“Coffee of Color” und der “Berliner Multikulti-Medienbetrieb” – Feindbilder einer linken Wochenzeitung

Unsere Autorin Claire Horst greift mit guten Gründen 
die Jungle World an. Sie wird wohl erst mal nicht mehr
für sie schreiben.

schreiIch schreibe gern für die Jungle World – bis jetzt hatte ich immer den Eindruck, da ist Platz für meine Themen und meinen Blick auf Themen. Von der genervten Charlotte Roche-Rezension über das Interview mit dem Istabuler LGBT-Aktivisten bis zum Kommentar zu rassistischen Konnotationen in einer Literaturdebatte oder einem Bericht zu den schwul-lesbischen Filmtagen in Hamburg schienen mir meine Texte dort gut aufgehoben.

Weder im Dschungel der Meinungen noch in der virtuellen Jungle-Kaffeeküche fühle ich mich noch wohl. Schwer genervt bleibt mir gerade der Kaffee im Hals stecken.

Erst schreibt Horst Pankow mit Schaum vor dem Mund über den Versuch einer kopftuchtragenden Juristin, einen Referendariatsplatz beim Bezirksamt Neukölln zu erhalten. Fundierte Religionskritik, fein. Würde ich gern lesen. In seinem Text steht aber keine, der besteht aus reinem Ressentiment.

Auf meinen Leserinnenbrief kam leider gar keine Reaktion – poste ich ihn eben hier.

Liebe Redaktion,

was will mir Horst Pankow mit seiner Polemik „Mit dem Kopftuch durch die Wand“ sagen? So oft ich den Text lese, über den Appell „Runter mit dem Kopftuch oder halt die Fresse“ scheint er inhaltlich nicht hinauszugehen.

Weiß nicht, wo Horst Pankow lebt. In seiner Welt agiert in Berlin-Neukölln mit der Juristin Betül Ulusoy eine geschickte „muslimische Kopftuchträgerin“, „islamische Bloggerin, Nutzerin ‚sozialer Medien‘ und Autorin von Springers Welt“, die am liebsten deutsche Strafbefehle mit „allahu akbar“ unterzeichnen würde (alle Zitate im Original.) Ach nein, doch nicht: Dem säkularen Gott sei Dank bleibt es beim guten alten „Im Namen des Volkes“. Denn, so erkennt Horst Pankow weiter, die „Querulantin“ wollte gar nicht wirklich arbeiten, sie wollte nur „die Islamtauglichkeit Berliner Soziotope“ testen. Denn eine Umsetzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, das auch Diskriminierung aufgrund der Religion oder Weltanschauung verbietet, wäre nicht mehr als das: ein Einknicken der „sich an den Islam anschmiegenden“ „Islam-Apologeten“, die der Autor im „Berliner Multikulti-Medienbetrieb“, unter anderem bei der Berliner Zeitung, wittert.

Schade, dass da eine Chance verpasst wurde. Es gibt viel Spannenderes zu diskutieren – die Frage, warum die Trennung von Staat und Kirche nicht endlich forciert wird, die Frage, wie wirkliche Teilhabe aller auf allen Ebenen der Gesellschaft ermöglicht werden kann, die Frage, wie ältere deutsche Männer endlich zum Ausziehen ihrer weißen Socken in den Sandalen bewegt werden können. Und ja, auch die Frage, ob sichtbare religiöse Symbole in staatlichen Institutionen etwas zu suchen haben. Auch die Frage, ob Betül Ulusoy eine gute Rechtsreferendarin wäre, ist legitim. Mit ihrem Blog macht sie sich selbst zu einer öffentlichen Person und fordert Dialog ein. In ihren Texten findet sich genug Material für eine inhaltliche Kritik. Dazu hätte Horst Pankow sie aber lesen müssen.

Horst Pankow interessieren aber weder politische noch ästhetische Details. Weder die Tatsache, dass ein Kopftuchverbot eben nur eine Gruppe ausschließt, nämlich gläubige muslimische Frauen, muss er deshalb diskutieren, noch die Frage, was das Tragen eines Kopftuches überhaupt über die Einstellungen der Trägerin aussagt. Am allerwenigsten interessiert ihn die Frage politischer Teilhabe. Womöglich doch aufgeschnappte Argumente für Ulusoys Einstellung als Referendarin fasst er in einem einzigen Satz zusammen: Sie werde „als eine Art Hoffnungsträgerin für eine irgendwie ‚buntere‘ Gesellschaft gehandelt – letzteres wohl vor allem wegen der wechselnden Farben ihrer Kopftücher“.

Geil. Den „Multikulti“-Vorwurf ausgerechnet in einer Debatte auszupacken, in der es mal nicht um die ach so schöne Bereicherung der Alteingesessenen durch kulinarische Vielfalt und vermeintlich ethnische Eigenschaften der ZuwanderInnen geht, sondern um verdammt noch mal das Einfordern von Bürgerrechten für alle, das ist beinahe kreativ. Auch der Verweis der Juristin auf ihre Rolle als Kleiderständer passt da ganz fein, auch wenn ein Bikini vielleicht schicker wäre als die ollen bunten Kopftücher. Womöglich ist ja auch die Bezeichnung Ulusoys als „Domina deutscher Knechtsseelen“ ein Zeichen von Kreativität. Sexismus und Rassismus werden es wohl nicht sein. Wir sind ja hier nicht bei PI News.

In der folgenden Ausgabe werden dann lustige Witzchen über Coffee of Color gerissen. Tenor: Black Coffee darf man ja jetzt nicht mehr sagen, die blöde Political Correctness und so. Die doofen Critical Whiteness-Kartoffeln, genau.

Klar, über Ansätze lässt sich diskutieren. Zum Beispiel wäre eine kritische Auseinandersetzung mit dem hinter der Rede von der kulturellen Aneignung (Jungle: “Kulturkannibalismus”) stehenden Konzept von Kultur lohnenswert. Critical Whiteness einfach als irgendeine “linke Strömung” in Deutschland zu verstehen, erfordert aber ziemlich viel Ausblendung – vor allem der Ursprünge dieses Zweigs der Rassismusforschung: Die Anregung, sich mal damit zu beschäftigen, was Rassismus eigentlich mit Weißen macht und welche Rolle sie dabei spielen, statt immer auf die als “Andere” konstruierten POC zu glotzen, ist nämlich eine Anregung Schwarzer Wissenschaftler_innen und Autor_innen wie Toni Morrison (Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination), W.E.B. Du Bois und James Baldwin, in Deutschland wären zum Beispiel Noah Sow, Grada Kilomba oder Peggy Piesche zu nennen.

Nervt aber auch, sich mit den eigenen Denkfehlern auseinanderzusetzen. Vor allem, wenn mensch sich auf der richtigen Seite fühlt. Schulterklopf.

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Eine Antwort zu “Coffee of Color” und der “Berliner Multikulti-Medienbetrieb” – Feindbilder einer linken Wochenzeitung

  1. egal schreibt:

    Kritik gut nachvollziehbar, daher nicht mehr für die JW zu schreiben, erscheint etwas übertrieben. Lieber ne Kritik daran direkt in der nächsten Ausgabe unterbringen!! In der jW sieht es bei dem Thema sicher nicht besser aus. Mal abgesehen vom Antisemitismus & Stalinismus dort….

    Gefällt mir

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