Der kleine Schönheitsfehler

WP_20140319_007Neulich war ich bei Freunden eingeladen, die ich immer sehr gerne sehe. Sie selbst habe ich ins Herz geschlossen, schon seit vielen Jahren, und die Gäste, denen ich bei ihnen begegne, sind nett und kultiviert und unterhaltsam. Der kleine Schönheitsfehler: Es sind halt SPDler. Um jemals wieder von ihnen eingeladen zu werden, worauf ich Wert lege, möchte ich mich zu besagter Partei im Ganzen ebenso wenig äußern wie zu Bluthunden, Peter Hartz oder Thilo Sarrazin. Weder Zeitarbeitsfirmen noch Hartz-Vier-Regelsätze sollen hier Erwähnung finden, noch die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes. Es ist auch nicht so, als müssten wir diese Themen im Gespräch extra meiden. Wir haben genug anderes, worüber wir uns unterhalten können. Und wenn wir dann doch darauf kommen, dann kracht es halt. Bürgertum schlägt sich und verträgt sich.

An jenem Abend jedoch trat ich mit voller Wucht in ein Fettnäpfchen, groß wie die auf dem Balkon qualmende Grillschale. Es begann damit, dass eine meiner Mitgäste, die sich zufällig neben mir wiederfand und mich erwähnen hörte, dass ich neuerdings wieder in Neukölln lebe, sinnend sprach: „Ach ja, wer macht denn da jetzt eigentlich den Bürgermeister-Job?“

Eine berechtigte Frage, auf die niemandem spontan eine vernünftige Antwort einfiel. Auch mir nicht. Davon ließ ich mich jedoch leider nicht weiter aufhalten, sondern verkündete der versammelten SPD-Genossenschaft: „Keine Ahnung. Aber ich hab jedenfalls drei Kreuze gemacht, dass Buschkowsky endlich weg ist.“

Ich muss gleich dazu sagen, dass ich in der nun folgenden Debatte ganz und gar keine rühmliche Figur abgegeben habe. Völlig unterversorgt mit Zitaten und Fakten, hatte ich nicht mal den Titel seines unsäglichen Buches auf dem Schirm, und umtost von Parallelgesellschaften und Stadtteilmüttern blieb mir nichts weiter übrig als ein Standpunkt vorsichtiger, doch zäher Skepsis. Da mich meine eigene Ignoranz mindestens so stört wie die anderer Leute, setzte ich mich am folgenden Abend zur Recherche hin und stellte fest, dass mein Standpunkt der Skepsis seine Berechtigung hatte. Im Grunde ging es mir da erstmal ganz ähnlich wie dem Herrn Buschkowsky, wenn er eine Frau in Hijab oder gar Burka sieht. „Es gefällt mir einfach nicht“, schreibt er dazu. „Es erzeugt in mir Distanz und nimmt mir meinen Wohlfühlfaktor.“

Nun soll das gerade nicht der Punkt sein, findet auch Herr B. Denn eben der Wohlfühlfaktor ist es ja, den er den Multikulti-Sozialromantikern unterstellt, die seines Erachtens die Politik dominieren und die Probleme, die er anspricht, immer verdrängen wollen. Diese Argumentation hat er zu etwas ausgebaut, das man Skandalpolitik nennt, eine medial besonders schlau eingesetzte Variante des Populismus. Die Rhetorik ist uralt: Bedrohung der Kultur bzw. Zivilisation durch Barbarei bzw. Überfremdung, Werteverfall, Untergang des Abendlandes. Die Talkshow-Pointe: Der Untergang des Abendlandes vollzieht sich exakt hier und jetzt, und alle schauen weg! Und schwupps, lässt sich eine hysterische Reaktion derartigen Ausmaßes erzeugen, dass es in diesem Land tatsächlich Menschen gibt, und gar nicht wenige, die Neukölln nicht betreten würden. Obwohl Neukölln doch überall ist, irgendwie. Hier aber besonders krass, maschallah.

Dass das Methode hat, ist natürlich jedem klar. Entsprechend erklärte mir die anwesende Vertretung der Berliner Sozialdemokraten: so sei es Herrn B. gelungen, an das Geld zu kommen, das er brauchte. OK, das kapiere ich. Warum also überhaupt differenzieren? Wenn der Histrioniker mit seiner polterig-volksverbundenen Inszenierung vom Untergang des Abendlandes doch Erfolge zeigt, die letztlich ja allen zugute kommen müssen, weil Bildung?

Nun, erstens verträgt sich eine solche Inszenierung über Talkshow- und Spiegel-Popularismus durchaus nicht mit den von Herrn B. stets beschworenen Werten der Aufklärung. Gegen „Denkfaulheit und Sprachverbote“ trete er ein, so der Stern. Aber Undifferenziertheit ist die echte Denkfaulheit. Inszenierungen wie die des Herrn B. funktionieren ethnologisch gesehen über eine Entwicklung von Freund-Feind-Schemata, die der gewaltsamen Durchsetzung von Werten und Normen den Weg bahnen sollen und darum gezielt zur Ausschaltung von Differenzierungen eingesetzt werden.1

Wer immer schon weiß, wer Freund und Feind ist, wer genau weiß, was die Wurzel des Problems ist, der braucht nicht mehr zu denken, der braucht nicht mal mehr selbst wahrzunehmen. Da steht die Frage, ob das auch anders geht, doch im Raum. Sich um Differenzierungen zu bemühen, ist eine Frage der intellektuellen Aufrichtigkeit.

Denn um das Feindbild zu stabilisieren, welches konkret, jetzt und hier das Abendland bedroht, ist es notwendig, dass bestimmte Belege als Fakten festgeschrieben und dann wieder medial reproduziert werden. „Aber es ist doch so!“ heißt es dann. Dieses Ist-Doch-So bringt mich nicht nur deshalb auf die Palme, weil ich selbst natürlich in die Rolle der Multikulti-Sozialromantikerin gecastet werde – und das, obwohl mir schon der Ausdruck „Multikulti“ peinlich ist, selbst in Anführungszeichen. So ein Achtziger-Pseudohippiescheiß verträgt sich nicht mit meiner street cred, und die brauche ich in Neukölln, wallah.

Aber das ist ja nicht das Hauptproblem, obwohl auch dieses Schema (Romantiker versus mutige Aussprecher unangenehmer Wahrheiten) für die Inszenierung notwendig ist. Der eigentliche Feind im Schema ist natürlich der Islam. Der Freund ist die „Werteordnung“ von „Reformation, Aufklärung und Humanismus.“

Was genau sind die Fakten, die Ist-Doch-Sos, die Herr B. (re-)produziert und festschreibt und die ihn seinen Wohlfühlfaktor kosten? Meine Mitgäste haben sie jedenfalls verinnerlicht. Bei meiner anschließenden Lektüre stelle ich fest, dass nicht nur die Thesen, sondern auch die Formulierungen, die sie mir gegenüber gebraucht haben, genau mit den seinen übereinstimmen. Allen voran natürlich die „Parallelgesellschaft“, die „kriminellen Clans“, die „Multikulti-Sozialromantiker“, die „anderen Werte“, die „Bringschuld“ der Integration. Das für Zigaretten ausgegebene Kindergeld, das nur gegen Sprachlern-Nachweis ausgezahlt werden sollte. Die Gewalt in der Familie, die, so zeigen Statistiken, in islamisch-patriarchalen Familien natürlich viel höher sei als in…anderen. Die schweigende Kopftuchträgerin (da a) des Deutschen ohnehin nicht mächtig und b) ohne Sprecherlaubnis), die weder grüßt noch lächelt, noch arbeiten geht. Die Ehrenmorde. Die Gangs. „Hast du Problem?“ Und natürlich die Väter, die sich weigern, mit den weiblichen Erzieherinnen und Lehrerinnen ihrer Kinder zu sprechen (die Mütter können ja eh nicht sprechen), sowie die Söhne, die sich infolgedessen von Frauen nicht unterrichten lassen.

Es wäre bloße, unsinnige Umkehrung des Ist-Doch-Sos, zu behaupten, es gebe alle diese Dinge nicht. Aber ihren Status als allgemein anerkannte Wahrheit über den Zustand der Welt, als Hinweis und Ursache zugleich, wurzelnd in der zutiefst unvertrauten und verdächtigen Kultur des Fremden, erhalten sie nur durch mediale Inszenierungen wie die des Herrn B.

Erstaunlicherweise will nun jeder schon etwas gesehen haben, was man eigentlich gar nicht sehen kann. Schweigende Frauen, die nur zu Hause bleiben, sieht man nicht. Man sieht statt dessen Frauen, die Kopftuch tragen. Das kann hier und da zu Verwechslungen führen.

Ich kann nur mit Mühe an mich halten, nicht über Gegenbeispiele gegen die Ist-doch-Sos zu argumentieren. Doch gefühlige token-Geschichten vom kleinen Achmed und der schlauen Zeynab würden genau in die alte Kerbe hauen von „Einige meiner besten Freunde sind Juden.“ Derart sentimentale Argumentation räumt nicht nur ein, dass die ursprüngliche Schematisierung ihre Berechtigung habe, sondern droht zudem die bestehenden Probleme von Menschen, die selbst nicht zur Sprache kommen, zu verschleiern.

Trotzdem spricht die Tatsache, dass wirklich sehr viele nicht-deutsche, islamisch sozialisierte Menschen in Neukölln leben und in kein einziges der erwähnten Klischees passen, für sich. Sie sagt zweierlei aus.

Erstens, dass der Islam an und für sich nicht das Problem sein kann – und dazu sollte man auf die muslimischen Menschen hören, die sich zahlreich und nuanciert dazu äußern, wie man den Islam leben und ihn mit einem säkular geprägten Leben in Einklang bringen kann. Es muss ja nicht gleich Lady Bitch Ray sein. Wer seinen Wohlfühlfaktor langsam hochfahren möchte, könnte damit beginnen, dass es Frauen wie Ulusoy ermöglicht wird, das Kopftuch für das Verständnis unserer Gesellschaft umzudeuten vom Symbol hierarchischer Unterdrückung zu einem Zeichen muslimischer Lebensführung, das sich mit der Rolle einer selbstbestimmten und hochprofessionellen Frau in der Öffentlichkeit vereinen lässt. Es wäre jetzt Franziska Giffey überlassen, diese Gelegenheit zu nutzen.

Und zweitens dürfen wir daraus schließen, dass sich Neukölln auch ganz anders inszenieren ließe. Es ist nicht nur peinlich, dass ein Bürgermeister eine große Zahl der Menschen, die er zu vertreten hatte, als Bedrohung inszenieren musste, um seinen Job machen zu können, es hat auch Risiken und Nebenwirkungen. Man unterschätze bitte nicht die Geister, die man ruft, indem man eine solche mediale Inszenierung entfesselt. Auch Menschen, die in Neukölln leben, sehen die Dinge dadurch auf eine bestimmte und oft sehr selektive Weise, von Menschen, die nicht in Neukölln wohnen und sich einbilden, es sei eine Art NoGo-Area, gar nicht zu reden. Einzig ausgenommen davon ist die echte Neuköllner Parallelgesellschaft, die im Reuterkiez wohnt und sowieso nur englisch spricht. Diese darf das Problem selig ignorieren.

Könnte dem Berliner natürlich ooch ejal sein, ob man seinen Kiez nun schön findet oder nicht. Schade bloß, dass auch die von Herrn B. mit viel Geld, Aufwand und, ja, ganz sicher auch viel Liebe gepimpten Schulen von denjenigen Eltern, die die teuren Mieten zahlen, immer noch gemieden werden wie vom Teufel das Weihwasser. Schreckgeweitete, entsetzte Augen sind die Reaktion auf die Vorstellung, das eigene geliebte Kind in eine Neuköllner Schule zu geben. Lieber zieht man nach Charlottenburg oder, so man sich das nicht leisten kann, gibt man eher noch das gesellschaftliche Leben ganz auf und verlässt den S-Bahn-Ring. Lichtenberg soll in letzter Zeit beliebt geworden sein.

„Dann schick doch du deine Kinder in Neukölln zur Schule“, so endete übrigens das Gespräch, mit einem Unterton von: Wollen doch mal sehen, ob du das wirklich machst. Da im realen Leben die Neuköllner Schulen ganz einfach überfüllt sind, wird sich dann in ein paar Jahren zeigen, ob ich für meine Kinder überhaupt noch einen Platz bekomme.

Der kleine Schönheitsfehler dieser Art von Politik: Wenn etwas zur Integration beitragen könnte, dann ist es das, was weltweit gerade in Großstädten Immigration auf allen Ebenen anlockt und die Möglichkeiten zum melting pot überhaupt erst bietet. Das motiviert Menschen dazu, sich in diesen Bereich zu begeben und sich dort einzubringen, zu integrieren. Und was war das noch gleich? Ein bezahlbares Leben; Offenheit und Austausch; Gespräch; Kunst und Kultur; Freiräume; soziale Bewegungsmöglichkeiten und Grenzüberschreitungen; Frieden. Wir leben in einer Friedensgesellschaft, das ist eine unglaubliche Errungenschaft. Und in dieser Friedensgesellschaft muss nun mit einer Kriegsmetaphorik wieder Front gemacht werden, Terrornester identifiziert, Freund und Feind geklärt und durch Differenzierungslosigkeit zu radikalen Maßnahmen aufgerufen werden?

Denn die Hysterie bezüglich Integration hat Bedrohung zum Thema. Herrn B.s Argument, warum der Islam nicht zu Deutschland gehöre, besteht darin, dass der Islam nichts zu den Werten von „Reformation, Aufklärung und Humanismus“ beigetragen habe, ja diesen letztlich feindlich gegenüber stehe.

Nun muss man sich aber entscheiden. Es geht entweder um das geistig-kulturelle Wesen Deutschlands, das vor den Einflüssen des Islams geschützt werden muss. Die Türken stehen nämlich längst nicht mehr vor Wien, sondern parken in dritter Reihe auf der Sonnenallee. Oder es geht tatsächlich um die Kinder in Neukölln, ihre Sprach- und Bildungschancen, ihr Glück und Wohlbefinden, ihr zukünftiges Beitragen zu Wohlstand und Blüte des armen kinderlosen Deutschland. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Meines Erachtens hat die Politik sich um letzteres zu bekümmern, wie es Herr B. sehr erfolgreich getan hat. Sie sollte jedoch die Finger von ersterem lassen.

Deutschland ist ein säkularer Staat, kein laizistischer. Das bedeutet auch, dass dezidiert christliche Werte in unsere Gesetze und Normen eingehen. Klingt so nett, wenn man es als „Reformation, Aufklärung und Humanismus“ bezeichnet, doch was heißt das konkret? Das heißt zum Beispiel Ehegattensplitting. Das heißt politische Bevorzugung der Kleinfamilie, das heißt Heteronormativität, das heißt Zuwanderungsangst. Das heißt „freies Individuum“, das aber seine Identität ausschließlich über die Mangelware Arbeitsplatz erhält.

Mit Bildung und Integration verbindet sich die Idee des sozialen Aufstiegs. Mit den „gebildeten“, „liberalen“, „aufgeklärten“ Muslimen hat man ja auch kein Problem. Aus genau diesem Grund beglückt man uns mit der Zwangsabgabe für Rundfunk und Fernsehen – der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen war immer ein SPD-Thema. Besagte Zwangsabgabe ist das genaue Äquivalent zum Kindergeld, das nur gegen Sprachnachweis ausgezahlt werden solle, wie es Herr B. vorgeschlagen hat. Mündige Bürger, die sich ihres eigenen Verstandes bedienen, kriegt man davon übrigens nicht.

Insofern ist die Angst vor missglückter Integration eine Angst vor dem sozialen Abstieg. Eine Angst vor Kontamination durch das Fremde, Primitive, Barbarische, die dazu führen würde, dass wir unsere Werte verlieren – und damit sind nicht Kant und Goethe gemeint, sondern Individualität und freie Marktwirtschaft.

So kommt diese seltsame Vermischung zustande, in der man in einem einzigen Argument von Islam-Angst zu Bildungschancen für Kinder springt. Welche Familien sind es denn, die die größten Schwierigkeiten haben in Neukölln, die mit der Sprache und demzufolge mit sämtlichen Ämtern und Anträgen nicht zurande kommen, deren Kinder nicht sprechen wollen oder können, die vielleicht aus Frust zuschlagen, die gar nicht wissen, was ein Berlinpass ist, die das Kindergeld direkt nach Hause ins Dorf bringen, weil die da noch viel ärmer sind als sie selbst? Es sind natürlich die sozial schwächsten Familien. Es ist Armut, was wir fürchten, und das zu Recht. Aber dessen sollte man sich bewusst sein.

Und weil Armut als Folge mangelnder Integration verstanden wird, entsteht eine Forderung: Kommt endlich mal aus dem Ei, lasst eure abergläubischen Vorstellungen und eure Clanstrukturen hinter euch, vor allem ihr Frauen, ihr müsst jetzt echt mal ran, werdet freie und selbstbestimmte Einzelindividuen, das merkt man daran, dass ihr die Kopftücher von euch werft und die für euch bestimmten Waren konsumiert – denn dann könnt ihr reich und glücklich werden. Hier gibt es Arbeitsplätze für alle, um sich nützlich und sinnvoll einzubringen, und wenn euch das misslingt, liegt es daran, dass ihr euch nur mangelhaft gebildet und integriert habt.

Wie schade, dass das gelogen ist.

Ein besonders netter unter den SPDlern nahm mich später noch beiseite, da er nicht wolle, dass mir ein falscher Eindruck von ihm entstünde. Er habe nämlich für sein Kind nicht nur extra die schlimmen Neuköllner Schulen gemieden, sondern auch ganz dezidiert eine Schule, die „echt nur voller Erben“ war. Freund-Feind-Schema die zweite: nach dem Feindbild des Mobs das zweite Feindbild der dekadenten Elite. Ich schämte mich zu erwähnen, dass auch ich meinen, wenngleich bescheidenen Lebensstil mit zwei Kindern nicht komplett selbst finanzieren kann. Natürlich knabbert die Berliner Boheme zu großen Teilen auf der dicken Sahnetorte ererbter Privilegien, wie schon Aristoteles nicht nur auf den Schultern von Riesen, sondern vor allem auf denen von Sklaven stand. Dabei gelingt es uns heute auch noch, Stichwort Selbstausbeutung, die Rolle der Boheme und der Sklaven gleichzeitig zu übernehmen.

Darüber spricht man selten, wenn nicht gerade mein Schwager aus Rheinland-Pfalz zu Besuch kommt und die Menschen freundlich begrüßt mit den Worten: „Un, was schaffsch du so?“

Dennoch sind wir nicht völlig nutzlos. Denn eine Gesellschaft, die sich uns leisten kann und will, ist auch eine Gesellschaft, in der Integration möglich ist. Eine Gesellschaft, die sich kulturell wandelt, braucht Elemente, die in Bewegung sind – und das sind immer die Randerscheinungen und Grenzgänger einer Gesellschaft, das sind die Migranten im Wortsinn einerseits, das sind aber auch die Künstler, Denker, Kritiker und Quatschköpfe, die nach Alternativen zu einem vorgegebenen Lebensweg suchen. Integration bedeutet eben nicht, dass alle Einzelindividuen ihr Eigenes und der Gesellschaft Fremdes in sich abschneiden müssen, um sich in diese einzupassen und eine vorgefertigte Funktion in ihr zu übernehmen. Diese vorgefertigte Funktion gibt es nicht – das ist eine falsche Versprechung. Integration bedeutet, dass das Ganze sich wandelt. In einer Gesellschaft in Bewegung, kulturell ebenso wie ökonomisch, wird es möglich, sich eine Identität zu schaffen. Ethnologen, Soziologen und Historiker werden das bestätigen können – und auch, dass diese Vermischung und Veränderung in etablierten Gesellschaften oft als bedrohlich angesehen wird. So kommt es zu dem Ressentiment, das den Menschen entgegen gebracht wird, die nicht nur arm sind, sondern dazu auch noch fremd. Ihre „Bringschuld“ ist es, sich zu ändern, ohne dass sich etwas anderes ändert – das versteht man hier unter Integration.

1Wen dieser ethnologische Aspekt interessiert: dazu kann man zum Beispiel Erwin Orywal, Veena Das oder Nancy Schepher-Hughes lesen.

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3 Antworten zu Der kleine Schönheitsfehler

  1. peter3020 schreibt:

    „Deutschland ist ein säkularer Staat, kein laizistischer. Das bedeutet auch, dass dezidiert christliche Werte in unsere Gesetze und Normen eingehen.“
    Wer soll diesen Widerspruch verstehen?

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    • alissawyrdguth schreibt:

      Lieber Peter3020,
      jeder, der den Unterschied zwischen säkular und laizistisch kennt. Ein laizistischer Staat, Beispiel Frankreich, hat die Trennung von Kirche und Staat in der Verfassung verankert. Säkulare Staaten haben das nicht. Das heißt, dass es in Deutschland prinzipiell nicht widersprüchlich ist, christliche Werte in die Gesetzgebung einfließen zu lassen, auch wenn Religionsfreiheit herrscht.

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      • peter3020 schreibt:

        Liebe alissawyrdguth,
        vielen Dank für die freundliche Antwort! Ich habe „säkular“ und „laizistisch“ durcheinandergebracht, tut mir leid.
        Schade, dass sich der deutsche Innenminister nicht mit der Kirche zerzankt hat …

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