Teeparty in Walhalla

Alissa Wyrdguth über ein in den USA enorm einflussreiches Buch

Ayn Rand1 by I looked at the photograph you mentioned at Wikipedia[...] It was taken by Phyllis Cerf (April 13, 1916– November 25, 2006), and I believe we obtained permission to use it in some cases long ago from her sonAtlas Shrugged – die romantisch-heroische Feier des Business Executive von Ayn Rand

Die Zeit der Helden ist nicht vorbei. Es hat sie eigentlich noch gar nicht gegeben, außerhalb von Märchen und Balladen. Raubritter sind keine Helden, sondern Plünderer. Märtyrer sind keine Helden, sondern Sklaven. Der wahre Held ist der aufrichtige Mann, der Werte hat und Werte produziert, mit dem man Handel treiben kann, weil er ehrlich ist und seine Energie und Lebenskraft auf Profit richtet. Seine Tugenden sind die einzigen wahren Tugenden, die es gibt: Zweckgerichtetheit und Vernunft, Eigeninteresse und die Kraft, sein Leben zu genießen. Er kennt weder Schuld noch Scham: Er kennt seinen Wert. Das ist die zentrale Botschaft von Ayn Rand, der Vordenkerin der neokonservativen, US-amerikanischen Tea Party.

Atlas Shrugged erschien 1957 und wurde 2012 als Der Streik erneut ins Deutsche übersetzt. In Europa ist Rand nie sonderlich bekannt geworden, dafür gilt sie und besonders dieser Roman als ein Geheimtipp und zentraler Einfluss in den USA des 20. Jahrhunderts. Als Ausdruck des Zeitgeschehens findet das monumental angelegte Epos seinen Weg in die Serie Mad Men, u.a. wenn der Boss von Sterling Cooper seinem Star-Angestellten Don Draper ans Herz legt, doch sofort dieses Buch zu lesen: Es zeige Männer wie sie beide. Diese Männer sind Geschäftsmänner, und sie tragen das Gewicht der Welt auf ihren Schultern. Ihre Kraft trägt uns alle mit und findet Ausdruck in der metaphysischen Form des Geldes. To make money: diesen Ausdruck geprägt zu haben, schreibt Rand, sei der nobelste Verdienst der US-amerikanischen Sprache.

Noch mit der Lektüre von David Graebers Schulden im Hinterkopf, liest sich die Metaphysik des Geldes, die uns Atlas Shrugged präsentiert, erschreckend naiv: ein zweifelhaft gedeuteter Aristotelismus, der Geld schlicht als die Ausdrucksform von schöpferischer Kraft durch das Medium des Tauschwertes versteht.

Ist das Propaganda oder ist das Literatur? Während Rands Stil vom Heroisch-Romantischen – wie sie sich selbst beschreibt – oft ins Melodramatische abgleitet, ist die Schärfe ihrer Beobachtungen und ihre poetische Ausdruckskraft bemerkenswert. Sie schreibt gut, sie ist selbst eine der überlegenen, zu besonderen Leistungen fähigen Gestalten, die sie feiert. Doch lässt sie sich ganz gezielt zu Courts-Mahler-haftem Kitsch herab, um die emotionale Bindung an ihre extrem idealisierten Heroen zu sichern. Da gibt es die schlanken und geraden Gestalten mit dem festen und klaren Blick, die wir immer gleich an den besagten Adjektiven erkennen dürfen sowie an den grauen Augen, die schon aus Tolkiens Herrn der Ringe als Zeichen des heroischen Geistes bekannt sind. An der Wand entlang wieselt derweil das flinke und gebeugte Personal des diabolischen Sozialismus, der Rands fiktive USA in seinen Griff bekommt, die Gesellschaft zerstört und uns mit zunehmender Offenheit als Rattenplage präsentiert wird. Diese Herren und Damen zeichnen sich aus durch feuchte, wulstige, herabhängende Lippen, durch glasige oder schwammige Augen und Haut, schlaffe Gesichtszüge und diverse Anzeichen von Debilität und Verfall. Sie sind das personifizierte Böse in Gestalt der Mittelmäßigkeit. Ihr Ziel ist es, nicht etwa Geld zu verdienen, sondern ihren parasitären Status durch das Erregen von Mitleid (mooching) oder durch strukturelle Waffengewalt (looting) aufrecht zu erhalten. Ihnen schenkt Ayn Rand in diesem Buch nicht nur eine Stadt, sondern gleich das ganze Land.

Der strukturelle Antisemitismus dieser Propaganda mag typisch sein für die USA der Zeit, jagt der Leserin aber dennoch Gruselschauer über den Rücken. Wirklich kraftvoll ist Rands emotionales Schreiben, nicht nur weil sie es geschickt betreibt, sondern weil sie es so meint. Sie ist vollkommen ehrlich und überzeugt: Das Böse, das uns bedroht, sind die Schwachen. Das Böse lässt sich durch unsere Schuldgefühle sanktionieren. Wenn wir uns von diesen befreien und unsere Stärke verwirklichen, sind nicht nur wir selbst glücklich, sondern dann entsteht (irgendwie) das Beste für alle (wen?).

Die Tea Party erhebt dieses Credo zur Politik, das Ayn Rand Institute erhebt es zur Wissenschaft – zuletzt prominent geworden durch seine Polemik gegen die Gesundheitsreform.

Und wie steht es um den philosophischen, ehem, Unterbau des heroischen Ideals? Rands Objektivismus, wie sie ihr Denken benennt, wurde von ihr selbst in vier Punkte zusammengefasst: Die Realität ist vernünftig; die Natur ist Realität; Eigeninteresse ist Tugend; Freiheit oder Tod. Die politische Überzeugung, die sie daraus zieht, nennt sie Kapitalismus. Sie fordert den nietzscheanischen Übermenschen, der, frei von Schuldgefühlen und Sklavenmoral, in freudiger Bejahung seiner Kraft durchs Leben gehen soll. Das Ideal von Lebensfreude durch zweckgerichtete Kraft ist aristotelisch, sitzt jedoch fest im Rahmen eines rationalistisch-objektivistischen Naturbegriffs. Das höchste Ideal ist Zweck oder Ziel: das aristotelische telos wird als vernünftige Folge objektiver, rationaler Ursachen gedeutet. Darum sind Rands philosophische Feindbilder, die in melodramatischen Hetzreden präsentiert werden, nicht nur jede Form von kritischer Theorie und Dialektik, sondern alle Formen des Denkens, die mit dem mathematischen Begriff einer Integration verschiedener Typen von Logik arbeiten, von Bergsons Intuitionismus bis hin zur modernen Physik. Zur ethischen Forderung wird nicht das Ideal der Vernunft, sondern das Ideal des zweckgerichteten Verstandes. Daraus ergibt sich die unschuldige Brutalität, mit der sie objektiven Erfolg als einzigen Maßstab menschlicher Aktivität und damit des Menschen überhaupt fordert. Erfolg ist Kraft ist Tugend ist Mensch. Für den Rest der Tierwelt gibt es keine Entschuldigung.

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