Gott und ich und der Herr der Fliegen

11086692_10152985187598500_1455908593_nDie Fliegen an der Decke könnten Geschichten erzählen, die man kaum für möglich hält. Nicht alle von ihnen, denn die Hälfte von ihnen hängt knusprig trocken in staubigen Spinnennetz. Trockene Hülsen.

Wenn man sich in diesem Laden zu schnell bewegt kitzelt der Staub in der Nase.

Ich bestelle noch ein Bier. Überlege ob ich eins aus der Flasche nehmen soll, entscheide mich aber dagegen. So oder so wird mir morgen der Schädel platzen. Interessiert nicht.

Ich bin das erste Mal hier. Ich hätte auch nach Hause gehen können. Die restliche Nacht meine Lieblingsplatten hören und mich mit dem Weinvorrat aus der Küche betrinken.

Durst, Langeweile und Regen haben mich hier rein getrieben. Die ganze Kneipe riecht nach altem, nassen Hund.

Nach Sommerregen, nach Muff und nach alten Geschichten, die mir die Fliegen erzählen könnten, würde ich ihre Sprache sprechen und wären sie mehr als trockene Hülsen.

Verstreut sitzen die Trinker alleine an ihren Tischen und an der Bar.

Niemand ist gemeinsam hier. Starren grau mit verlassenen Gesichtern nirgendwo hin.

Ich sehe aus dem dreckigen Fenster nach draußen. Der Regen wird stärker

Das lauter werdende prasseln der Regentropfen gegen die dünnen Fensterscheiben ist das einzige Geräusch. Ich frage die Wirtin nach Musik. „Wenn du Musik hören willst, da steht die Jukebox!“

Charmant, wie ich es nicht anders erwartet hätte.

Die Jukebox ist ein fettschmieriger Automat aus den 80ern. Mit neongelber Umrandung und rot hinterleuchteten Pfeiltasten.

Ich drücke Rex Gildo weg. Ich drücke T-Rex weg, obwohl ich ein bisschen Bock drauf habe. Bei CD 84 halte ich inne. Hüsker Dü. New Day Rising.

Ey! Ist das euer Ernst?! Ist da wirklich Hüsker Dü in dem Automaten?“, richte ich mich Richtung Tresen. Von der Wirtin kommt keine Reaktion. Dafür ruft mir ein alter Mann mit Cowboyhut ohne sich umzudrehen zu: „Was glaubst du weswegen ich hier bin? Natürlich ist da Hüsker Dü drin!“

Ich werfe 3,50 Euro ein und bekomme dafür 16 Titel. Einmal die komplette New Day Rising und einmal „Children Of The Revolution“ von T-Rex. Ich setze mich wieder an den Tresen.

Willst du wirklich wissen, was diese Fliegenhülsen da oben im Netz erzählen könnten?“, fragt mich der alte Mann mit dem Cowboyhut.

Ich drehe mich zu ihm um. Nur ein Barhocker trennt uns. Er hat mich nicht einmal angesehen. Sein Gesicht ist umgeben von einem langen weißgrauen Bart und auf seiner Nase trägt er eine Nickelbrille. Eine von diesen, deren Gläser sich dunkel färben, wenn die Sonne zu stark scheint. Er trägt Jeans, Flip-Flops und eine Lederweste, die einen freien Blick auf seine tattoowierten Oberarme zulässt. Alte Seefahrer-Tattoos und Wolfs-Köpfe, mit blauer Nadel gestochen.

Nimm es mir nicht übel, aber deine Fliegen sind mir ehrlich gesagt scheißegal!“

Ich versuche meinen Blick wieder auf meinen Bierkrug zu richten.

Hast du dich nicht grade gefragt, was sie dir für Geschichten erzählen könnten?“

Zur gleichen Zeit fängt die Jukebox an zu spielen. Der alte Mann springt von seinem Hocker auf und schreit mir ins Gesicht:

New Day Rising, New Day Rising, Neeeeeew Day Rising!“

Wie ein Irrer hüpft er auf der Stelle, spreizt Kleinen- und Zeigefinger ab und fängt zu Headbangen an. Dabei fällt ihm der Cowboyhut vom Kopf und der Blick auf sein schütteres Haar wird frei, während er den langen Haarkranz im Takt durch die Luft schwingt

New Day Rising!“

Hilfesuchend sehe ich aus dem Fenster. Der Regen hat nicht aufgehört. Ganz im Gegenteil.

Zu „Girl who lives on Heaven Hill“ setzt er sich wieder an den Tresen und rückt ein kleines Stück näher an mich heran.

Das war noch Musik was?!“

Ich versuche möglichst nicht irritiert zu wirken „Ja, ja sicher… ich hab das ja auch gewählt!“

Ich bin in letzter Zeit sehr oft hier, denke nach und höre das Album. Ich glaube, da wurde einfach alles richtig gemacht!“

Ja, ich mag das auch sehr!“, antworte ich wünschte hier nicht hergekommen zu sein.

Ich setze mich zwei Barhocker weiter nach rechts und beschließe nach diesem Bier zu gehen. Scheiß auf den Regen!

Jetzt hör aber mal auf! Ich dachte ich tue dir einen Gefallen, wenn ich dir sage was die Fliegen erzählen könnten. Oh, oooh! Hör mal!“

Mit diesen Worten setzt die Jukebox wie auch der alte Mann erneut an. “I Apologize… Said I’m sorry, now it’s your turn can you look me in the eyes and apologiiiiize!”

Skeptisch beobachte ich, wie er diesmal das Bier in der Linken hochhält und mit dem rechten Zeigefinger den Takt angibt.

Er dreht sich um, sieht mich musternd an und schreit Richtung Tresen:

Mach noch mal bitte zwei Schnaps! Für mich und meinen Kumpel!“

Dann dreht er sich zu mir um: „Ich weiß doch, dass du nichts dagegen hast eingeladen zu werden!“

Natürlich habe nichts dagegen. Was sollte ich auch schon dagegen haben?

Dachte ich mir doch!“, lacht mich der alte Mann an.

Was soll es denn sein?“, kommt die Frage vom anderen Ende des Tresens.

Mir ist es egal was ich trinke. Schmeckt eh alles so wie ich es will. Aber meinem Freund hier mach mal nen doppelten Kräuterschnaps mit nem Schuss Pastis!“

Er dreht sich zu mir um und zwinkert mir zu: „Das trinkst du doch gerne, oder?“

Sicher… Wer trinkt das nicht gerne?!“

Die Wirtin stellt zwei Schnäpse auf den Tresen. Der alte Mann kippt den Inhalt seines Glases runter, schmeißt selbiges an die Wand und haut dreimal mit der Flachen Hand auf den Tresen:

Das zieht dir die Socken aus Freundchen! Ouzo!“

Er dreht sich zu mir um, streckt mir die Hand entgegen und sagt: „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Gott!“

Angenehm“, sage ich und stelle fest, dass Gott einen sehr laschen Händedruck hat.

Ich hatte mir Gott ganz anders vorgestellt!“ entgegne ich dem alten Mann.

Dafür, dass du nicht an mich glaubst hast du aber ein sehr genaues Bild von mir.“

Wenn du Gott bist, dann mach doch mal was Geiles. Hier, mach mal Wein aus meinem Bier!“ schlage ich vor.

Ach, der alte Weintrick. Hokuspokus für die Dummen! Ihr Menschen… ihr seid mir die Richtigen. Da trefft ihr einmal auf euren Schöpfer, und um das Erste was ihr mich bittet sind Taschenspielertricks. Es ist mir unbegreiflich, wie ihr es ohne meine Hilfe aus der Ur-Suppe geschafft habt!“

Ja, da habe ich auch schon drüber nachgedacht.“ muss ich Gott beipflichten.

Glaub mal nicht, dass das geplant war!“ fährt der alte Mann fort, „Ich hatte da als Krönung der Schöpfung sicher nicht an euch gedacht. Aber wie das oft so ist. Es läuft nicht immer alles nach Wunsch.“

Ich klopfe Gott tröstend auf die Schulter und bestelle noch zwei Schnaps

Einmal Kräuterschnaps mit nem Schuss Pastis und einmal den billigsten Fusel den ihr auf Lager habt. Ihm schmeckt eh alles so wie er will!“

Wir kippen die Schnäpse runter. Gott schmeißt sein Glas an die Wand und haut dreimal mit der Flachen Hand auf den Tisch.

Das zieht dir die Socken aus, Freundchen! Absinth!“

Ich tue es ihm diesmal gleich und werfe auch mein Glas an die Wand.

Das war ohnehin alles nicht so super durchdacht“, fährt Gott nachdenklich fort, „Wenn ich mir das alles so im Nachhinein ansehe… Es ist schon eine Menge in die Hose gegangen. Das Mittelalter, Religionen, Schriften, Sprachen, das Computerzeitalter, unnütze Produkte, hundert verschiedene Handcremes, aber nur drei Farben für Autos in Klar-Metallic, in nur einer Sprache über hundert Worte für Schnee, in jeder Sprache nur ein Wort für Liebe… und ach… das mit diesem Verlieben… da hab ich auch so’n Bock geschossen! Dinge wie Hagel sind an Tagen wie diesen entstanden und so kleine Ausrutscher wie Acid-Jazz kann ich mir bis heute nicht erklären. Und dann diese Massen an Menschen! Wer soll da noch den Überblick behalten?! Und dann immer dieses Beten! Beten, beten, jeden Tag beten. So etwas konnte auch nur euch Menschen einfallen! Hast du schon mal ein Krokodil beten gesehen? Oder einen Pinguin? Ich jedenfalls nicht!“

Gott schüttelt den Kopf und bestellt noch mal zwei Schnäpse.

Er zeigt mit dem Daumen hinter sich auf die Jukebox: „Hör mal! „Perfect Example“, ein guter Song. Mit den Jungs hab ich alles richtig gemacht!“

Er trinkt diesmal beide Schnäpse selber aus. Schmeißt die Gläser an die Wand und schlägt in der bereits bekannten Manier drei Mal auf den Tisch „Rum und Jägermeister! Das zieht dir die Socken aus, Freundchen!“

Der Regen draußen wird lauter. Gott sieht mich prüfend an, bestellt noch mal zwei Schnäpse, trinkt den einen selber und stellt mir den anderen vor die Nase.

Siehst du, dass meine ich! Man denkt immer zuerst an sich. Wie soll hier so auch irgendwas funktionieren? War doch klar, dass das schief geht!“

Darauf habe ich nichts zu erwidern. Wer würde schon Gott widersprechen wenn er betrunken ist. Zumal wenn er Recht hat.

Es ist aber nicht alles schlecht. Du hast auch ein paar wirkliche Hits gezaubert!“ versuche ich Gott gut zuzureden

Gott hat bereits einen weiteren Schnaps drin, ohne dass ich gemerkt habe wie er diesen bestellt hat.

Ach, jetzt komm mir nicht mit Sonnenblumen, den Alpen oder Hawaii! Das sind alles Klassiker. Das weiß ich. Das Grundgerüst ist ja auch nicht schlecht geworden. Aber irgendwann habe ich es halt schleifen lassen und dann den Überblick verloren. Du kennst das ja.“

Klar kenne ich so was!“

Gott greift hinter den Tresen und holt eine Flasche Sambuca hervor.

Hat ja keinen Zweck so! Klotzen nicht Kleckern!“

Er öffnet die Flasche, nimmt einen kräftigen Zug und verzieht genüsslich das Gesicht.

Weißt du“, wendet er sich mir wieder zu, „es sind nicht nur diese großen Klöpse über die ich mich so ärgere. Es ist einfach alles nicht besonders gelungen. Mit vielen Dingen bin ich nicht mal fertig geworden. Habe es auf die lange Bank geschoben und mich im Universum herumgetrieben. Bananen zum Beispiel! Die sind immer noch gelb. Das war eigentlich nur als so eine Art Übergangslösung gedacht. Ursprünglich sollte jede Frucht eine andere Farbe bekommen. Einfach um sie besser auseinander halten zu können. Auch die Form… ich mag da gar nicht dran denken.“

Gott nimmt einen weiteren Schluck aus der Flasche.

Hast du mal dunkle Johannisbeeren gegessen? Weißt du wie die schmecken?“ schreit Gott in den Raum, „Da könnte ich kotzen!“

Gott bestellt noch mal zwei Bier.

Mir liegt ein „Hast du nicht schon genug?!“ auf der Zunge, verkneife es mir, doch Gott kann scheinbar Gedankenlesen. „Nein! Ich habe noch lange nicht genug!“

Ich trinke mein Bier in einem Zug auf und bestelle zwei Cuba Libre.

Toller Name für ein Getränk, findest du nicht auch?“ grinst mich Gott an.

Der Regen peitscht mittlerweile mit einer solchen Wucht an das Fenster, dass man Hüsker Dü kaum noch hört. Ich bemerke, wie sich eine kleine Pfütze ihren Weg unter der Eingangstür der Kneipe hindurch bahnt und sich im Inneren des Raumes ausbreitet.

Ich sage dir, ich hab die Schnauze so voll! Microsoft, die CDU, Walldorfkindergärten, vor dem Essen beten, nach dem Essen beten, Gebühren fürs Radio, die Deutsche Bahn, Plastik-Besteck, Müsli mit Rosinen und Markus Lanz! Ich kann es alles nicht mehr sehen!“

Er nimmt einen weiteren Schluck aus der Flasche während „I Don’t Know What You’re Talking About“ läuft.

Und nun?“ traue ich mich vorsichtig zu Fragen.

Nun?“, erwidert Gott, „Nun werde ich hier mit dir sitzen und trinken, bis die ganze Scheiße vorbei ist! Und diesmal gibt es keine Arche!“

Das Wasser ist bereits bis zum Tresen vorgedrungen und umspült die Füße meines Barhockers.

Ich sehe nach draußen durchs Fenster. Der Regen ist wieder stärker geworden. Vereinzelnd rennen Leute von Panik getrieben an der kleinen Kneipe vorbei.

Bestell dir noch etwas!“ rät mir Gott. „Wir haben noch drei Songs.“

Vier Songs! Ich habe 3,50 Euro in die Jukebox eingeworfen!“

Drei Songs erwidert Gott. T-Rex ist ja ganz nett. Aber sicher nicht das, was ich hören will wenn hier alles den Bach runtergeht!“

Ich greife hinter den Tresen, nehme mir eine Flasche Aquavit und trinke.

Zu den ersten Tönen von „Watcha Drinkin’“ kriecht mir das Wasser die Hosenbeine hoch.

Alles nicht so toll gelaufen“, murmelt Gott apathisch, während er an die Wand hinter dem Tresen starrt.

Die trockenen Fliegenhülsen könnten dir sicher alles erzählen, würdest Du ihre Sprache sprechen. Wieder so etwas, dass grundlegend falsch gelaufen ist.“

Die ersten Töne von „Plans I Make“ erklingen und das Wasser ist bereits auf der Höhe des Tresens.

Guter Song!“ nickt mir Gott zu, „Ich finde das ist ein schöner Abschluss für den ganzen Scheiß hier. Könnte mir jedenfalls keinen Besseren vorstellen.“

Er prostet mir noch einmal zu und ich trinke erstarrt den letzten Schluck Aquavit.

Mit dem letzten Schluck verblassen die Farben um mich herum. Ich sehe hoch zum Spinnennetz. Die trockenen Fliegenhülsen müssen mir nichts erzählen.

Ich sehe den alten Mann nur noch verschwommen vor mir, wie er lächelt und eine leere Flasche an die Wand wirft und mit der flachen Hand auf den Tisch haut.

Make Plans“ sind die letzten Worte die ich höre. Dann ist alles schwarz.

Don C.

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