Der beste Augenblick in seinem Leben  

Mevlevi_dervishes_1887Die Augen nach hinten gerollt, das Weiße darin hinter zuckenden Lidern nach außen gekehrt, hatte er den Kopf in den Nacken gelegt und krümmte sich in konvulsivischen Zuckungen. Seine Hände ballte er in Sekundenabständen zu Fäusten und entspannte sie wieder, wiegte sich versunken im Takt wie zu einem Singsang, den nur er selbst hören konnte.

Den Oberkörper drehte er krampfartig hin und her. Auf Hals und Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet, die bei jeder Bewegung in die Luft geschleudert wurden und die am nächsten Stehenden benetzten. Seine Brille war längst beschlagen, selbst wenn er gewollt hätte, hätte er nichts von dem sehen können, was um ihn herum vor sich ging. Dass er tatsächlich Augen besaß und nicht nur leere Augäpfel, war nur in den Pausen zwischen den einzelnen Songs zu erkennen, wenn er aufatmete und für einen kurzen Moment aus seiner Versenkung erwachte. Die Umstehenden nahm er auch dann nicht wahr. In seinem Kopf lief die Musik weiter, hallte nach und wandelte sich zu Variationen, die der Band selbst noch nicht eingefallen waren. Auch in diesen wenigen Augenblicken der Ruhe folgte er den Bildern in seinem Kopf, Bildern, die nicht in Worte zu fassen waren.

Ihn jetzt anzusprechen, war eine absurde Vorstellung. Kein Gesprächsthema konnte spannend genug sein, um eine Unterbrechung zu rechtfertigen. Willst du noch ein Bier? Oder – Wie findest du den Song? Banale Fragen wie diese wären ein Frevel gewesen. Zu profan waren sie für seinen Zustand der fast religiösen Versenkung. Vielleicht würde er die Frage gar nicht wahrnehmen, so tief war er abgetaucht in seine private Welt. Vielleicht würde er auch einen Schock erleiden, wie in den Kindermärchen, nach denen eine Grimasse für immer stehen bleibt, wenn man beim Schielen oder Zungeherausstrecken erschreckt wird. Seine Augen wären dann für immer leere, weiße Bälle, die nichts sehen könnten außer dem Film in seinem Gehirn. Sicher würde er dabei gar keinen Verlust erleiden. Was er hörte, war wichtiger als die optische Wahrnehmung. Wenn man nahe an ihn herantrat, hörte man kleine entzückte Schreie, die immer wieder aus ihm drangen, zwischen zusammengepressten Kiefern hervorquollen, ein gequält-freudiges Seufzen, wenn ein Ruhemoment eingekehrt war. Die Zuckungen, der Schweiß auf seiner Stirn, die rollenden Augen und vor allem diese kleinen Schreie ließen keine andere Schlussfolgerung zu: Er erlebte einen musikalischen Orgasmus.

Der Konzertsaal war brechend voll. Bewegung war beinahe unmöglich, tanzen konnte man nur auf der Stelle, indem man die Beine hob und gleich darauf am selben Ort wieder absetzte. Für ihn galt das nicht. Sein Inneres drängte nach Platz, und seinen Freunden war klar, dass man ihn nicht stören durfte. Seine Verzückung musste Ausdruck finden. Wer ihn sah, verstand plötzlich, was mit der Bezeichnung “Erweckungserlebnis” gemeint war. Dieser sonst zurückhaltende, fast in sich gekehrte Riese warf sich dem reinen Klang zu Füßen, verschmolz mit ihm und gab sich hin. Für ihn gab es nichts als den Klang. Der überfüllte, schlecht belüftete Raum, die miese Lichtshow, die dauerquatschenden Mädchen in seinem Rücken existierten nicht in seinem Universum. Nur die Musik war da. Jaja, dachte er, jaja, genau. Das ist es. Genau das und nichts anderes.

Noch vor zwei Stunden hatte er im Laden gestanden, Kunden bedient, Ware ausgepreist, telefoniert. Doch daran dachte er nicht. Er dachte nichts außer diesem jaja, jaja.

Auch im Laden war es gewöhnlich Musik, die seine Gedanken ausfüllte. Mit einer Hand trommelte er immer irgendeinen Takt vor sich hin, klopfte mit dem Fuß Rhythmen oder dachte sich Tonfolgen aus. Er hatte es längst vergessen, aber heute war ein besonders beschissener Tag gewesen. Schuhe verkaufen war nie seine Leidenschaft gewesen – unbegreiflich, dass es tatsächlich Menschen gab, die diesen Job mit Begeisterung machten. Er gehörte nicht dazu, und an Tagen wie diesem, die er in Erwartung verbrachte, war es besonders schwierig, sich auf Schuhgrößen zu konzentrieren. Männer, die mit ihrer Freundin kamen, weil sie selbst nicht wussten, was sie gern trugen, waren am schlimmsten. Stundenlang musste man dann Diskussionen über Farben mitanhören, Sätzen wie “Aber zu deinen Anzügen passen braune Schuhe doch nicht” beipflichten und sofort ein Paar schwarze Halbschuhe hervorziehen, die der Frau gefielen und die er selbst nie angezogen hätte. Während er sich noch mit der Frau über Pflegemittel und das preisgünstigste Imprägnierspray unterhalten hatte, war ihm ein “Pscht pfft tschakk” herausgerutscht, das er zwanghaft dreimal wiederholen musste. “Pscht pfft tschakk, pscht pfft tschakk, pscht pfft tschak”, und dazu musste er mit imaginären Drumsticks herumwirbeln. Komisch hatte sie ihn angesehen, ihre Gedanken waren ihr vom Gesicht abzulesen: War das Musik? Oder hatte der Typ einfach einen Knall? “Die Schuhe haben Schwung”, hatte er sich beeilt hinzuzufügen. Vielleicht überzeugte das wenigstens den Mann, der von Musik wahrscheinlich genauso wenig Ahnung hatte wie von Schuhen. “Mit denen können Sie sich im Büro genauso sehen lassen wie auf einem Rockkonzert.” Wobei die Vorstellung, dass dieser Hansel jemals auf ein Konzert gehen würde, relativ abwegig war. Und das waren noch die einfachsten Kunden des Tages gewesen. Sie kauften die Schuhe und beeilten sich, aus dem Geschäft zu kommen. Was für ein Irrer, dachten sie wahrscheinlich. Aber sie kauften die Schuhe, und das war hier seine Aufgabe.

Das nächste Gespräch war weitaus anstrengender gewesen. Die Dame brauchte Schuhe zum Ausgehen, Riemchensandsalen oder Stöckelschuhe, irgendwas Schickes. Zum Tanzen, erklärte sie. Er wollte gar nicht wissen, wo sie tanzen ging, irgendwo, wo Beyoncé lief und Kylie Minogue wahrscheinlich. Sie würde überteuerte Cocktails trinken und mit langweiligen Typen über den neuen Eddie Murphy-Film reden oder über ihre schlecht angezogene Kollegin. Geiler Song, würde sie bei jedem zweiten Radiohit kreischen und ihre Freundin auf die Tanzfläche ziehen. Normalerweise war er nicht so arrogant, aber heute dudelte den ganzen Tag ein Sender, dessen Programm aus Werbejingles mit eingeblendeten Popfetzen bestand, und er hatte Kopfschmerzen. Schlechte Musik empfand er als physische Belästigung, fast als Körperverletzung. Wenn die Verkaufsleiterin da war, musste das Radio pausenlos laufen, sie hielt das für verkaufsfördernd. Und die Musik sollte möglichst viele Kunden ansprechen. Musik für jeden Geschmack konnte gar nicht gut sein. Man musste sich nur die Leute auf der Straße ansehen, dann wusste man schon, dass nichts dabei herauskommen konnte. Und so brüllte es aus ihm heraus, während er dem Mädchen ein weiteres Paar unmögliche Schuhe reichte: “It’s feedtime/ every dog has its day/ the hand that feeds you/ is the hand that can take it away”. Unerträglich war das.

“Was?” Sie blickte ihn verwirrt an. Es war nicht aufzuhalten, auch dann nicht, als das Mädchen die Schuhe fallen ließ, die sie eigentlich anprobieren wollte, eine grauenhafte Angelegenheit aus Schleifchen und Bänderchen auf hohen Absätzen. “You can float in your endless sea/ we’re past prime-evil/ we’re way past pleasantries/ blind leads blind leads”, hatte er weitergebrüllt. Singen konnte er nicht, er war Schlagzeuger. Aber eine schöne Stimme hätte ihn jetzt auch nicht gerettet. “The choir has a song ready/ that I know many of you’ve heard before/ on a plate/ entity’s forgotten/ you eat anyhow”. Er sang nicht, der Song sang sich selber und hatte ihn zu seinem Instrument erklärt. Singend verfolgte er die Kundin, die ihre eigenen Schuhe eilig unter den Arm geklemmt hatte und die Flucht ergriff. Gleichzeitig versuchte er, Schlagzeug und Gitarre zu imitieren, was zu einem Hin und Her zwischen Textpassagen, Gesumme und Klopfgeräuschen führte, die alle gleichzeitig aus seinem Mund drangen. “In a war/ reason’s not important/ you kill anyhow”, die Zeile wiederholte er mehrfach, so laut es ging. So wahr wie jetzt war sie ihm noch nie erschienen. Danach hatte er keine Schuhe mehr verkauft.

Aber diese Kleinigkeiten waren jetzt vergessen. Er erlebte den besten Augenblick in seinem Leben.

(Der Text wurde 2010 auch bei &Radieschen. Planetverlag Wien veröffentlicht )

Claire Horst

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