Wittgensteins Wanderschaft


Ludwig_Wittgenstein_1910Wittgenstein brach sich ein Bein, als er vom Pferd fiel auf seinem Weg nach Wuppertal.

In Wuppertal wollte er seinen Schwippschwager Sebastian Neururer besuchen. Mal wieder nen lecker Käffken schlürfen, bißken schnacken und so. Sie hatten sich lange nicht gesehen und Wittgenstein hatte ausnahmsweise mal ein wenig Zeit übrig. Was selten genug vorkam, er war ein vielgefragter Mann. Sowohl beruflich, als auch was die Frauen angeht. Zuviele Weiber, zu wenig Zeit, das alte Dillemma.

Bumm, so krachte er auf den harten Boden der Realität. Das Pferd erschrak vor einer Schlange, welche ihrerseits irritiert war von dem Kaninchen, das seit geraumer Zeit vor ihr, der Schlange saß und sich nicht bewegte. „Was will das wuschelige kleine Ding da von mir“, dachte sich die Schlange. „Was erwartet es jetzt. Soll ich etwas sagen?! Süß ist es ja schon, das kleine Häschen.“ So in Gedanken vertieft wurde sie von Wittgensteins Pferd von halbrechts überrascht und ihr entwich ein kurzer, aber vehementer Zischer. War nicht böse gemeint, sie hatte sich nur erschreckt. Das Pferd bockte auf, schmiss Wittgenstein ab und machte sich vom Acker.

„Autsch, meine Hüfte. Oder ne, is doch mein Bein“, dachte sich Wittgenstein. „Und och wie süß, das Kaninchen dort.“ Doch da die Schlange nun weg war, hatte auch das Kaninchen keinen Grund mehr zu bleiben, pupte noch mal kurz zum Abschied und enthoppelte der Sicht Wittgensteins…

Und so verblieb Wittgenstein in der Einsamkeit der Einöde und wusste nicht so recht etwas mit sich anzufangen. Die Situation war neu für ihn. Er guckte ne Weile in die Wolken, dann starrte er versuchsweise den Boden an. Eine Ameise erregte seine Aufmerksamkeit. „Oh du kleine Ameise du siehst durstig aus“, sagte Wittgenstein und ergriff seine Wasserflasche. Er ergoss einen Schwall auf die Ameise, die damit nicht rechnete, in Schockstarre verfiel und in der Pfütze ertrank. „Ohhhh“, sagte Wittgenstein. „Das wollte ich nicht…“ er blickte sich um, ob jemand was gesehen hatte, aber er war ja einsam und vereinödet. „Ähh, tut mir leid ich geh dann mal…“ Er hielt es für besser sich aus dem Staub zu machen. Sein guter Ruf als Freund von Mensch und Tier stand auf dem Spiel. So vergass er kurz sein gebrochenes Bein und lief weg.

Hinter der übernächsten Düne traf er auf Nietzsche und dessen alten Buddy Zarathustra. Die beiden versuchten sich am Federballspiel, was nicht so einfach war, da der Wüstenwind das Spielgerät in tückische und schwer berechenbare Flugbahnen zwang. Nietzsche, der nicht sonderlich sportlich war, hatte seine liebe Mühe damit. Zarathustra nicht so sehr, ihm fielen körperliche Dinge immer sehr leicht. Vor allem das Federballspiel, er hatte zehn Jahre im Gebirge gehaust und dort oben nix anderes gemacht. Zehn jahre Federball mit sich selbst gespielt und die Haare wurden immer länger und irgendwann hatte er das Gefühl, langsam aber sicher ein bißken blöde zu werden. Als Vollblutfederballer und etwas matschig in der der Rübe begann er damals seinen Abstieg. Aber als vierzigjähriger, latent verwahrloster Sonderling findet man nicht so leicht Anschluss und so hing er oft mit Nietzsche ab, den die meisten Leute auch nicht so mochten.

„Wittge, du ollen Wemser, was machst du denn hier“ rief Nietzsche, als er Wittgenstein über die Düne humpeln sah. „Bin vom Pferd gefallen.“ erwiderte Wittgenstein. Er erzählte Nietzsche und Zarathustra von der Schlange und dem Kaninchen und von seinem Missgeschick mit der Ameise. Über die Dualität des Wassers, das die Quelle allen Lebens, aber auch in der Lage ist, es nach Belieben zu vernichten.

„Mensch Wittge“, sprach Nietzsche, „Du bist echt ne Murmel. Du kannst doch nicht auch noch dein letztes Wasser in den Sand kippen, wenn du eh schon am austrocknen bist. Hier trink dir erst mal ne Caprisonne. Und bedecke dein Haupt, du holst dir noch nen Sonnenstich.“ „Du kannst meinen alten Strohhut haben“, sprach Zarathustra, „ ich wollte mir eh demnächst nen Stetson kaufen.“

Stroh! Wittgenstein hasste Stroh, er hatte es schon immer gehasst. Das war auch der Grund warum nie was aus ihm und seiner ersten und einzigen großen Liebe, der Magd Smarilda geworden war. Sie wollte immer mit ihm Schabernack treiben in der Scheune vom Bauer Friedrich. Doch Wittgenstein wollte nicht ins Stroh, das piekt dann doch überall. Lass uns doch in den Wald gehen und dort rumpimpern, wollte er sie überzeugen aber Smarilda wollte nicht open air, weil da kacken einem beim Geschlechtsverkehr die Vögel auf den Kopf, dat macht die ganze Romantik in Arsch. Also trieb sie es alsbald mit Jürgen, dem Sohn vom Schmied. Jürgen war intellektuell eher Kategorie Toastbrot, aber dumm fickt gut und er hatte nix gegen Stroh. Er hat sie dann auch gleich beim ersten Mal geschwängert, jeder Schuss ein Treffer und Wittgenstein hatte seinen emotionalen Knacks weg. Er hat sich danach nie wieder so recht in ein Weib verlieben können und auch nur noch sporadische Anflüge homoerotischer Verwirrungen.

„Ich habe die beiden dann mit einer Schaufel erschlagen. Ich drosch solange mit der Schippe auf ihr Gesicht ein, bis nur noch Matsch übrig war.“ offenbarte er Nietzsche und Zarathustra in seinem von Dehydration und Vereinödung geprägten Zustand.

Nietzsche und Zarathustra warfen sich peinlich berührt einen Blick zu und nach einem kurzen Moment der stille sprach also Zarathustra. „Du Wittge, wir müssen dann auch mal los. In der City is noch Jahrmarkt angesagt. Passiert ja sonst nicht so viel hier in der gegend. Joah, also, wir sind dann mal weg.ne“ Gänzlich gelogen war diese Ausflucht nicht, es fand in der Tat ein Jahrmarkt statt und es war verheißen worden, dass man einen Seiltänzer sehen sollte.

„Dann hau mal rein, Wittgenstein“ grüßte Nietzsche noch und schon waren die beiden entschwunden. Und wieder verblieb Wittgenstein mit sich selbst allein in der Einöde. „Sie hatte es verdient, die olle Schlampe, sie hat es verdient…“ murmelte er immerzu vor sich hin.

Die Caprisonne schmeckte ihm gut, doch sie ging zur Neige und Wittgenstein musste sich überlegen, wie er weiter vorzugehen gedachte. Weiter, immer weiter. Irgendwo da draußen is Wuppertal. Fliehe mein Freund, in deine Einsamkeit! Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Und Wuppertal wartet…

So setzte er seinerselbst in Bewegung und begann seinen Niedergang. Er war nicht lang unterwegs da sah er sein Pferd, das auf einem Hügel mit dem Kaninchen über die Funktion der Sprache diskutierte. „ Also, Sprache is schon wichtig“, sagte das Pferd, „ wenn man mal über komplexere Sachverhalte kommunizieren will. Da ist Sprache dann schon gut.“

„Och, naja…“, sagte das Kaninchen, „ ich find das alles nicht so wichtig. Ich bin ein Rammler, musst du wissen. Wenn ich ein hübsches Bunny seh, dann beglücke ich es einfach. Da brauch ich kein großes Rumgelaber. Hat sich noch keine beschwert.“

„Kaninchen, du bist ein Schwein“ sagte das Pferd, denn es war eine emanzipierte Stute.

„Pferd, du bist ein Arsch“ rief Wittgenstein und wollt dem Gaule einen Tritt verpassen, dafür, dass es ihn im Stich gelassen hatte. Doch wählte er als Standbein das gebrochene und dieses knickte dann natürlich weg. Und Wittgenstein machte sich lang.

„Wittgenstein, du bist ein Trottel“ dachte das Kaninchen und kratzte sich am Ohr. „Och wie süss“, dachte Wittgenstein.

In diesem Moment kam ein Raunen aus der City rübergeweht. Der Hochseilartist war abgesegelt und knallte auf den Boden. Nicht nur das Bein im Arsch, sondern Totalschaden. Game over…

Zoschke

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