Elendsblicke

220px-Hasenheide-Moschee-18780030-a-Mario_DuhanicErst zog ich meine verschwitzte Turnhose aus. Dann die Unterhose. Nackt legte ich mich auf die Nacktenwiese des Volksparks Friedrichshain. Die Sonne strahlte warm auf meine Genitalien. Ich war froh, dass nur vereinzelt Leute herumlagen. Ich roch sicher bestialisch nach Schweiß. Gerade hatte ich mein tägliches Dreistundentraining absolviert: Meine derzeitige Methode, mit der Sehnsucht nach Sex klar zu kommen.
Seit 14 Monaten hatte ich keinen Sex mehr gehabt. Zumindest keinen ordentlichen … . Ordentlicher Sex, dazu gehört für mich eine heiße Flamme der Begeisterung für den anderen und für mich. Dazu noch ekstatisches Knutschen, viel Grinsen, usw.. Das ist natürlich ein hoher Anspruch. Wahrscheinlich sollte ich darum auch eher von Sex UND Liebe sprechen. Ich habe kürzlich mal wieder eine Untersuchung gelesen, die sagte, dass Männer nur knutschen, um die Frau ins Bett zu bekommen, während für Frauen das Knutschen viel wichtiger, und so etwas wie ein Sensor für die Beziehung sein soll. Schon komisch. Dann muss ich wohl eine Frau sein! Diese binären Zuordnungen sind  meistens für die Katz: Frauen – Männer, Inländer – Ausländer, groß – klein, schwarz – weiß… alles blöde!
Aber egal! Jedenfalls hatte ich es nach dringendem Anraten von Freunden öfters versucht, mit irgendwelchen Sexgeschichten. Aber, wenn das schon mal klappte – ich stellte mich dabei immer so ungeschickt an, sprach die falschen Frauen an, bekam keinen hoch – war das irgenwie witzlos. Ein bisschen wie masturbieren plus Schuld. Für manche wird das Bedürfnis nach Sex und Liebe irgendwann weniger… nicht bei mir: Bei mir fühlte es sich nach einer Zeit so an, als könnte ich mit meinem erigierten Penis einen gefrorenen Acker umpflügen. Und das ständig glimmende Gefühl von Einsamkeit nagt an einem.
Ein paar Meter weiter lag eine rothaarige, braungebrannte Frau.
„Boioioioioioing!!1“ dachte ich für mich, obwohl ich sie gar nicht richtig erkennen konnte. Ich hatte meine Brille nicht auf.
Also holte ich sie aus der Turnhose, die neben mir lag. Hier war ich, den biopolaren Geschlechterzuordnungen sei Dank, ganz Mann: Optisch stimulierbar! Mit Schrecken stellte ich fest, dass die Frau um die siebzig, und ihre Haut sehr braun, sehr faltig und sehr erschlafft war. Das war wirklich absurd, was meine Geilheit da mit mir anstellte! Aber ein Stück daneben lag, mit dem Rücken zu mir, der wohlgeformte, etwas bleiche, aber straffe Rücken einer hoffentlich jungen Frau. Ich drehte mich ein wenig schräg, drehte auch den Kopf schräg, um weitere Blicke zu erhaschen, ohne zu offensichtlich zu glotzen. Ich weiß ja, dass das nicht in Ordnung ist, das Glotzen. Viele Frauen empfinden das als Grenzübertritt. Ich hatte das früher nie verstanden, bis es mir eine Freundin mit viel Mühe erklärt hatte: Man wird dabei ständig geprüft und bewertet: als „sexy“, oder „passabel“, oder „kotz-würg“. Mir leuchtet ein, dass das sich schlecht anfühlt. Überhaupt ist klar, dass es ätzend ist, wenn man nur für sich sein darf, wenn man von vier Wänden und einer Tür beschützt wird. Ich werde ja selbst sauer, wenn mich jemand in der U-bahn ständig anglotzt. Das hat etwas Respektloses. Eigentlich eine Beleidigung. Manchen macht die Glotzerei auch Angst.  Die Glotzerei ist also nichts. Nicht einmal mir nützt sie. Diese Einsicht half mir aber auch nicht weiter. Ich bemühte mich immer wieder, es nicht zu tun, was ungefähr den gleichen Erfolg hatte, wie einen anfahrenden Zug mit den Händen festhalten zu wollen.
Also krümmte ich mich fast unter einer Mischung aus Demütigung und Schuld, und glotzte trotzdem. Ich achtete dabei sorgsam darauf, dass mir dabei nicht der Sabber zum Mund rauslief. Ach, diese Kurven! Und diese Haut! Oh, Mann, war ich geil auf sie! Gleichzeitig schwante mir, dass ich mich sehr wahrscheinlich täuschte. Die Erfahrung zeigte, dass meine Lüste mir oft etwas Falsches vorgaukelten. Frauen, die ich aus der Ferne unendlich attraktiv fand, hatten aus der Nähe einen Egoistenmund, rochen komisch nach Flieder oder hatten eine nervige Stimme! Ich muss jemanden schon auch irgendwie interessant oder toll finden. Das macht mich wiederum zur „Frau“. Aber ich konnte mir nicht helfen: Ich musste jede ihrer Bewegungen gierig verfolgen. Merkwürdigerweise kam mir in letzter Zeit auch immer öfter ein Zorn, fast ein Hass hoch, auf diese blöden, attraktiv – selbstzufriedenen Frauen, von denen ich mir lebhaft vorstellte, dass sie nur mit dem Finger schnippen mussten, um einen Mann zu bekommen (Auch das war natürlich eine Projektion, das war mir klar. Aber auch das Wissen allein half nichts.): Ich hasste die Art, wie sie anzüglich las, wie sie ihre geilen Beine übereinander legte, wie sie ihre Haare wie eine Prinzessinnenkrone gebunden hatte.
Ein Stück hinter der Frau setzte sich nun ein Mann um die Fünfzig. Er hatte graue, fettige Haare, war in Grau gekleidet, trug eine verdunkelte Brille. Er sah ganz schön Scheiße aus. Außerdem setzte er sich viel zu nah an die Frau heran. Sehr auffallig! Auch er drehte sich etwas von der Frau weg. Dann nahm er einen „Focus“ in die Hand – in dem wahrscheinlich irgendwelche Bewerbungstipps für Manager behandelt wurden – und schaute für einen Moment rein. Dann drehte er seinen Kopf so, dass er die Frau voll anvisierte. Sein Nacken war stark verdreht. Man hätte sich fast um den Zustand seiner Nackenwirbel sorgen können. So blieb er dann, und glotzte und glotzte. Mein Gott, das fiel so auf! Er war wie ein Spiegel meiner eigenen Wurmhaftigkeit, und ich schämte mich in Grund und Boden. Ich durfte also nun wirklich nicht mehr Glotzen. Nur ab und zu, warf ich zwanghaft einen Blick in die Richtung des Glotzers und der Beglotzten. Sie hatte den hässlichen Mann inzwischen bemerkt,  und ein genervten Gesichtes aufgesetzt, ihm den Rücken und mir den Busen zugekehrt, und begann nun, sich eine beige, kurze Hose über die kalkweißen Beine zu ziehen. Der Mann glotzte strikt weiter auf ihren nackten Rücken, immer wieder kurz unterbrochen von einem Blick auf seine reaktionäre Zeitung. Ich hasste ihn! Wie konnte er es nur wagen – wo er doch so hässlich war – so zu glotzen. Dann fiel mir auf, dass seine Hässlichkeit eigentlich gar nichts zur Sache tat. Wenn, dann sollte sie sich viel eher mildernd auf mein Urteil auswirken! Der Mann hatte wahrscheinlich schon seit 20 Jahren keinen Sex mehr gehabt, schaute wahrscheinlich ständig Internetpornos, masturbierte täglich fünf mal und war schrecklich traurig!
Das Ganze eskalierte nun im Stillen, als ein dritter Glotzer sich ebenfalls zu nahe an die Frau heransetzte, die nun angepisst ein rosa Oberteil über die Brüste zog.
Wie erwartet war sie viel weniger sexy als meine Lust es mir vorgegaukelt hatte. Sie sah einfach normal aus, hatte dazu einen furchtbaren Kleidergeschmack und schien wie eine rechte Langweilerin. Auch das machte mich sauer, weil ich neidisch war, auf die Aufmerksamkeit die sie bekam und gar nicht verdiente. Dann schalt ich mich, für meine sexmarkthierarchiekonformen Ansichten, an die ich eigentlich nicht glaube.
Mir reichte es! Frustriert begann auch ich, mir meine feuchten Sportsachen anzuziehen. Als ich fertig war, hatte sich die Szene schon aufgelöst. Die uninteressante Beglotzte ging im Stechschritt weg, während die beiden Glotzer ganz verloren und mit leicht gesenktem Haupt die Zeit abwarteten, die sie sitzen bleiben mussten, damit nicht all zu offensichtlich wurde, dass sie dreckige, kleine Wichser waren.
Ich hatte mein Glotzen ja besser verheimlicht, wie ich fand, also stand ich auf und ging zu meinem Fahrrad. Ich kam an einem braunen, nackten, alten Mann vorbei, der nur kraftlos dastand, während ihm ein Plastikschlauch aus dem Bauch ragte.

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Eine Antwort zu Elendsblicke

  1. Frosch schreibt:

    Toll geschrieben. Dafür und überhaupt wurdest du nominiert von mir: https://mipigsalaechopf.wordpress.com/2015/06/06/liebster-blog-award-hell-yeah/

    Gefällt 1 Person

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