Liebe als Religion

– Die romantische Liebe ist tiefreligiös. Das macht sie so intensiv, aber auch so verderblich.

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Zumindest wenn wir verliebt sind, glauben wir gerne daran, dass zwei Menschen füreinander bestimmt sind. Aber könnten wir dann nicht gleich wieder an Kobolde im Wald glauben, die mit uns ihren Schabernack treiben? Müsste es, wenn man Vorbestimmung zu Ende denkt, nicht eine riesenhafte Organisation von Engeln oder Feen oder anderem unendlich freundlichem Gelichter geben, die sich verbünden und zusammenarbeiten, nur um uns zusammenzubringen? Eine weitere, wunderschöne romantische Idee ist die, dass man sich pränatal irgendwo im Himmel oder in den Sternen verabredet hat, um sich auf der Erde zu treffen um nun endlich Ganz zu werden. Auch Erlösungsvorstellungen sind stark verbreitet: „I thought you where the one to save me“ sang einmal Jim Croce.

Diese Gefühle und Vorstellungen sind sehr verständlich. Man ist verliebt, die Synapsen feuern wie verrückt. Freude wird noch freudiger. Der Schmerz verstummt zu einem Flüstern. Das ganze vorherige Leben beginnt nun endlich Sinn zu ergeben. Die Suche ist vorbei. Endlich sind die inneren Kämpfe und die Löcher des Lebens vorbei. Mit Dir bin ich frei. Die Droge MDMA löst ähnliche Gefühle aus, nur nicht so langanhaltend. Und wenn das Herz so deutlich sagt, das etwas richtig ist, dann können wir dem kaum etwas entgegensetzen. Das ist reinste Logik: Dass nämlich zwei und zwei vier ist, wissen wir nämlich auch nur so genau, weil es sich so richtig anfühlt. Ein Gefühl das sagt: Richtig. Stimmt. Und so ist das, wenn Du verliebt bist. In Deinen Knochen vibriert es: Richtig! Plötzlich stimmt alles. Darum verknüpfen wir im Nachhinein alle losen Enden. Es musste so kommen. Wir mussten uns treffen. Also gibt es irgendwie einen höheren Plan. So fühlt es sich zumindest für viele an, auch wenn sie es nicht immer so ausgesprochen wird. Sie sagen es laut, meist nur mit einem Augenzwinkern, weil es sich ausgesprochen zu Recht unsinnig anhört. Aber sie flüstern es sich im Bett zu. Und dann weinen sie vor Glück. Und die, die es nie gefühlt haben, waren vielleicht nie wirklich verliebt.

Aber warum sollte die Welt etwas so unendlich Freundliches in Petto haben? Sind wir der Welt nicht eigentlich herzlich egal? Das Entwicklungsgesetz der Natur ist die Evolution. Evolution heißt, du passt Dich an oder verreckst. Wo bleiben da die vielen Engelchen und Feen? Überhaupt mussten wir Menschen unfassbar viele Opfer und Mühen vollbringen, um uns vor Eiseskälte, gemeinsten Krankheiten, dem Hunger, der Grausamkeit der Natur zu beschützen.

Vielleicht ist die Liebe unsere Religion, die uns vor dieser natürlichen Grausamkeit schützt. Vielleicht die letzte, die für die meisten von uns möglich ist. Der Gott mit weißem Bart hat ausgedient. Der Kommunismus, hat einen Stalinbart bekommen und Feen und Geister sind schon lange out, auch wenn sie früher so real waren wie dieser Baum und jener Stein. An Seelenverwandtschaft und Erlösung, goldene Sonnenuntergänge und Happy Ends kann man aber irgendwie doch noch glauben, weil die Geschichte noch so oft erzählt wird, dass sie wahr sein muss. In Filmen, Büchern und Liedern. Oder mündlich, wenn von Oma erzählt wird, die immer noch händchenhaltend mit Opa herumläuft.

Wahrscheinlich ist die romantische Liebe darum so bewegend. Aber leider ist Religion gefährlich. Im Fall der romantischen Liebe überfordert sie Menschen und treibt Risse in die Beziehungen. Kein Mensch kann ein Erlöser sein. Keine Feen und Engel kümmern sich um uns. Der Anspruch ist zu hoch und muss enttäuscht werden. Und was dann übrigbleibt ist bodenlose Enttäuschung und ein gebrochenes Herz. Und dann das Warten auf die nächste Erlösung

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