Sinn und Sinnlichkeit

urlDie Tube Senf war leer. Also wirklich und vollkommen leer. Wenn auch sonst wenig bis überhaupt gar nix vollkommen ist, die Leere der Senftube war es. Sie gab nicht einen Tropfen der würzenden Paste mehr her. Und die Zeit wurde langsam knapp, die Bratwürste rekelten sich behaglich in der Pfanne und näherten sich ihrem Zenit an. Würste drei, Senf null, das war ein deutliches Resultat.

Fassungslos und schockiert stand er in der Küche, mit der leeren Senftube in der Hand. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und dies war genau der Moment auf den sein Leben gewartet hatte, um zu kollabieren. Das ist es doch alles nicht, dachte er sich, das kann es nun wirklich nicht sein. Ihm ging es eigentlich schon gar nicht mehr um sein Mittagessen. Die Vollkommenheit der Leere im Gegensatz zur Bescheidenheit seiner Mahlzeit löste etwas in ihm aus. In diesem kurzen Moment, den er dort in seiner Küche stand und die Tube anstarrte, verschoben sich die Dimensionen seines Seins. Die Sinnhaftigkeit zerbröckelte in seinen Fingern, wie ein Stück verbranntes Papier. Und auf diesem Papier hatte mal seine Bestimmung draufgestanden, die Antworten auf alle Fragen, die er sich bezüglich des Daseins hätte stellen können. Alles auf einen Schlag weggewischt. Seine Seele schien auseinander gerissen zu werden zwischen dem Drang der neu erlangten Freiheit und dem Zweifel, den er fortan verspüren sollte. Stille. Die Unbestimmtheit seiner Existenz schien schon fast greifbar, aber in Wirklichkeit war es nur der Rauch, den die Würste produzierten, jetzt, da sie den Zustand vollkommener Bräune überstanden und sich nun auf die Reise ins Land der Holzkohle aufgemacht hatten. Aber das spielte keine Rolle mehr. Auch nicht, dass seine Augen, als er völlig sinnbefreit die leere Tube wieder in den Kühlschrank legen wollte, auf ein neues, volles und unschuldiges Glas Senf trafen. Ohne darüber nachdenken zu müssen, wusste er, was zu tun ist. 

Er nahm das Glas und einen Esslöffel und machte sich an die Arbeit. Der pure, unverfälschte Geschmack des Senfs hinterließ neue Fragen auf seiner Zunge. Wozu braucht man Wurst? Warum werden unschuldige Tiere getötet, wo doch Senf auch ohne Wurst nach Senf schmeckt???

Er musste husten, was zum Teil an dem Kratzen in seinem Rachen lag, den er nach dem vierten Löffel Senf verspürte. Zum Teil lag es aber auch an dem Qualm in der Küche, den die Überreste unglücklicher Tiere in der Hitze des Gasherdes absonderten. Auch seine Augen brannten, aber sie konnten nun eh nicht mehr viel erkennen. Man sieht nur mit dem Herzen gut, dachte er sich und aß noch einen Löffel Senf. Das Glas war nun dreiviertel leer, aber er bezweifelte, dass es sich jemals auch nur annähern könnte, an die vollkommene Leere der Tube. Sein Magen sagte nämlich bereits Leck mich. Und jetzt da sein ganzes Sinnkonstrukt eingestürzt war und er nichts mehr hatte, außer seinen Urinstinkten, beschloss er auf sein Bauchgefühl zu hören. Zumindest glaubte er, es zu beschließen, aber eigentlich hatte er gar keine Wahl. Man kann zwar tun, was man will, aber man kann nicht wollen, was man will und so erbrach er sich in die Spüle. Das Senfglas ließ er fallen und es dötschte auf den PVC-Belag ohne dabei zu zerbrechen. Es machte dabei nicht einmal ein besonders eindrucksvolles Geräusch. Die Würste schmorten weiter vor sich hin, während er über das Wort senfgelb nachdachte. Senf. Genf kam ihm in den Sinn und dass er nie dort gewesen war. Er nahm die Pfanne vom Herd und haute sie in die Spüle. Es zischte feierlich, als das heiße Eisen auf die feuchte Masse in der Spüle traf.

Genf on my mind. Er zog sich seine Schuhe aus und verließ barfuß die Wohnung, ohne die Tür hinter sich zu schließen, stieg die Treppen hinab und verließ das Haus, mit nur dem, was er am Leibe hatte. Er ging los, er wusste nicht warum, aber immerhin wohin. Richtung Westen mit dem Wind im Rücken und dem Regen, der auf seine Schultern prasselte. Er fühlte sich frei. Und bewegt. Sein Magen war leer und beleidigt, seine Füße kalt und nass, er hatte keine Verpflichtungen und keinen Besitz mehr. Die Reste seiner Identität schien sich von ihm abzulösen wie Dreck und wurden vom Regen weggespült. Er brauchte sie nun nicht mehr. Sinn und Identität gehören ja irgendwie zusammen und das Eine kann nicht ohne das Andere. Sein Sinn war niedergerungen worden von einer leeren Lebensmittelverpackung und seine Identität hatte er mit den Turnschuhen abgestreift. Adidas, Nike, Puma und Converse, ein Hauch Kapitalismuskritik streifte kurz sein Haupt, setzte dann aber ihren Weg fort, ohne bleibende Spuren bei ihm zu hinterlassen. Und just in diesem kurzen Moment, als der Wille zu einer besseren Welt seine Murmel touchierte, kratzte sich Michael Moore an seinem dicken Hintern und stopfte einen Cheeseburger in den Mund. Arnold Schwarzenegger vernahm das leise Surren seines Golfschlägers, den er Richtung Ball sausen ließ. Udo Lindenberg trank einen Schluck Eierlikör und in China fiel ein Sakko tragender, eigentlich im Prenzlauer Berg lebender Exilschwabe auf die Schnauze, weil er zu viel Reiswein getrunken hatte.

Diese, vermeintlich zufällige, Gleichzeitigkeit der Ereignisse war ein vom Schicksal lang geplanter und gezielt vorgetragener Angriff auf das Raum-Zeit-Kontinuum. Doch das sagte nur kurz: Ähhhh, was?! Und bestand weiterhin, denn es hatte von all dem nichts mitbekommen, da es gerade auf der Toilette saß und in einer alten Renfield-Ausgabe blätterte.

Das Schicksal ärgerte sich maßlos und aus Rache entleerte es die eigentlich noch halbvolle Tube Senf im Kühlschrank unseres Protagonisten, was dieser aber erst viel früher feststellen sollte. Die Dinge nahmen ihren Lauf und führten ihn an den Rand seiner Selbstbestimmtheit. Und so durchwanderte er die Stadt und als er an ihre Tore gelangte drehte er sich noch einmal kurz um und fragte sich, ob er eigentlich die Kaffeemaschine ausgemacht hatte…

Zoschke (07.10.10)

 

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