Die festung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWer ich bin, fragst du? Was ich so mache? Na, ich bin gerade aufgewacht und lieg neben dir im bett … Nein, ich mach mich nicht über dich lustig. Es gibt nur nichts zu mir zu sagen. Na ja, vielleicht noch, dass ich steinalt bin und mich permanent in kriegswirren befinde. Sonst gibts da gott sei dank nichts … Gläubig? Nein, bin ich nicht. Ich bin zwar getauft. Das ja. Aber den verein lehne ich ab. Deshalb seh ich auch viel jünger aus, als ich es eigentlich bin. Ich meine, ein gläubiges gesicht wirkt doch irgendwie so eingefalln, in sich gekehrt. Findest du nicht? … Aber im ernst. Als ich kind war, gehörte das einfach dazu. Das mit der bindung an die institution. Später wollte man dann etwas neues. Und so banden wir uns so ziemlich alle vor den karren des mannes, der uns richtung abgrund lenkte … Aber das gehört nicht hierher … Nein. Es ist nichts. Wirklich.

Bleib liegen. Schlaf wieder ein. Meine hände zittern nur dann, wenn ich schlecht geträumt hab. Das gibt sich gleich wieder … Ich hab einen namen gerufen? Nun, ich bin wohl noch immer damit beschäftigt, das aufzuarbeiten, was auf den feldern damals geschah. Auf denen des krieges, mein ich. Der war zwar nur einer unter so vielen, doch hinterließ er tiefe spuren in mir. Ja, er war furchtbar, die urkatastrophe, wie man so sagt. Ich mein das, was ich mitansehen musste, erlebt hab, lässt mich bis heute nicht los. Es hat mich verändert, ins abseits gezogen. Hierher, an den rand, in diese wohnung, die ich dann auch nur selten verlasse. Gut, ab und zu geh ich auch raus. Doch nur nach draußen in ein café, um zu lesen. Das wars dann aber auch schon … Wenn ich schlecht träume, red ich im schlaf … Schlaf du nur weiter. Es ist erst halb fünf. Zieh einfach die tür hinter dir zu, wenn du gehst. Ich melde mich. Sicher. Deine nummer habe ich ja …

Ich strecke mich und stehe auf. Dann geh ich ins badezimmer rüber und wasch mein gesicht. Ich fühle mich schmutzig. Ich bin ganz verklebt. Als hätte ich im schlamm gelegen. Ja, so fühlt sich es an. Manchmal, wenn ich wach werde, ist das bettzeug durchgeschwitzt. Ich bekomme den schweiß, der wie dreck und blut an mir klebt, kaum von mir runter … Das wasser läuft. Ich halte zuerst nur mein gesicht unter den strahl. Dann meinen kopf. Das wasser kühlt. Der beißende geruch aber bleibt. Es ist, als käme ich von weit unten, aus einem abwasser, ich rieche verfault. Keine ahnung warum das manch einen anzieht.

Nach der morgentoilette geh ich durch den flur zum wohnzimmer rüber. Da steht das bücherregal. Ich lese in den letzten jahren viel, viel mehr als früher. Da hab ich eigentlich so gut wie überhaupt nicht gelesen … Ich geh ans regal und ziehe drei große bände heraus, leg sie zur seite, greife dann mit meiner linken hand in den entstanden freiraum hinein und ziehe etwas heraus. Es ist ein bündel. Das ist in ein tuch eingeschlagen. Das tuch ist blutrot … Im bündel befinden sich einige hefte. Meine alten tagebücher sinds, die aus dem krieg. Ich hab sie herausgenommen, weil ich darin lesen will. Später. Deshalb steck ich sie ein, pack sie in meine tasche, häng sie mir über und verlasse die wohnung …

Ich sitze in einem café. Ich hab mir einen tee bestellt und beginne, als die tasse vor mir steht, damit, in den heften zu lesen. Da steht, am anfang des ersten: Ich bin atheist. Einer, der nur das als wahr anerkennt, was auch zu beweisen ist … Wie man das macht, es beweisen? Über ein experiment selbstverständlich. Das ist das wahrheiterzeugende mittel der naturwissenschaften. Sicher, vor dem wissen steht immer der glaube. Ich meine, auch ein wissenschaftler muss fest daran glauben, dass seine testreihen ein ergebnis nach sich ziehen, das seine annahmen bestätigt. Man kann also sagen, ich glaube an die wissenschaft. Und ich glaube an die technik. Denn mit ihr bleibt das wissen erhalten. Mit ihrer hilfe kann man es speichern, verarbeiten, vermitteln usw. Die technik ist also wie ein gedächtnis … Ich weiß, dass ich mein wissen, dass ich das, was ich erlebt habe, durch sie nahezu unbegrenzt erhalten kann. Es findet sich alles. Entweder auf speichermedien oder im netz … Ich habe davon gehört, dass man mittlerweile sogar selbstschussanlagen, bzw. bauanleitungen dazu und welche für bomben, ganz einfach herunterladen kann. Damals jedoch, als ich diese aufzeichnungen machte und sie erst vor kurzem – wir schreiben das jahr 1999 – in hefte übertragen hab, benutzte ich papier und einen stift …

Ein paar seiten weiter steht da: Ich flechte mich nicht in das gestrüpp, das aus undurchdringlichen meinungen besteht. Ich komme vielmehr daraus gesprungen – den nächsten graben in erwartung … Ich blättere um. Und da steht: Mein genickbruch ist mein beharrliches zweifeln am kopfe. Der tut ab und an weh. Das stört mich schon sehr. Doch es gibt nun mal so vieles, das stört. Deshalb benutzt man ja auch einen idealen raum. Um alles störende nämlich auszuschließen, um ein experiment durchführen zu können. Da schließt man störende einflüsse eben ganz einfach aus. Erst dann kann seine durchführung gelingen …

Dies sei also ein experiment, steht auf der folgenden seite. Ein dokument über seine durchführung. Es sei auf den nächsten seiten nachzulesen. Es beschreibt einen gang. Und sein ergebinis wird ein ende sein. Doch das resultiert aus und steht vor einem anfang … Da ist eine tür. Ich trete hindurch. Die tür schlägt hinter mir zu. Ich befinde mich auf einem von mauern umstellten, begrenzten feld. Menschen sind da. Eine ganze armee. Die besteht aus befehlenden und befehligten, tonangebenden und stummen zeugen dessen, was geschieht, weil sies, zumindest letztere, müssen. Auf beiden seiten stehen oder liegen sie. Die vielen. Die armen teufel. Sie haben sich schon in weiser voraussicht ein loch ausgehoben … Die landschaft ist von gräben zerfurcht. Darin belauern sie sich. Dann stürmen sie los. Doch nur, um sich kurz drauf wieder in ihre gräben, gräber zu stürzen … Bis in marmorsärge ihr uns legen werdet, sagte mal einer, der nicht wusste, wovon er sprach. Doch das war wohl erst … später: Arme und beine, gesichter, ausdrücke und eindrücke, krater, versprengt und verschüttet, der tod – der einzige weg hier heraus. Ob ich jemals wieder ohne schlecht zu träumen schlafen kann?

Im nächsten heft – ich hab bereits den zweiten tee vor mir stehen – ist zu lesen: 20. mai. Ungeschützter blickkontakt am morgen. Anfang mit sonnenaufgang. 2000 mann – mir im rücken. Ideales wetter. Otto ist tot, der läuft nun nicht mehr. Der liegt am boden in seinem eigenen blut. Erst vor einer minute sah ich ihn noch. Als er anlauf nahm. An einem krater – fiel einfach um … Wir griffen grad die festung an, die unbedingt eingenommen werden musste. Sie war strategisch sehr wichtig. Jedenfalls sagte uns der hauptmann, der die kompanie anführte, als wir alle noch beisammen warn, so was in der art. Das war vor stunden, die mir jetzt im moment schon wie tage oder wochen vorkommen … Wir steckten fest und waren versprengt. Der angriff war ins stocken geraten. Und in otto steckten mindestens sieben geschosse. Die steckten wie steine in ihm. Ich konnte ihre eintrittstellen sehen. Kleine tiefrote punkte. Er war schwer verletzt. Ich selbst konnte die schwere der geschosse irgendwie spüren. So war es auch sicher kein wunder, dass sie otto nach hinten zogen. Er fiel. Am boden angekommen, blieb otto liegen … Erst sah ich ihn, wie er so dalag, starr vor schreck, nur einfach an. Dann aber musste ich weiter. Der angriff lief … Von allen seiten kamen sie dann – die versprengten. Fast der gesamte zug. Ich selbst, im gegensatz zu allen anderen, die mit offener brust in ihr verderben rannten, hielt mich geduckt, nahm und benutzte dann allerdings auch mein gewehr. Ich nahm es hoch und benutzte es wie ein instrument – mit dem ich dann begann, geigen aus den wolken zu kratzen. Arschgeigen, um genau zu sein. Damit meine ich die anderen. Die werden bald am ende sein mit ihrem latein. Dann wird klartext gesprochen. So wie ich es hier tu … Nein, das warn keine menschen. Es waren vielleicht wesen, doch waren es welche, die auf der stufenleiter der evolution irgendwo hängengeblieben, also nichts wert warn … Ja, auf schlachtfeldern verliern sich die zweifel. Da steht der feind. Mach ihn nieder. Schieß ihn ab. Jeder schuss ein … jeder stoß ein … Und so schoss ich um mich herum, traf jedoch nur lauter nette leute. Die dann verstummten, den boden befielen wie schnee … Wie leicht wiegt ein leben? …

Ich knickte dann irgendwie ein. Mein fuß rutschte weg. Und so fiel auch ich in einen der unzähligen krater – die von den bomben, die das feld vor einer stunde erst komplett umgepflügt hatten. Es krachte ununterbrochen, überall um mich herum. Leichen fielen von den kraterseiten auf mich. Sie füllten den trichter. Und ich fragte mich, welcher dieser gesichtsausdrücke wohl am besten zu mir passt, wenn ich, so wie sie, demnächst die augen schließen werde. Doch soweit wird es nicht kommen … Ich kroch mit letzter kraft hoch bis an den kraterrand, stellte mich mit ausgebreiteten armen auf und schrie: We(h)r-macht uns nur zu massenmördern? … Aber nein, das war ja wieder der andere krieg. Das muss ich beim übertragen der zettel in die hefte irgendwie verwechselt haben. Das hab ich damals noch nicht gesagt. Oder doch? Vielleicht im darauf folgenden? Nein, jetzt fällts mir ein. Das war viel später, erst vor zwei jahren, 1997 in München … Seltsam, wie sich die vergangenheit mit der zukunft vermischt. Und dann auch noch vertauscht. Kann das passieren? … Eine kugel traf mich. Ich verlor das bewusstsein. Doch ich hab überlebt. Woher ich das weiß? Nun, ich führe meine aufzeichnungen immer noch weiter … Dass, was du in der zukunft lesen wirst, fremde person, die ich nicht mehr bin, hab ich selbst in einer solchen geschrieben. Ich meine später. Nicht aktuell, parallel zum geschehen. Sondern danach. Deshalb kam mir beim schreiben auch das erinnern ins schleudern. Ich mein, durcheinander. Also, die jahreszahlen, die meine ich. Aber, wer vertut sich schon um ganze achtzig jahre? Schreib ich diese zeilen im aufzug der umnachtung, im halbdunkel des nahenden, drohenden todes? Bin ich von ihm benommen? Läuft er mir seit damals hinterher? Warum aber sollte er? Hat er mich eingeholt und hält mich gefangen? Spielt er mit mir? Vielleicht wartet er nur auf den richtigen zeitpunkt? Der tod ist ja bekanntlich geduldig. Er hat alle zeit. Die der welt und die, die sich hinter oder vor ihr befindet. Nein, es ist wahrscheinlich nur das morphium, das man mir verabreicht hat – gegen die schmerzen … Es kam ein arzt an mein bett. Der sagte: Keine sorge. Das wird schon. Dann ging er weiter … Mit mir lagen noch andere in den betten des spitals. Er ging sie alle ab. Es war wohl visite … Dann kam ein anderer mann. Der flüsterte: Amputation. Ich konnte ihn hören. Sie standen beide nur ein bett weiter, also in meiner und in der nähe vieler stöhnender, sich vor schmerzen in ihren betten krümmender männer, die nicht nur glieder sondern sich selbst irgendwo da auf den feldern verloren haben mussten … Kurz darauf verschwanden die ärzte durch die tür nach draußen in einen anderen raum …

Ich blätterte vor bis etwa zur hälfte des heftes: Die ganze zeit über war da nur ein gesicht. Es war das von otto. Ein sanitäter kroch auf ihn zu und zog ihn weg. Doch er war längst nicht mehr am leben … Ich sah ihn, als wir erneut gegen die feindlichen gräben anliefen und scheiterten, klar. Immer wieder. Ich hörte ihn rufen. Auch wenn er längst fort war. Ich hörte ihn schreien. Vorwärts!, rief er. Das gesicht dabei verzogen. Und zwar derart, dass sich die gesamte form seines kopfes verbog. Er war nicht mehr der, den ich kannte … Endlich kommt sie!, schrie er kurz darauf lauthals. Nun ist es soweit. Die angriffswelle beginnt. Los jetz!, kam es aus einem anderen mund. Der kopf, selbst die haare dieses soldaten, wurden erst grau und schließlich ganz weiß. Dann brach auch dieser zusammen. Ja. Vorwärts!, schrie nun auch ich. Auf dass alle, die uns bedrohen, von diesem boden weggewischt werden und wir daraufhin teilhaben können an einer geburt, der geburt dessen, das alles ungesunde hinter sich lässt, vom körper abstreift, wegwirft, in den sand schleudert, auf dass es dort in der sonne verbrennt … Als ich dann loslief, flogen fetzen durch die luft, mir um die vom lärm betäubten ohren …

Das vorletzte heft begann dann sehr seltsam. Da stand: In einer art anfall, im wahn, entledigte ich mich all meiner macht, d.h. meiner waffe, meines … und zwar mit meinen fingernägeln, die ich zweckentfremdete und als schneidwerkzeug benutzte, mich loswund vom kreuz, das ich mit mir trug, so lange zeit schon. Jeder teil von mir wird rein sein, wenn er nicht mehr teil hat an mir, schrie ich! Und ich schrie weiter: Für gott und vaterland! Treu bis in den tod! Dann verließ ich das schlachtfeld. Das heißt, ich fiel zum zweiten mal in einen krater. Es wurde dunkel. Eine tiefschwarze nacht zog herauf … Ich schlief, nein, ich wachte. Neben mir lagen verletzte und tote. Mindestens die hälfte davon blutete aus allen poren, wie man so sagt. Das blut sammelte sich, lief auf den grund des kraters, in seine mitte. Die lag am tiefsten. Und sie füllte sich nun. Auch ich verlor blut. Und weil der krater schon halb vollgelaufen war, ertrank ich fast darin. Das blut stand mir bis zum hals. Dann überspülte es mich. Doch riss ich meine augen auf. Und – ich sah rot. Wie wild bewegte ich meine arme. Doch alles, was ich fassen konnte, waren die unter mir liegenden leblosen körper … Ich stützte mich zunächst auf sie, trat dann, als ich los war, mit meinen beinen fest in den grund. So kam ich hoch, weiter nach oben. Am kraterrand angekommen breitete ich die arme aus und schrie: Ich bin neugeboren, unverwundbar, kein mensch mehr. Mein geschlecht ist nicht mehr das alte. Ausgelöscht ists. Es kann nicht mehr zurückverfolgt werden. Dafür ist es zu jung. Es ist nunmehr keines, keins, das man in einem kirchenregister oder in den unterlagen von standesämtern finden kann. Es gehört auch dieser erde nicht an. Denn es ist nicht natürlich …

Als ich erwachte, lag ein laken über mir – allerdings nur bis zum hals. Ich konnte frei atmen, stand am anfang des letzten heftes. Und weiter hinten: Nach meiner entlassung, trieb ich mich herum. In bestimmten bezirken, in zwielichtigen parks, da, wo sich merkwürdige gestalten aufhielten. Die sprach ich an. So wie sie mich angesprochen haben. Ähnliches erkennt sich leicht. Es wirkt eine gewisse anziehungskraft. Ich mein, ein hund erkennt einen hund, ein baby ein baby, ein gänzlich verändertes, unter- oder auch überirdisches wesen einen … da können mir noch so viele passanten zusehn, wie ich erst blickkontakt aufnehme und dann mit einem eben solchen, mit einem, der mir gefällt, der so unnatürlich ist wie ich, rede und schließlich mit ihm zu mir geh. Das macht mir  nichts aus. Da steh ich  drüber …

Es ging in meinem zimmer wie auf einem schlachtfeld zu. Die gesichter verzerrten, wenns soweit war. Danach trennten wir uns. Manche aber schliefen neben mir ein. Doch am nächsten tag verließen sie mich. Nicht dass ich deshalb traurig war. Nein, ich selbst wollte es so. Ich wies sie an. Denn sie waren oft viel zu jung. Eine engere beziehung kam schon aus diesem grund nicht infrage. Es ging mir nur darum, jemanden neben mir zu haben, und zwar für den fall, dass ich wieder schlecht träume. Ich träume lange schon schlecht. Doch junge leute sind leicht auch für seltsamkeiten zu begeistern … Natürlich lief dementsprechendes ab. Na klar. Auch das künstliche erzeugt ein begehren. Und wenn man begehrt. Nun, ich benutzte hilfsmittel. Was sonst, so ganz ohne … sollte ich machen? Die aber kannten sie nicht. Die meisten jedenfalls kannten sie nicht. Sie waren eben noch unerfahren und jung. Aber auch sehr unkompliziert. Wenn ich ihnen sagte, dass sie, wenn sie wach werden, gehen solln, gingen sie einfach … Sicher dachten manche von mir, ich bräuchte das besondere. Doch es war mit aller gewalt nur das gemeine … Ich glaube, einige von ihnen hatten schon auch etwas angst …

Fast am ende des letzten heftes stand dann: Einiges von dem, was ich damals als stoßtruppführer erlebte, ähnelt heutigen begebenheiten, also denen, kurz vor der zeitenwende, dem millennium … Ich trug lange keine waffen mehr, das nicht, aber es war immer krieg. Als otto gestorben und der krieg damals aus war, schwor ich bei gott, niemals wieder jemanden als meinen feind anzusehn. Ich liebte auch als unmensch nun meine nächsten. Doch bald war es damit wieder vorbei. Mit der liebe, mein ich. Die ist ja bekanntlich ein schlachtfeld wie jedes andere auch. Und auf schlachtfeldern bin ich zuhause. Die gibts überall. Ja, der krieg ist, was bleibt. Er bleibt bestehen. Er führt mich immer wieder zu einem anderen hin. Das schlachtfeld heut heißt europa …

Ich lasse niemanden rein. Ich beschütze aktuell ihre grenzen, und zwar vor anschlägen, vor übergriffen, vor versuchen, sie zu überwältigen, zu überwinden, um dann so zu tun, diese fremden mein ich, als gehörten sie zu uns – dabei kann man es doch sofort an äußerlichen merkmalen erkennen, dass sie nicht dazugehören, dass die nicht dazugehören können … Eine waffe hab ich auch wieder bekommen. Man legte sie mir in die hände. Und zwar zur freien verfügung. Ich kann sie ablegen, wann immer ich will. Das ist ein vorteil. Denn die menschen vergessen so oft, dass die technik als medium des willens zur macht, nicht unbedingt dazu auffordert, immer mächtiger zu werden. Man kann jederzeit sagen, das reicht, es genügt. Irgendwann ist auch mal schluss. Das heißt, manchmal ist es einfach besser nicht anzuführen. Um des eigenen lebens und das der anderen willen ists manchmal besser, den krieg auszusetzen und einen waffenstillstand zu vereinbarn. Das heißt aber nicht, dass … Nun, wenns darauf ankommt …

Aktuell bin ich im dienst … Es ist nicht der für das reich. Es ist auch kein mensch, der überhöht, abgöttisch geliebt und angebetet wird, weil er mit fester hand führt, dem ich diene. Nein. Sie ist es. Ich bin ihr kind – ein teufel, der zum tier wird, wenn jemand hand an sie legt. Einer, der eine kultur erblühen lassen aber auch vernichten kann … Ich bin ihr beschützer, sorge für ordnung und für sicherheit. Wenn irgendwer stört, töte ich ihn. Doch das brauch ich meist nicht. Das erledigt sich oft von alleine. Die meisten, die kommen, ertrinken vorher. Denn zwischen ihr und diesen fremden liegt ja das meer … Wellen überspülen den sicheren strand. Und genau wie damals, d.h. am ende des zweiten großen krieges, an dem ich teilnahm, liegen, meist an den ufern, leichen herum.

Oh führer – fü(h)r mich gott – ich kenne dein geschlecht, denke ich, steh auf, geh zum tresen, bezahle und laufe zurück in meine wohnung … Die ist verlassen. Du bist gegangen und hast die tür hinter dir zugezogen. Aber vielleicht warst du nie da, vielleicht bring ich das was durcheinander. Möglicherweise läuft mir die zeit nur noch nach und ich verwechsel die vielen … Vielleicht, schreibe ich hinten in das letzte heft. Dann lege ich den stift auf den tisch, wickel die hefte wieder ins tuch und schiebe sie hinter die bücher ins bücherregal … Wir schreiben das jahr 2007. Ich bin einhundert und vierzehn jahre alt. Ich habe den krieg überlebt. Das ist mein noch übriggebliebenes kreuz. Es wiegt ziemlich schwer. Doch ich trage, stemme es, halts für euch hoch …

Ich selbst bin die festung – die, die meine kameraden und ich damals versuchten zu stürmen und die nun von flüchtlingen eingenommen zu werden droht. Ich bin hier auf dem weg zu mir. Das schreib ich schnell noch auf einen zettel. Den leg ich, weil die hefte verstaut sind, auf den tisch. Dann geh ich ins schlafzimmer und mach mich für die nahende nacht zurecht. Ich bin gerüstet, mag kommen, was will. Ich hab schon an allen fronten gestanden …

André  Korsch

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