Von Helden und Meerschweinchen  

"Superman". Licensed under Fair use via Wikipedia - http://en.wikipedia.org/wiki/File:Superman.jpg#/media/File:Superman.jpg

Wir standen nahe der Aussichtsplattform und die Natur umschmeichelte unsere Gesichter mit einem zarten Hauch, wie einen leichter Sprühregen.

Eine angenehme Frische, die die Touristen die unerbittliche Hitze für den Moment vergessen ließ, die kleinen Wassertropfen aber wie winzige Lupen ihre Haut mit der Zeit verbrennen ließ.
Mir konnte es egal sein. Mich kann die Sonne nicht verbrennen und auch die unerbittliche Hitze war für mich nicht zu spüren.
Das Wasser das von den Niagarafällen zu uns hinüber sprühte legte sich auf die dicken Gläser meiner Brille und tropfte stetig an ihrem Gestell herab.

Ich nahm die Brille ein weiteres Mal ab, um sie mit meinem Taschentuch wieder trocken zu wischen. Ein vollkommen unnötiges Unterfangen, da ich zum einen problemlos durch die Wasserbefleckten Gläser sehen konnte und zum anderen die Brille nur wenige Minuten später wieder mit kleinen Wassertropfen übersäht sein würde.
Doch erfüllte diese Geste ihren Zweck – sie ließ mich unbeholfen und nervös wirken.
Ich reinigte grade zum wiederholten male meine Brille vom Wasser als Lois in ihrer Schwärmerei über die Natur und ihre unbändige Kraft innehielt und wieder auf ihr Lieblingsthema zu sprechen kam.

„Weißt du Clark,“ drehte sie sich mir zu um „es ist schon seltsam, dass du ihn nie gesehen hast.“
„Wen nicht gesehen? Fragte ich sie wie beiläufig obwohl ich genau wusste wen sie meinte.
„Superman! Ist es nicht merkwürdig, dass immer wenn er da ist du grade auf dem Klo bist, dir einen Hot Dog holst oder sonst wie beschäftigt bist?!“
„Ich weiß nicht“ antwortete ich und versuchte möglichst beiläufig zu wirken „Es ist wohl Zufall“
Lois setzte sich auf die Mauer der Aussichtsplattform und grinste mich an, dass ihre kleinen Grübchen sichtbar wurden.
„Ich glaube nicht an Zufälle, Clark.“
Sie sah mich scharf an und versuchte mich mit ihren Blicken zu durchdringen.
„Was soll ich dir sagen Lois… ich habe ihn halt bisher nicht gesehen. Es gibt sicher noch mehr Menschen als mich, die ihn nicht gesehen haben.“

„Ja, Clark. Die gibt es sicher, aber wie kann es sein, dass ich euch beide noch nie zusammen gesehen habe. Ich sehe euch beide häufig. Nur nie zusammen.“
„Ach Lois… vielleicht mag er mich nicht. Vielleicht will er nur mit dir alleine sprechen. Was weiß ich?! Lass uns bitte nicht immer über Superman sprechen.“
„Ich sage dir was ich denke, Clark. Ich glaube ich weiß wer Superman ist… Ich denke du bist es! Du bist Superman!“
Ich täuschte ein Lachen vor
„Ach Lois! Ich bitte dich. Ich soll Superman sein? Das ist doch lächerlich!“
„Nein Clark.. das ist überhaupt nicht lächerlich. Ich bin mir sicher. Und ich werde es dir beweisen!“
Ich nahm erneut die Brille von meiner Nase und wischte wieder das Wasser von den Gläsern.
„Ich weiß nicht Lois. Ich denke du hast eine blühende Fantasie. Lass uns zurück zum Auto gehen und in die Redaktion fahren. Wir haben heute noch Besseres zu tun als uns mit deinen fantastischen Theorien zu beschäftigen.“

Sie lächelte mich herausfordernd an.
„Ich werde es dir beweisen Clark. Ich springe jetzt hier von der Mauer ins Wasser. Und du wirst mich retten!“
„Ich denke das ist keine gute Idee, Lois. Komm bitte von der Mauer runter.“
Ich hatte den Satz noch nicht ganz beendet, als Lois aufstand und von der Mauer in die wütende Strömung sprang.
Ein Rentnerpaar mit Hund kam von ihrem unweit parkenden Wohnmobil schreiend zu mir rüber gelaufen und schrie wild drauf los „Oh mein Gott! Das arme Mädchen!“
Mit hysterischen Lauten rüttelte die alte Frau mit ihren knochigen Fingern an meiner Jacke „Nun tun sie doch etwas!“
Ich löste ihren Griff und setze meine Brille auf. „Ich hole Hilfe!“

In Menschentempo rannte ich die kleine Straße bergab bis ich außer Sichtweite des Rentnerpaars gelangt war.
Von weitem sah ich die kreischende Lois wie eine kleine Boje wippend Richtung Wasserfall treiben.
Ich sah mich um ob mich auch niemand beobachten würde, schob meine Hornbrille runter zur Nasenspitze, so, dass meine Augen über den Brillenrand kuckten und schoss mit einem gezielten Laserstrahl aus meinen Augen einen, über das Wasser ragenden Ast, von einem der am Ufer wachsenden Bäume runter.
Der Ast landete einige Meter von Lois entfernt in der schäumenden Strömung.
Sie bekam ihn zu fassen und trieb nun weiter, den Ast umklammert Richtung Wasserfälle zu.
Ich rannte den Weg weiter hinunter und als ich erneut sicher war, dass mich niemand sehen würde riss ich mir meine Klamotten vom Körper und entledigte mich noch im Ansatz zum Flug meiner Schuhe.
Ich hob zu einer Flughöhe von etwa 20 Metern an und stürzte mich dann wie ein Adler in Bruchteilen von Sekunden auf Lois herunter.
Ich erwischte sie am Arm, wenige Meter bevor es in die Tiefe ging. Gewann wieder an Höhe und flog mit ihr zum rettenden Ufer.

Behutsam legte ich sie auf einen Moos bedeckten Felsen und strich ihr durch das nasse Haar.
Sie hustete und spuckte Unmengen von Wasser aus bevor sie die Augen aufschlug und mich Freude strahlend ansah.
„Ich habe es gewusst, Clark. Ich habe es die ganze Zeit gewusst!“
Sie strich mir über das rote „S“ meines blauen Latex-Anzugs und flüsterte
„Ich habe es gewusst, Clark.“

Erst jetzt wurde mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Ich hatte versagt. Bald würde es die ganze Welt wissen.
„Ich liebe dich Clark!“ hauchte sie mir zu und streichelte mir mit ihrer Hand liebevoll übers Gesicht.
Ich tat das gleiche, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte „Ich dich auch ,Lois“, da ich sicher war, dass sie es hören wollte.

Sie lächelte mich an als ich ihren Kopf mit beiden Händen festhielt und mit einem kurzen Ruck nach rechts drehte. Ich hörte ein leises Knacken und Gurgeln, dann lief ihr Blut aus dem rechten Mundwinkel.
„Es tut mir Leid, Lois!“

Ich nahm ihren toten Körper vorsichtig in die Arme, flog mit ihr zu der Stelle wo ich sie aus dem Fluss geholt hatte und ließ sie ins Wasser fallen.
Ich stand noch eine Weile in der Luft und sah zu, wie ihr Körper auf die Wasserfälle zu trieb und dann im tosenden Wasser verschwand.

Ich streckte meine Faust aus und stieg einige Meter empor.
Als ich am Äußersten Punkt der Hemisphäre angekommen war, änderte ich meine Richtung und flog zum Nordpol wo mir nicht kalt war.

Don Chrischan

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Eine Antwort zu Von Helden und Meerschweinchen  

  1. Literaturgeist schreibt:

    Eine ungewöhnliche Geschichte, mit einer wirklich überraschenden Wendung!

    Gefällt mir

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