Nimm Dein Herz an die Hand (und nicht umgekehrt)

listen_to_your_heart___heart_22_by_dorottyas-d5cqthrPrinzessin Diana sagte angeblich einmal “Only do what your heart tells you“. Mit diesem Ratschlag ist sie nicht die Einzige. In unzähligen Hollywoodfilmen gibt es diesen Moment, wo eine furchtbar weise Person der leidenden Hauptperson sagt, sie solle auf ihr Herz hören. Und zwar auf das „eigentliche Herz“, nicht auf den ganzen Firlefanz wie Karrieredenken oder gesellschaftliche Normen. Meistens blickt die Hauptperson dann für eine Sekunde irritiert ins Leere. Im nächsten Moment aber erleuchtet eine Veränderung ihr Gesicht: Aller Zweifel fällt von ihr ab wie eine Wand alter Ziegel. Dann liegt alles offen auf der Hand. Diese Hauptperson geht dann los und küsst endlich den Mann von dem wir, die wir zuschauen, doch schon lange wussten, dass er der Richtige ist. Oder so ähnlich. Man könnte ohne sich sehr zu verrenken die These verfechten, dass „Listen to your Heart“, die zentrale Botschaft der meisten, heutigen Kunstschaffenden ist. „Das Herz“, das weise ist, ist Gott und Bibel einer Religion, der viele folgen oder das gerne wollen.

Auf das Herz zu hören, kann tatsächlich sehr Sinn machen: Wer beispielsweise schon ein kastenförmig verformtes Gesicht hat, weil er sich tagtäglich zur Arbeit prügeln muss, der sollte wenn es denn möglich ist, auf das Herz hören und sich etwas anderes suchen. Allerdings weiß „Das Herz“ selten viel über die Märkte und ihre tyrannischen Eigenwilligkeiten. Die Verfechter der Herzensreligion meinen auf diesen Einwand hin, dass sich schon alles richte, wenn man nur der eigenen Intuition folge. Ich behaupte, dass das oft nicht stimmt. Die Welt ist voller gebrochener Herzen. Wie oft haben Menschen „ganz tief drinnen“ gefühlt, dass jemand Bestimmtes die oder der „Richtige“ ist, und irgendwann verwandelte sich diese Person doch in ein kleinliches Ekel oder in jemanden, der den Sinn von Klobürsten nicht versteht? Woher sollte es denn kommen, dass sich plötzlich alles zum Guten wendet, indem wir „dem Herzen folgen“? Da müssten ja Heere von Engeln und Feen an Millionen güldener Strippen ziehen, damit sich die ganze Welt, die sich ja dann um einen drehen müsste, sich auch wirklich um einen dreht, und zwar zu den eigenen Gunsten. Diese freundlichen Heere würden dafür dafür sorgen, dass wir genau im richtigen Moment, an der richtigen Straße der richtigen Stadt unsere Tasche fallen lassen, damit unser Seelengeschwist uns „erkennen“ kann, wie wir es uns gerne vorstellen, wenn wir sehr verliebt sind. Die eigenen Bedürfnisse zu spüren und Ernst zu nehmen, das ist ein zentraler Bestandteil auf dem Weg zu einem guten Leben, aber nicht, weil höhere Mächte es so wollen, sondern weil unerfüllte Bedürfnisse uns quälen, und ein gequältes Leben ist eben kein gutes Leben. Insofern ist es ein Zirkelschluss, dem Herzen Weisheit zuzusprechen, mit der Begründung, dass es ja wusste, was wir brauchen. Das Herz war ja zuallererst die Quelle dieses Leidens. Dass es uns nun zu Frieden lässt, hat nichts mit Weisheit sondern mit erfülltem Bedürfnis zu tun.

Und doch stimmt es: Wer die eigene Arbeit liebt, arbeitet besser, als wer sie hasst. Wer einen Menschen mag, der behandelt ihn besser, als wenn er ihn nicht mag. Insofern ist es in vielen Fällen gut, auf das zu hören, was das Herz sagt. Aber wir überfordern uns völlig, wenn wir uns an den großen Zaubergeschichten orientieren, von Leuten, die ihre Arbeit lieben und dabei noch erfolgreich sind. Solche Geschichten sind Ausnahmen. Genau wie die ewig glücklichen Paare Ausnahmen sind, wenn es sie überhaupt gibt. Die Überschätzung der Weisheit des Herzens führt zu großen Leiden. Die Psychiatrien sind voll von Menschen, die ihre Herzensqual an die Wände brüllen (solange sie noch nicht plattsediert sind). Darum meinen Buddhisten auch, dass „Das Herz“ der Emotionen und Wünsche uns auf die Straße des Leidens führt. Die Lösung sei dagegen, auf das Herz hinter dem Herz zu hören, das „eigentliche Herz“. Aber wer will schon auf der Suche nach diesem Herzen hunderte und tausende Inkarnationen zubringen?

Hannah Arendt, die ich für weiser halte als fünfzehn Mönche und Yoginis zusammen, sagte, dass das Herz dunkel sei. „So dunkel, dass mit Gewissheit noch kein Menschenauge es hat durchschauen können“. Was das Herz hervorbringt seien Kräfte und keine Gestalten, und diese hätten die Neigung miteinander in Streit zu geraten. Wenn sie recht hat, könnten wir bis zum Tode graben, und wir fänden doch kein „eigentliches“ Herz. Es tauchen vielmehr immer neue Höhlen und Gänge auf, die wir auch selbst erzeugen.

Für weise halte ich es vielmehr, auf unser Herz zu hören, so wie wir auf das eigene Kind hören sollten: Nicht als weiser Ratgeber für alle Lebenslagen, sondern als das was es ist: Ein Kind, das hochgradig bedürftig ist und sehr viel Liebe braucht. Nichts kann wirklich gut sein, wenn es ihm nicht gut geht. Aber sehr oft schätzen Kinder und Herzen die Welt und seine Zusammenhänge falsch ein. Darum lassen wir Kinder letztendlich nicht über unsere Leben entscheiden. Das würde auf die „Straße des Leidens“ führen. Vielmehr müssen wir auf ihre Wünsche und Bedürfnisse hören, und mit Kopf und Willen nach Wegen suchen, ein gutes Zuhause für sie zu schaffen.

Manche mögen in meinen Ausführungen keinen Erkenntnisgewinn finden. Das ist dann erfreulich. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass etwas “eigentlich” zu wissen, verschieden ist zu einer Erkenntnis, die in den Körper hineinsinkt, quasi realisiert wird. Diese Erkenntnis ist auch keine bittere Botschaft. Ich schwöre. Es ist letztendlich kein Opfer, sondern eine große Erleichterung, die magische Vorstellung des allwissenden Herzens aufzugeben. Denn diese braucht Schicksal und Feenheere, um zu funktionieren, und da es sie nicht wirklich gibt, tut sie letztendlich nicht was sie soll. Luftschlösser neigen zum Auflösen. Was aber noch entscheidender ist: Innerhalb dieses magischen Weltbildes stehen wir nur auf den ersten Blick im Zentrum der Welt. Bei genauerem Hinsehen verschwinden wir aber im Schicksalgetriebe. Schicksal lässt keine Freiheit. Wir werden zu Objekten in der Geschichte eines riesenhaften, rauschebärtigen Geschichtenschreibers. Ein tieferer Zauber liegt darin, anzuerkennen, dass wir in einer Welt leben, die unfassbar ungerecht und gefährlich sein kann. Erst dann spüren (realisieren) wir die Macht der Solidarität und des Mitgefühls. Wir können dann die Subjekte unserer Geschichte werden. Das heißt, richtige Entscheidungen treffen, und Dinge tun, die eine Wirkung haben, und richtig oder falsch sein können. Und jemanden lieben, einfach nur weil er toll ist, und nicht weil irgendwelche höheren Autoren das in uns hineinschreiben.

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