomas Hardy)

Im neuen Jahrtausend müssten sich wohl alle verabschiedet haben von dem Irrglauben, der die 90er Jahre prägte, am „Ende der Geschichte“ angekommen zu sein. Die aktuelle Flüchtlingskatastrophe zeigt endgültig das Ende der Normalität des „real existierenden Kapitalismus“ an. Der schafft es nicht mehr, die Ökonomien und Gesellschaften der Regionen, die er seinem Einflussbereich einverleibt, nach seinem Bilde zu formen. Aber er bricht nicht einfach nur zusammen wie ein hohler Koloss, sondern hinterlässt ökonomische Brachen, kriegerische Konflikte und wird mehr und mehr eingeholt von den Folgen des Klimawandels. All das trifft zuerst jene, die am wenigsten von ihm profitieren.
Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie früher mal war
Es ist eigentlich die Zeit, die nach den Utopien schreit, die immer und immer wieder aufgewärmt und neu erfunden in der geistigen Welt herumspuken. Aber diese Utopien müssen nun ihren Crashtest bestehen. Solange das kapitalistische System noch einigermaßen normal funktionierte, hatten es auch die Utopien leicht, sie konnten im gemütlichen Studierzimmer entstehen oder es konnten Orte und Ressourcen gefunden werden, um z.B. etliche Ökokommunen zu errichten. Viele utopischen Konzepte und Vorstellungen berücksichtigen auch konkrete Bedingungen, wie den Stand der produktiven Kräfte der Menschen und der daraus erwachsenden technischen und menschlich-gesellschaftlichen Möglichkeiten. Wenn solche Bedingungen mit bedacht werden, nennt Ernst Bloch diese Utopien „konkrete Utopien“, auch wenn ihre Verwirklichung noch auf sich warten lässt. Der Platz vieler Utopien war nicht zufällig früher oft eine Insel und später zogen sie sich zurück auf irgendwelche Planeten weit weg von der Erde. Das waren dann eher die unkonkreten, d.h. abstrakten Utopien, die von den konkreten Bedingungen, aus denen heraus sich das Neue entwickelt, abstrahieren. Wir aber stecken mittendrin im Schlamassel…
Zur Jahrtausendwende entwickelten sich auf der Grundlage der Erfahrungen von globalen Befreiungs- und Verteidigungskämpfen und der Erfahrung der Möglichkeiten von neuen Techniken konkrete Utopien, bei der sich die Organisierung der Bedürfnisbefriedigung (heute „Wirtschaft“ genannt) nach dem Muster der Freien Software und der traditionellen Commons entfalten könnte. Weder Markt noch Plan, weder zentrale Steuerung noch Desorganisierung, weder Dominanz der egoistischen Einzelinteressen noch Unterwerfung unter gesellschaftliche Zwänge stehen auf der Agenda, auch das Ende der persönlichen Unterdrückung und des Patriarchats wird ausgerufen. Wunderschön, lebenswert, mit guten Chancen, die natürliche Mit-Welt human zu gestalten, statt zu zerstören. Und auf der Höhe der Analyse der real existierenden Möglichkeiten. Die technischen Möglichkeiten der komplexen und produktiven Dezentralisierung auf Grundlage des Internets (Industrie 4.0 , soziale Netzwerke etc.) werden mittlerweile leider eher von den heutigen Machthabern aufgegriffen und ihrem Überlebensmodell zugrunde gelegt als von Alternativen, die oft weiterhin eher auf regressive Modelle der bloß regionalen Selbstversorgung zurückfallen.
Trotzdem sind dabei, wie schon Marx feststellte, die einzelnen Schritte in der konkreten Bewegung oft wichtiger, als die besten theoretischen Studien. Häufig verbinden sich praktische Erfahrungen in diversen Projekten und theoretische Reflexion mehr und mehr. Sie verstehen sich meist auch als Reaktion auf die sich verschärfenden sozialen und ökologischen Probleme.
Utopientest im Worst-Case
Trotzdem haben  viele von ihnen den Ernst der Lage noch nicht ganz verinnerlicht. Meist funktionieren Konzepte wie Projekte nur unter Luxusbedingungen. Den Tauschringen will es auch nach mehreren Jahrzehnten nicht wirklich gelingen, die wichtigsten Lebensbedürfnisse der Beteiligten aus sich heraus zu befriedigen; sondern sie reduzieren sich häufig auf zusätzlich Wellness-Dienstleistungen. Solidarische Landwirtschaft scheitert in ihrer Ausbreitung am Großkonzernagrarbusiness und dem spekulativen Landgrabbing und kann deshalb nur wenige einbeziehen. Zeit und Kraft zum Entwickeln Freier Software haben eh nur jene, die einigermaßen gut bezahlt sind. Alternative Konzepte und Projekte lassen die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung üblicherweise auf regionale und kleinteilige Kontexte zusammenschnurren, als wenn die vorindustriellen und vorkapitalistischen Wirtschaftsweisen irgendwie nachhaltig oder gar gerecht gewesen wären oder als ob es zu idealistischen Aufrufen hierzu jemals gemangelt hätte. Auch marxistische Konzepte gehen davon aus, dass Knappheiten nur im Kapitalismus erzeugt werden und ohne ihn aus einer Fülle von Möglichkeiten geschöpft werden könne.
Dies wird aber im 21. Jahrhundert nicht zutreffen. Die ökologischen Grenzen wurden überschritten, der Klimawandel wird Ausmaße annehmen, die eher den düsteren Prognosen entsprechen als den in den letzten 20 Jahren vereitelten Hoffnungen, rechtzeitig ein Umsteuern zu schaffen. Unter diesen Bedingungen der allgemeinen Destabilisierung, wie sie durch die jetzigen Flüchtlingsströme nur ansatzweise erahnbar werden, muss das Leben von Hundertausenden und Millionen von Menschen alltäglich gesichert werden, genügend Nahrungs-, Kleidungs-, und Kulturmittel sowie Wohnraum und so weiter bereit gestellt werden und dies, nachdem die  traditionellen und jetzt herrschenden Produktions- und Konsumtionsstrukturen wegbröckeln  und abstürzen. Wir können nicht auf einer Insel von tropischen Früchten leben und nebenbei das Boot des Neuen aufbauen, sondern wir müssen im turbulenten Ozean das Schiff, das unter uns zerfällt, neu bauen mit den Planken, die wir aus dem Wasser fischen.
Alle utopischen Konzepte müssen sich in einem irgendwie chaotisch-turbulenten Umfeld voller Mangelzuständen bewähren gegen jene, die auf Gewalt und Raub setzen werden. Sie müssen schnell sein, sie müssen erfolgreich sein, sie werden in irgendeiner Weise auch wehrhaft sein müssen-und trotzdem ihren freiheitlichen Charakter behalten und stärken. Trotzdem oder besser: gerade unter diesen Umständen müssen die konkreten Utopien ein gutes Leben für alle gewährleisten können, die historisch erreichten Maßstäbe kultureller Entwicklung nicht unterlaufend.
Survival Utopia
Die traditionelle Arbeiterbewegung argumentierte für eine stark hierarchische Organisierung mit der Geschichte eines Vaters, der seinen zerstrittenen Söhnen erst einzelne Reiser zeigte, die er einzeln gut zerbrechen konnte und dann ein zusammengeschnürtes Bündel von ihnen, das nicht mehr zu brechen war. Postapokalyptische und Endzeitfilme, -Bücher und -Filme zelebrieren überwiegend einzelne Helden und starke Organisationsstrukturen. Diese Beispiele führen aber in die Irre. Starre gesellschaftliche Gebilde sind nicht flexibel in ihrer Entwicklung und auch nicht widerstandsfähig. Eher wäre zu lernen über dezentral-vernetzte Strukturen. Beim Vergleich von natürlichen Lebensbedingungen  der gesellschaftlichen Strukturen auf pazifischen Inselgruppen zeigt sich, dass unter problematischen Lebensbedingungen autonome Gemeinden und Dorfgruppen mit wechselnden Funktionen in der Führung vorteilhafter sind als hierarchische Strukturierungen, die sich unter besseren Lebensbedingungen öfter ausbilden. Es sind also nicht die kriegerischen Banden, denen in den kommenden dramatischen Zeiten die Zukunft gehört, sondern letztlich den sich selbst organisierenden, aber kooperativ vernetzten Gemeinschaften. Widerstandsfähigkeit entsteht nicht aus einer Härte heraus, sondern aus der Fähigkeit, mit Spannkraft in der Bewegung Druck abfangen zu können. Bambus ist dafür ein Beispiel und diese Fähigkeit wird auch Resilienz genannt. Eine der Initiativen, die sich seit Jahren entfaltet, sind die Transition Towns. Ihr Gründer, Rob Hopkin erklärt dazu: „Wir verstehen unter Resilienz… , den Schock zu benutzen, um eine soziale Lebensform aufzubauen, die wesentlich stärker, anpassungsfähiger ist als die alte.“
Was von progressiven Utopien als Ziel allen Lebens angesehen wird, die individuelle Selbstentfaltung auf Grundlage der Möglichkeit der Entfaltung aller, wird in solchen Strukturen gleichzeitig zur Bedingung der bestmöglichen Mobilisierung der individuellen Handlungsfähigkeit auf dem Weg zum Über- und zum besseren Leben aus den turbulenten Zeiten heraus. Ein Akteur aus einem Projekt der Solidarischen Landwirtschaft, Wolfgang Stränz, drückt den Grundgedanken von konkret-utopischen, crashtestfähigen Projekten aus:
„Wenn wir uns immer nur auf uns selbst und unser Überleben besinnen, dann ändert sich nichts. Wenn wir uns jedoch darauf besinnen, dass wenn es den anderen gut geht, es uns selber automatisch gut geht, dann kann etwas Gutes entstehen.“

Quellen:
Hopkins, Rob (2009): Transkript des Interviews in Kontext-TV: “Rob Hokins, Begründer der Transition-Town-Bewegung, über Peak Oil und die Dynamik von über 200 Transition-Town-Projekten weltweit. Online: http://www.kontext-tv.de/node/21 (abgerufen 2015-09-14)
Stränz, Wolfgang (2015): Zitat aus einem Interview in: Eleonora Wenzel: Zukunftsfähiges und lebensfreundliches Wirtschaften. Das gute Leben alternativer Ökonomiekonzepte. Masterarbeit. Graz 2015. S. 102.

Dieser Text steht unter der Creative Commons Lizenz BY.NC-SA 3.0 DE (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/)
Mehr zu diesem Thema: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2013/12/31/die-zukunft/

Zur Autorin: Dr. Annette Schlemm – Physikerin und Philosophin, Online: http://philosophenstuebchen.wordpress.com.

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