Mit Karl und Karl die Welt verändern

Tobias Rieder war für sich und den Schmetterling beim heiß 
erwarteten Vortrag von Michael Burawoy.

BurawoyAußerhalb der Soziologie dürfte Michael Burawoy im deutschsprachigen Raum nicht allzu bekannt sein. Das ist vor allem deshalb ein bisschen traurig, weil Burawoy als prominentester Vertreter einer „Öffentlichen Soziologie“ gilt, die es sich zum Ziel setzt, aus dem berüchtigten Elfenbeinturm auszubrechen und die Wissenschaft von der Gesellschaft tatsächlich wieder in einen Dialog mit dieser Gesellschaft treten lassen. Dieses Konzept vertrat Burawoy, der in Berkeley lehrt, 2004 in seiner Antrittsrede als Präsident der American Sociological Association und später in seiner Zeit als Präsident der International Sociological Association. Interessant ist diese Aufzählung bedeutender Posten hier nur, wenn man eine weitere Tatsache erwähnt: Michael Burawoy ist Marxist und sieht sich der Vision eines demokratischen Sozialismus verpflichtet.

Allein diese Kombination machte ihn aus Sicht der Rosa-Luxemburg-Stiftung natürlich zu einem begehrten Redner für ihre internationale Vorlesungsreihe „Luxemburg Lectures“. Dazu kommt noch, dass Burawoy sich in letzter Zeit intensiv mit dem Werk von Karl Polanyi beschäftigt, der in den letzten Jahren schon Thema der „Luxemburg Lectures“ von Nancy Fraser (2012) und Kari Polanyi-Levitt (2014) war.

Dass Burawoys Vortrag am 5. Mai in der Humboldt-Universität stattfand, war symbolisch gut inszeniert: Am 197. Geburtstag von Karl Marx und an dessen ehemaliger Uni sprach Burawoy über „Marxism after Polanyi“ und eine neue globale Phase, in den der Marxismus eintreten müsse, den „soziologischen Marxismus“. Was das sein soll? Tja, ehrlich gesagt kam mir die Erläuterung dieses Begriffs in Burawoys Vortrag zu kurz. Ich will mich nicht beklagen, es war eine famose Vorlesung, aber ein Stück weit hatte ich doch den Eindruck, dass seine wirklich großartigen Entertainer-Qualitäten die Inhalte zu sehr in den Hintergrund drängten. Sehr prägnant war eine wundervolle Grafik in seiner PowerPoint-Präsentation, die man nur zeigen kann, wenn man in der Wissenschaft fest etabliert und über jeden Zweifel an der eigenen Seriosität erhaben ist: Ein offenbar selbst gezeichneter, rot-gelb-blau-grauer Baum mit türkisfarbenen Wurzeln und absurden Proportionen sollte die Traditionslinie des Marxismus abbilden: Die Wurzeln des Baums bilden einige frühe Schriften von Marx, der Stamm besteht aus der Kapitalismustheorie der drei dicken Bände des „Kapital“. Von diesem Stamm gehen einige Zweige ab, der deutsche und der westliche Marxismus, der Dritte-Welt-Marxismus und der abgestorbene Ast des russisch-sowjetischen Marxismus. Die Krone des Baums und damit die höchste Vollendung des Ganzen bildet – ganz unbescheiden – Burawoys eigenes Konzept eines soziologischen Marxismus.

Um den globalen Problemen der Gegenwart, allen voran der Klimakatastrophe, begegnen zu können, brauchen wir Burawoy zufolge einen globalen Marxismus. Ein solcher globaler Marxismus erfordert aber, das ist seine These, eine neue, von Marx selbst vernachlässigte Perspektive auf den Kapitalismus: die des Marktes bzw. der Vermarktlichung. Dabei geht es um die Frage, welche Bereiche dem Markt unterworfen sind und was als Ware gehandelt wird. Kar Polanyi habe sich ausführlicher als Karl Marx damit beschäftigt, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass Märkte unser Leben bestimmen und welche Folgen es für eine Gesellschaft hat, wenn sie zur Marktgesellschaft wird. Außerdem glaubte Polanyi, dass eine solche Vermarktlichung die Existenzgrundlagen jeder Gesellschaft bedrohen und letztlich zerstören müsse. Das klingt pessimistischer als Polanyi tatsächlich war, denn er glaubte zugleich, dass die Gesellschaft sich das nicht ohne weiteres gefallen lassen und Kräfte zu ihrem eigenen Schutz entwickeln würde. So habe die Ausdehnung der Marktsphäre im 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung hervorgebracht, der es gelang, der Vermarktlichung Einhalt zu gebieten. Die Geschichte dieser „Doppelbewegung“ erzählt Polanyi in seinem berühmten Buch The Great Transformation.

In mindestens zwei entscheidenden Punkten stimmt Burawoy aber nicht mit Polanyi überein: Zum einen glaubte Polanyi, es habe genau eine Periode der Vermarktlichung gegeben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Menschen so dumm sein könnten, diesen verhängnisvollen Fehler zu wiederholen. Da hatte er sich ganz schön getäuscht. Folgt man Burawoys Ansicht, stecken wir sogar schon mitten in der dritten Welle der Vermarktlichung!

Zum anderen – das ist der zweite Aspekt, in dem Burawoy Polanyi widerspricht – entsteht die Gegenbewegung bei Polanyi quasi automatisch als Reaktion auf die Vermarktlichung. Das klingt für Burawoy ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Sich darauf zu verlassen, dass sich zu gegebener Zeit schon Widerstand gegen die Vermarktlichung regen werde, sei „miserable Soziologie“. Um den Widerstand gegen die dritte Welle der Vermarktlichung, in der wir uns zurzeit (seit den frühen 1970er Jahren) befinden, zu organisieren, brauchen wir aus Burawoys Sicht auch einen Marxismus der dritten Welle, nämlich – nach dem klassischen Marxismus der ersten und dem sowjetischen, westlichen und Dritte-Welt-Marxismus der zweiten Welle – den schon erwähnten soziologischen Marxismus. Der soll Ideen und Visionen ausfindig machen, die uns als „konkrete Utopien“ vor Augen führen, dass der Kapitalismus nicht ohne Alternative ist und wir aus dem ermüdenden Ping-Pong-Spiel der Doppelbewegung ausbrechen können. Wenn Burawoy sein Vortragspublikum dazu bringen will, sich einem solchen soziologischen Marxismus zu verschreiben, setzt das natürlich voraus, dass diese Leute einer Marxschen Sicht auf die Welt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. Bei seiner „Luxemburg Lecture“ war er sich der Aufgeschlossenheit der Zuhörenden für sein Anliegen offenbar relativ sicher, und so endete der Vortrag auch schön pathetisch mit der Aufforderung, hinauszugehen – und die Welt zu verändern.1

1 Die Gedanken aus Burawoys Vortrag über „Marxismus nach Polanyi“ finden sich auch in einem gleichnamigen Artikel von ihm, der in einem von Michael Brie herausgegebenen Sammelband abgedruckt wurde und hier kostenlos heruntergeladen werden kann: http://www.rosalux.de/publication/41446/mit-realutopien-den-kapitalismus-transformieren.html

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