Verstrahltes Wuchern

– Über Krebsmetaphern, die Montagsmahnwachenredner Ken Jebsen so gerne gebraucht

1024px-Thorax_pa_peripheres_Bronchialcarcinom_li_OF_markiertMenschen mit Krebszellen vergleichen, das ist rhetorisch schon ziemlich brutal. Kann man das, so man guten Willens ist, als rhetorischen Ausrutscher ansehen? Oder ist es ein Zeichen einer menschenverachtenden Haltung? Oder gar einer „rechten“?

Ich weiß genau, dass ich selbst jedenfalls nicht mit einer Krebszelle verglichen werden möchte. Ich weiß aber noch nicht genau, was bei Ken Jebsen eigentlich dahinter steht. Was er gesagt hat, ist Folgendes: „[…] es sind doch nur eine Handvoll Menschen, die ein wenig verstrahlt sind, nennen wir sie mal Tumorzellen. Aber die meisten von uns sind doch gesund! Und ich glaube daran, dass gesunde Zellen die Fähigkeit haben, sich schneller zu teilen als kranke. Daran glaube ich, ja! Alles was wir machen müssen […] wir müssen uns einfach schneller teilen, und das machen wir durch Kommunikation.“

Jebsen redet nicht davon, dass diese verstrahlten Menschen, die er Tumorzellen nennt, vernichtet werden sollten. Da aber Tumorzellen vernichtet werden müssen, um den Organismus zu retten, liegt diese Assoziation auf der Hand. Ist das schon ein Aufruf zur Gewalt? Nein, finde ich nicht. Aber was für ein Menschenbild erlaubt diesen Vergleich? Und wie funktioniert der Vergleich?

Der Medizinhistoriker Markus Weber hat seine Dissertation über Krebsmetaphorik im Dritten Reich geschrieben. Er meint, die vorherrschende Theorie der Nazis im medizinischen Sinn war, dass Krebs den schwachen Organismus befällt. So fordert Hitler etwa 1933 die „Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie“. Eine antisemitische Metaphorik der Krebszelle funktioniert über den Parasiten-Vergleich. Hier ist der Organismus, von dem die Rede ist, der „gesunde Volkskörper“, der eben nicht mehr „gesund“ ist, so dass es möglich ist, dass ihn ein Krebsschaden befällt. Die Schwäche des Organismus ist die Ursache für den Parasiten. Das diente zur Argumentation der Stärke und zur Vernichtung all dessen, was „wuchert, zersetzt, aussaugt, tötet“, wie Weber zusammenfasst. Jebsens „gesunde Zellen“ sind stark durch Kommunikation, durch die sie sich „schneller teilen“, also vermehren.

Weber beschreibt, wie die Organismus-Metapher dazu dient, Individuen in ein organisches Ganzes zusammenzufassen, eben das Volk. Das Besondere am Organismus ist nämlich, dass es eben eine lebendige Einheit ist, das heißt, die einzelnen Bestandteile dürfen ganz unterschiedlich beschaffen sein, sie müssen nur gemeinsam funktionieren und gleichen Ursprungs sein. Auf der anderen Seite gibt es die Individuen, die nicht zu diesem organischen Ganzen gehören, die also nicht gleichen Ursprungs sind oder nicht zur Funktion des Ganzen beitragen. Sie werden als einzelne Zellen gedacht, die unselbstständig existieren. Gehört das Individuum nicht zu einem gesunden Volkskörper, sondern irrt verloren durch die Geschichte und heftet sich an andere gesunde Volkskörper, um durch Wucherung (Zins) von ihnen zu profitieren… dann haben wir eine Krebsmetaphorik des strukturellen Antisemitismus.

Das heißt nicht, dass Jebsen nun wegen seines Krebszellen-Vergleich „rechts“ sei – sondern es heißt, dass sein Krebszellen-Vergleich tatsächlich ähnlich funktioniert wie die Krebsmetaphorik der Nazis. Ähnlich, aber nicht genau so: Jebsen spricht von keinem Organismus, er kennt nur kranke und gesunde Zellen, also Individuen, die durch Teilung, also Kommunikation, Strukturen aufbauen. Die Nazis waren ja regierende Partei, der Volkskörper gehörte also ihnen, und sie definierten seine Eigenschaften und definierten damit vor allem, was als „gesund“ galt. Jebsen dagegen stärkt das Individuum. Gesund ist das Individuum, das in die Struktur der Kommunikation von Wahrheit eingebunden ist. Krank ist das Individuum, das „verstrahlt“ ist, also verblendet durch Ideologie und Lügen. Und es ist nicht nur krank, sondern es bildet einen Tumor. Das heißt, es hängt parasitär an der Kommunikationsstruktur der Gesunden und wirkt sich auf diese schädlich aus.

„Die meisten von uns sind doch gesund!“ Das ist der Satz, zu dem ich immer wieder zurückkehre und der mich am meisten berührt. Wir sind doch gesund! Die sind krank. Krankheit als Stigma, als Diffamierung, als Abgrenzung von der gesunden Norm, dem gesunden Wir, mit dem gesunden Empfinden, das uns erkennen lässt, was wahr ist! „Daran glaube ich“, sagt Jebsen. Liegt in diesem Glauben eigentlich die Grundhaltung, die es ermöglicht, Menschen mit Tumorzellen zu vergleichen? In dieser Annahme, die meisten von uns seien doch gesund? Normal?

Nun wurde im Netz argumentiert, dass ja auch linke Kapitalismuskritiker die Krebsmetaphorik gebrauchen würden: Wachstum um des Wachstums willen sei die Ideologie der Krebszelle. Ich kann darin nur zustimmen, dass der Gebrauch dieser Metapher, wie auch Susan Sontag in „Krankheit als Metapher“ (1978) schreibt, in jedem Zusammenhang diffamierend ist, weil Krebs ausschließlich negative Eigenschaften hat. Mit dieser Metaphorik bringt man zum Ausdruck, dass etwas böse ist, dass etwas vernichtet werden sollte. Und wenn die Gesprächspartner diese Metaphorik akzeptieren, können sie eigentlich nicht mehr widersprechen.

Aber es gibt doch einen entscheidenden Unterschied. Das, was da um des Wachstums willen wächst, das sind keine Menschen. Es ist eine „Ideologie“, die da zerstörerisch wuchert. Es handelt sich also immer noch um ein Totschlagargument, das in zynischer Weise Angst und Ekel motiviert. Aber es handelt sich nicht um eine Diffamierung von Menschen als Krebszellen. Menschen dürfen, so meine eigene Empfindung, grundsätzlich nicht mit dem verglichen werden, das radikal vernichtet werden muss, um Leben oder Gesundheit zu bewahren.

Nova

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