Construct (It) Yourself!

Leider sind die meisten "Kritiken" der "Gendertheorie" gespickt mit 
Schlampigkeiten und sonstigen Denkfehlern. Selbst wenn sie von einem
promovierten Philosophen kommen, wie in der Kolumne der "Cicero"
geschehen. Alyssa, selbst promovierte Philosophin nimmt diese für
uns (auf recht unterhaltsame und ohne Fachwissen nachvollziehbare
Art und Weise) auseinander

camusDie Zeitschrift Cicero muss man nicht mögen, jedenfalls nicht immer. Gelegentlich erfreut sie mein Herz mit spitzen Anti-Nazi-Karikaturen oder klugen Kommentaren gegen Selbstausbeutung. So manches Thema kommt hier auch zwar nicht nach meinem Geschmack daher, aber dafür auf einem höchst diskussionswürdigen Niveau, weder stumpf noch dumpf.

Doch die Herren Prinzen (auf) der Erbse haben einen blinden Fleck: wenn es um Feminismus und genderthematisches Denken geht, taste ich bei einigen ihrer Beiträge mit zitternder Hand nach den Beta-Blockern. Härtere Medikation erwog ich kurz, als der promovierte Philosoph Alexander Grau in seiner Kolumne „Grauzone“ erklären wollte, warum „Gendertheorie“ ein großer Unfug sei.

Herr Grau ist kein Freund des Sozialstaates und manch anderer Konzepte, die für Personen relevant sind, die nicht Herr Grau sind. Von seiner eigenen Position aus würde er gerne sehen, dass der Staat weniger Geld für „überbordende“ Sozialleistungen ausgäbe. Er findet, dass echte politische Probleme übersehen würden, weil sich die politische Öffentlichkeit zwanghaft mit „Spartenproblemchen“ befasse, die sich vor allem rund um Sexualität drehen. „Problemchen“ sind das, weil sie klein und belanglos sind. „Sparten“problemchen darum, weil sie nur Sparten betreffen – das heißt, andere Leute, die auch schon wieder nicht Herr Grau sind. Frauen zum Beispiel.

Nun ja, das ist mir persönlich unsympathisch. Schon klar. Mein Problem mit Herrn Graus Argumentation ist aber ein anderes: er ist Philosoph, so sagt er selbst, und führt einen akademischen Grad. Doch mit philosophischem Denken hat sein Beitrag wenig zu tun.

Der Text, auf den ich mich hier beziehe, ist eine Ausgabe seiner Kolumne „Grauzone“ vom Mai 2015. Er beginnt mit etwas, das er „die Theorie von der sozialen Konstruktion“ nennt. Diese Theorie stellt er so vor, als handle es sich um die These einer kollektiven Illusion, der alle zugleich erliegen, oder auch einer Art Gesellschaftsvertrag nach dem Motto: „Also ihr seid jetzt die Männer, ja, und wir sind die Frauen… nein, nein, was machst du da? Das ist die falsche Seite!“

Vielleicht kein Wunder, wenn er dann schreibt, dass vielerlei in den „Verdacht“ gestellt würde, „eine soziale Konstruktion zu sein“. Denn eine kollektive Illusion wäre natürlich nicht real. Sie stünde somit unter einem Betrugsverdacht: das denken wir ja nur, das sieht ja bloß so aus, das haben wir ja bloß behauptet… Und genau das ist natürlich die Hauptkritik, die der sogenannten „Gendertheorie“ immer entgegen gebracht wird: Ihr wird unterstellt, sie hielte unsere gelebte Wirklichkeit einschließlich unserer Penisse für Fantasmata, mit denen wir uns nur betrügen. In der Tat wäre das ein schwerer Vorwurf. Er ist aber völlig abwegig.

Herr Grau fährt nun fort, uns zu belehren, dass Kultur ein „Konventionskonglomerat“ sei, das heißt zu deutsch, eine nicht näher bestimmte Zusammenballung oder Vermengung von Konventionen, also praktischen Übereinkünften, die sich tradieren. Kultur ist für Herrn Grau demnach „mit Messer und Gabel essen“ plus „Helene Fischer hören“ plus „Fussball gucken“ plus „Deutsch sprechen“. Ohne jeden inneren oder sonstigen Zusammenhang. In diese Kultur würden nun „Individuen“ hineingeboren. Die Armen.

Was „Individuen“ seien, lässt er völlig unkommentiert. „Subjekt“ und „Individuum“ fröhlich in eins zu werfen und das Ganze einfach mit „einzelner Mensch“ gleichzusetzen, hätte zu meiner Studienzeit leicht dazu führen können, dass man von einem der etwas cholerischeren Professoren des Instituts verwiesen worden wäre. Durch das Fenster im zweiten Stock.

Wir halten uns vorläufig mal an die Individuen, da hier immerhin noch vage zu erahnen ist, was Herr Grau damit meint, nämlich einfach einzelne Menschen. Diese also werden in die Kultur (siehe obiges Konglomerat) hineingeboren. Gleichzeitig bilden sie diese Kultur aber untereinander aus. Das ist nicht nur unlogisch, sondern vollkommen unverständlich.

Vielleicht beginnen wir damit, dass wir uns unser kulturelles und soziales Leben eher über die Art der Verknüpfung erschließen, die uns miteinander verbindet, statt es uns als eine Ansammlung oder Vermengung von Elementen vorzustellen, von denen keiner so genau weiß, was sie sein sollen. Verknüpfungen brauchen ein Medium wie zum Beispiel die Sprache.

Was ist ein Medium? Im klassischen Sinn heißt das erstmal, dass Aktivität und Passivität vermittelt werden. Eine kulturelle Gemeinschaft wäre damit ein Medium, in dem wir (‚passiv‘) Erfahrungen machen, uns also auf eine bestimmte Weise beeinflussen lassen, und gleichzeitig (‚aktiv‘) eigene Tätigkeiten ausüben. Wie mit der Sprache: Wir lernen, Sprache zu verstehen, und beginnen zugleich schon, sie anzuwenden und selber zu sprechen.

Kulturelle Sinnzusammenhänge funktionieren so ähnlich: um sie zu verstehen, muss ich immer auch schon ein bisschen mitmachen. Stolpere ich in ein Deutschland während der WM hinein, muss ich wohl oder übel kapieren, auf welcher Seite welche Mannschaft spielt, damit ich mich nicht über das falsche Tor freue. Was Helene Fischer angeht, so durfte ich unlängst miterleben, wie Bewohner eines anderen (europäischen) Landes eine deutsche Feierlichkeit besuchten und mit einer Art entsetzter Faszination beobachteten, wie sämtliche Anwesenden jeden Alters aufsprangen und „atemlos“ durch die Gegend hüpften. Der neben mir stehende nicht deutsche Gast betrachtete das Spektakulum mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck, als würde er soeben einer druidischen Opferzeremonie beiwohnen. Jeder Ethnologe wäre gern an meiner Stelle gewesen, nur um sein Gesicht zu sehen. Schließlich wandte er sich an mich und sprach langsam die folgenden Worte: „You Germans… You really, really like Schlager, don’t you?“ Er hatte verstanden.

Was nun in eine Kultur hinein geboren wird, sind Individuen in einem ganz anderen Sinne als die Individuen, die diese Kultur „untereinander ausbilden“. Natürlich ist auch ein Baby ein Individuum: ein lebendiges, fühlendes Einzelwesen, aktiv (re-)agierend, passiv erfahrend. Doch was am Baby individuell ist, ist noch sehr begrenzt. In vieler Hinsicht ist das Baby gänzlich in seine Umgebung und seine Abhängigkeiten eingebunden. In seiner lebendigen Entwicklung wird es erst zu einem Individuum im vollen Sinne – und zwar genau indem es am Gemeinschaftsleben, das zugleich kulturelles Leben ist, teilnimmt. Denn Individualität ergibt nur Sinn als Element eines Ganzen.

Das Ganze aber, die Gemeinschaft, wird zum Ganzen nicht, indem man einfach alle Individuen zusammenaddiert wie Bonbons in einer Tüte. Es ist ein Ganzes nur, indem es als Ganzes wirkt. Die Tatsache also, dass die Individuen zusammen leben, diese höchst reale Verbindung, die unter ihnen besteht, ist „das Soziale“. Genau diese Verknüpfung untereinander ist mitnichten unwirklich, sondern ist das Wirklichste, was wir überhaupt kennen: die Basis unserer Realität.

Dieses Soziale besteht in erster Linie darin, dass wir Konventionen gemeinsam benutzen. Konventionen sind nicht etwas, was wir einfach „haben“. Konventionen sind primär Tätigkeiten, genauer könnte man noch sagen: Modalitäten, also spezifische Arten, eine Tätigkeit auszuführen. Und während wir diese Tätigkeiten gemeinsam ausüben, entwickeln und variieren wir sie.

Nur in speziellen Situationen müssen oder wollen wir innehalten, sie betrachten, reflektieren und benennen. Aber dann sind wir immer schon längst mit ihnen umgegangen. Dabei können wir Eigenaktivität einbringen und etwas verändern, aber immer nur auf der Grundlage von Passivität: wir müssen zuerst erfahren haben, „wie es geht“, bevor wir etwas variieren können. Und ob sich die Veränderung dann durchsetzt, hängt von ihrer Aufnahme durch die anderen ab.

Vor allem aber verändert die passive Teilnahme, das heißt das erfahrende, lernende Mitmachen, zunächst uns selbst. Wir sind in diesem Sinne selbst eine Art Material, und alle echten Veränderungen betreffen uns dabei sowohl körperlich als auch emotional und geistig. Wir lernen laufen, spielen, auf die Toilette gehen, sprechen, sich freuen, lieben, schätzen, respektieren, wütend sein, kämpfen, uns beherrschen, Kompromisse eingehen, verhandeln, planen, organisieren, kontrollieren, loslassen, vertrauen, Angst verkraften, Probleme lösen, erklären, zeigen, albern sein, teilen, geben, schenken, annehmen, Menschen zum Lachen bringen, Freude machen und Geschichten erzählen.

Nichts davon kommt von alleine, all das geschieht durch gemeinsames Praktizieren nach und nach, mal ohne vorher zu wissen, was wir da lernen, und mal ganz gezielt und durch fleißiges Üben. Aber immer ist es so, dass wir es selber machen müssen, ob gut oder schlecht. Und dieses Machen ist zwar immer Nach- und Mitmachen, aber es ist zugleich auch immer die eigene Art des Nach- und Mitmachens – und dann vielleicht Selber-Machens.

Dazu gehört Auswählen, Auf-sich-wirken-Lassen, Verstärken und Weglassen. Dazu gehört aber auch einfach die eigene Art, zu laufen, zu singen und andere zum Lachen zu bringen. Die muss nicht besonders originell oder anders sein, ist aber trotzdem individuell. Und auf dieser Basis gibt es dann die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen und zu verstehen – aber immer nur aus und mit dem vorhandenen ‚Material‘: den erlernten Tätigkeiten. Alles, was wir überhaupt verstehen können, ist nur über diese erlernten Tätigkeiten zugänglich.

Herr Grau ist anderer Meinung. Er erklärt, dass das Konventionskonglomerat uns bestimmte Dinge beibringen würde, die im Konventionskonglomerat schon fertig vorliegen und die wir irgendwie an- oder aufnehmen. (Wie, bleibt in derartigen Erklärungen immer völlig im Dunkeln, wie in der black box des Behaviourismus.) Andere Dinge sind angeboren und somit prinzipiell ebenfalls fertig, d.h. sie müssen sich „im“ Baby nur noch nach dem vorgegebenen Plan entwickeln. Weder Biologen noch Kulturwissenschaftler würden sich heute mehr auf derart statische Vorstellungen einlassen.

Unter die Kategorie „angeboren“ fällt für Herrn Grau natürlich das Geschlecht. Dazu gleich mehr.

Unter die Kategorie „Konventionskonglomerat“ fallen zum Beispiel Werte und Normen. Herr Grau sagt, dass Werte nun „tatsächlich soziale Konstruktionen sind“. In Folge dessen, was er vorher gesagt hat, würde das bedeuten, dass Werte in einem fundamentalen Sinn unwirklich und beliebig veränderbar sind. Würde ich ihn in diesem Punkt ernst nehmen, so hätte ich vielleicht ein bisschen Angst vor Herrn Grau. Ich glaube aber nicht, dass er das genau so meint. Er ist bloß in seinem Umgang mit den Konventionen des sprachlichen Ausdrucks etwas nachlässig. Peinlich, wenn man gerade dabei ist, anderen Leuten zu erklären, wo ihre Begriffe „unscharf“ seien.

Zu diesem Zwecke wirft er erst einmal wieder alle Arten von Begriffen in einen Topf – „Tasse“ ist ein Begriff, „Becher“ und „Wasser“ auch. Ein Begriff ist für Herrn Grau nämlich nicht etwas so Komplexes wie ein Konzept oder gar eine hegelianische Begriffsbewegung. Nein, es ist eine einfache sprachliche Bezeichnung, die eine gewisse Extension hat, das heißt einen klar abgrenzbaren Anwendungsbereich. Diese sehr starre, undynamische, rein denotative und keinerlei Entwicklung reflektierende Verwendung ist typisch für die Analytische Philosophie.

„Schärfe“ im Sinne von Klarheit und Deutlichkeit ist damit die einzige Kategorie, die man auf diese Art Begriffe anwenden kann: ist die Extension eindeutig oder nicht? Leider, leider ist sie es bei Alltagsbegriffen oft nicht. Ist’s eine Tasse oder doch ein Becher, was ich vor mir erblicke, den Henkel mir zugewandt? Unscharf! Tassigkeit könnte über die Grenze in den Bereich der Becherigkeit hineinschwurbeln. Ich sehe schon den Trennungsgrund des erst seit kurzem zusammen lebenden Pärchens. „Du immer mit deinem Becher… DAS IST EINE TASSE!“ Auch ein Problem.

Ganz anders jedoch, oh Glück des Analytischen Philosophen, steht’s mit den trennscharfen Begriffen. Sie sind darum trennscharf, weil ihre Extension vollständig definiert ist – und so etwas funktioniert nur mit naturwissenschaftlicher oder logischer Begriffsschrift. Warum? Weil die Begriffe der Naturwissenschaften nicht dem Umgang mit Gegenständen entspringen, sondern bereits ihrer Berechnung, zum Beispiel der Unterscheidung molekularer Strukturen. Darum hat „Wasser“ eine klare Extension, nämlich eine molekulare: H2O.

Und nun kommt der große Coup des Herrn Grau: Auch „Mann“ und „Frau“ haben eine solche klare Extension, nämlich eine chromosomale! Es sind trennscharfe Begriffe! Naturwissenschaftliche Begriffe! Angeboren! QED! Und daraus zieht er triumphierend den schönen Schluss: „Die Ausdrücke ‚Mann‘ und ‚Träger von XY-Chromosomen‘ sind bedeutungsgleich, egal was der Mann für Kleidung trägt oder er operativ mit sich machen lässt.“

Zwei wichtige Punkte müssen hier geklärt werden. Erstens: Die fundamentale Entdeckung, dass Babies mit einer gewissen Mehrheit (wenn auch nicht so großer, wie Herr Grau vielleicht meint – aber das wäre ihm eh wurscht, Hauptsache Mehrheit, der Rest fällt unter Spartenproblem) mit den besagten Chromosomen geboren werden, diese fundamentale Entdeckung, so glaubt er, würden ‚Gender-Konstruktivisten‘ völlig ableugnen. Sie schlössen fest und trotzig die Augen und wiederholten mantraartig: „Nein, nein, meine Chromosomen kenn‘ ich nicht!“ Nein, Herr Grau. Die Sache mit den Chromosomen darf als bekannt gelten. Ist ja auch in Ordnung.

Zweitens: Die „Ausdrücke“ „Mann“ und „Träger von XY-Chromosomen“ sind alles andere als „bedeutungsgleich“. Herr Grau meint damit, dass sie dieselbe Begriffsextension abdecken, das heißt ganz banal, dass „dasselbe gemeint sei“. Wie bei Frege: „der Morgenstern“ und „der Abendstern“ sind derselbe Stern, haben also dieselbe Bedeutung, beziehen sich auf dasselbe Objekt. Nur ihr Sinn ist unterschiedlich, das heißt die Weise ihrer Gegebenheit. Das funktioniert leider in diesem Fall überhaupt nicht.

Denn „Mann“ bezieht sich nicht auf ein klar bestimmbares Objekt, so wie „Morgenstern“ auf die Venus und „Träger von XY-Chromosomen“ auf „Träger von XY-Chromosomen“. Daran zeigt sich, wie völlig nutzlos dieses Verständnis von „Begriff“ ist. Es ist nämlich ausschließlich auf physikalische Objekte im kontextfreien Raum oder auf logische Extensionen wie „alle X“ anzuwenden. Was Herr Grau also eigentlich sagen möchte, ist „Alle Männer haben XY-Chromosomen“, und dieser Satz ist falsch.

Der Ausdruck „Mann“ funktioniert im übrigen völlig anders als der Ausdruck „Träger von XY-Chromosomen“, nämlich nicht durch einfache Bezugnahme. Alle sprachlichen Formen erhalten ihre Bedeutung durch Kontext und Gebrauch. Deswegen können sprachliche Formen, die in so unterschiedlichen Kontexten auf so unterschiedliche Weise gebraucht werden wie „Mann“ und „Träger von XY-Chromosomen“, niemals dieselbe Bedeutung haben.

Das heißt nicht, dass sie etwas völlig Anderes bezeichnen würden. „Mann“ ist nicht einfach nur eine Bezeichnung, sondern ein relativ komplexes Konzept mit einer Vielzahl möglicher Anwendungen und einer immanenten Struktur, die allerlei Widersprüche und Unschärfen enthält. Wittgensteins Sprach-Spiele bieten eine gute erste Annäherung an diese Überlegungen, wie Sprache eigentlich funktioniert, dort, wo sie nicht rein extensive Definitionen bietet – also meistens.

„Mann sein“ kann es einschließen, Träger von XY-Chromosomen zu sein. Es gibt natürlich auch Männer mit anderen Chromosomensätzen. Aber wichtiger ist: Mann sein schließt viel mehr ein als das. Nun kann das in verschiedenen kulturellen Kontexten etwas ganz anderes sein. Bestimmte Verhaltensweisen und Erscheinungsformen, bestimmte Aufgaben und Erwartungen können zum Mann-Sein gehören und unser mögliches Verständnis dieses Begriffs abstecken. Und darum wurden die Begriffe sex und gender erfunden. Diese beiden Begriffe sind so gedacht, dass sie einander ergänzen. Nicht ersetzen. Ergänzen.

Nun haben wir gesagt, dass die sozialen Konventionen und Praktiken, die unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit von Grund auf prägen, in die wir hineingeboren werden und uns daran zu Individuen entwickeln, von uns erst erlernt und gebraucht werden müssen und dass das zugleich bedeutet, dass wir sie auch schon selbsttätig ausüben. Mann sein und Frau sein sind auch solche sozialen Konventionen und Praktiken – nicht nur, sondern auch. Das ist eigentlich ganz einfach.

Mit Frege kann man dazu sagen: Gender ist der Aspekt am Mann-Sein oder am Frau-Sein (oder eben nicht), der nur als Sinn zu erfassen ist, also nur über die Weise der Gegebenheit verständlich wird – und die ist gesellschaftlich, denn in der Gemeinschaft lernen wir, was ein Mädchen ist, und ich lerne, dass ich ein Mädchen bin, indem ich ein Mädchen bin. Dieses „bin“ bzw. „sein“ ist kein Zustand, sondern ein Verhalten, eine Wahrnehmung, und schließlich, wenn alles gut läuft, ein Selbstverständnis: eine Identität. Stimmt diese jedoch nicht mit meinen Genitalien überein, dann wird das Leben für mich erst einmal ein gutes Stück mühsamer als für andere Leute.

Und weil wir gelernt haben, was es bedeutet, ein Mädchen und dann eine Frau zu sein, gerade darum ist es uns auch möglich, diese Identität durch unsere aktive Seite in Variationen zu leben. Genau wie es verschiedene Weisen gibt, jemanden zum Lachen zu bringen, eine Geschichte zu erzählen, jemanden zu verführen und eine Arbeitsgruppe zu leiten – so gibt es auch verschiedene Weisen, als Frau zu leben, das eigene Frau-Sein zu leben. Dass dasselbe für das Mann-Sein gilt, wird manchmal ein bisschen vergessen, weil über lange Zeit hinweg in unserer Gesellschaft der Mann einfach als der normale Mensch galt. Das macht es statischen Denkern wie Herrn Grau vielleicht schwieriger, zu verstehen, dass auch dieses „Normale“, der „Standard“, der keiner „Sparte“, sondern der unhinterfragten Mehrheit angehört, eine Interpretation ist – und damit beweglich.

Wir können das Verständnis der Sache auch so angehen: Die meisten Männer haben einen Penis. Herr Grau sicherlich auch. Aber der Penis allein „ist“ noch kein Mann. Auch das XY-Chromosom ist kein Mann. Um zu verstehen, was ein Mann „ist“, kommen wir mit extensional trennscharfen Begriffen leider nicht weiter. Was dagegen wahrscheinlich zutrifft: Herr Grau ist ein Träger des XY-Chromosoms. Allerdings würde es uns auch nicht weiter auffallen, wäre sein Chromosomensatz vielleicht XYY. Was für ein Mann Herr Grau ist? Das wissen wir nicht.

Zu guter Letzt kommt Herr Grau mit der Ideologiekeule, die er dem, was er „ideologischen Konstruktivismus“ nennt, noch rasch überziehen möchte. Dieser habe nämlich einen „Entlarvungsgestus“, und man könne ihm nicht widersprechen, weil man dann automatisch als böser Patriarch, Chauvinist und XY-(wenn nicht gar XYYYY!)-Chromosomenträger denunziert würde.

Doch ist es in diesem Fall eher Herr Grau selbst, der entlarven möchte, indem er den Gender-Isten die Maske vom androgynen Antlitz reißt: politische Interessen wollten sie durchsetzen! Wer hätte das gedacht! Natürlich wollen wir politische Interessen durchsetzen, Herr Grau. Wir wollen zum Beispiel durchsetzen, dass Leute wie Sie kapieren, dass es nicht nur Leute wie Sie gibt und dass andere Menschen auch wichtig sind – wenn Menschen überhaupt wichtig sind. Das ist kein „pseudowissenschaftlicher Taschenspielertrick“. Das ist eine Frage der Weltsicht.

Deswegen kann man ihr auch nicht in dem Sinn widersprechen – weil es nicht darum geht, zu behaupten, Objekt A sei nicht Objekt A. Es geht hier nicht nur um den Wahrheitswert von Sätzen, sondern erst einmal um ihr Verständnis, das heißt, um eine Weise des Denkens, Wahrnehmens und Handelns. Aber Denken kommt in Herrn Graus Art des „Philosophierens“ nicht mehr vor.

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