Dinge

Messie_mess_1Zu viel! Ich schaue mich um und es ist einfach zu viel. Die eigene Bude vollgestopft mit Dingen. Eckige, runde, unförmige, graue, gelbe, braune, karierte, schwere, leichte, große und weniger große Dinge. Jedes Ding sieht anders aus, hat eine andere Funktion.
Alle unterscheiden sich, teilen sich jedoch ihre Überflüssigkeit.
Meine Runde Tetris steht kurz vorm Game Over und ich versuche ganz am Spielfeldboden die Last der Steine auf mentalen Schultern zu tragen.

Sehe ich mich um, fällt es schwer, überhaupt einen Gedanken zu fassen. Wie das zermürbende Summen eines unsichtbaren Insekts wird auch die Unordnung der Dinge unerträglicher, je mehr ich mir erlaube, sie wahrzunehmen.
Der Blick wandert über Strukturen, die einst genug bedeuteten, dass ich sie besitzen musste. Sicher, die Intensität der Begierde variierte. Aber irgendwo auf der Strecke machte jedes verfluchte Ding Sinn.

“So sinnvoll wie ein Arschloch am Hinterkopf.”, denke ich wütend auf mich selbst. Wütend auf Konsum. Wütend darauf, wie Leere manchmal mit Materialismus gestopft wird. Und wütend darauf, dass ich meinen faulen Arsch nicht bewegt kriege, den ganzen Schrott zu entsorgen. Aus dem Fenster schmeißen sollte man es! Einfach auf die Straße stellen! Barrikaden bauen! Anzünden!

Macht man aber nicht. Weil man verflucht gemäßigt ist. Das hat einem die Gesellschaft so beigebracht. Dermaßen indoktriniert, dass man plötzlich in unbestimmter Form über sich selbst schreibt. Distanzierungsmechanismus als Selbstschutz. Man! Mann, ey! Ich traue mich nicht mal, Batterien in den Müll zu werfen. Das schlechte Gewissen brächte mich – natürlich völlig zu Recht – um. Nur um den Schlaf, wenn man mal ehrlich ist. Wir wollen nicht übertreiben. Das sieht die Gesellschaft nicht gern. So wie ich den Großteil meiner Dinge nicht mehr sehen kann. Warum also aufheben? Zum Wegschmeißen zu schade. Zum Verschenken zu wertvoll. Zum Verkaufen zu faul. Das Problem liegt allein bei mir. Ich erlaube mir da keine Illusionen. Selbst Schuld, schludriger Schmock!

Was mich fesselt und die Vernunft knebelt sind ausgerechnet die anderen Dinge. Jene, von denen man die Schnauze noch nicht voll hat. Sie lullen mich ein. Glitzern. Blenden, so dass mir verborgen bleibt, wie leicht das Ausmisten wäre.

Bleibt nur das Jammern – mit Hilfe der Dinge, die so schön glitzern. Der Cursor blinkt und ich fühle mich wohlig eingemummelt. Mein Blick richtet sich aufs gleißende Viereck. All die runden, unförmigen, grauen, gelben, braunen, karierten, schweren, leichten, großen und weniger große Dinge fallen gar nicht mehr auf.

Thomas Hollnack

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Über Thomas

Illustrator, Geschichtenerfinder und Schlitzohr aus Berlin
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