Der aktuelle Trend: Judenvergleiche

 (Text von 2009 und immer noch aktuell)

KZ Auschwitz, EinfahrtIm Herbst 2008 waren es noch die Manager. Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Hans-Werner Sinn erklärte damals dem Tagesspiegel, dass sie heutzutage die Funktion erfüllten, die in der Weltwirtschaftskrise von 1929 den Juden zukam. „Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager”, hatte er herausgefunden. Die Manager müssen laut Sinn als Sündenböcke für alles herhalten, was schief läuft. Dabei können sie doch gar nichts dafür, die Armen!

In einem Punkt hatte Sinn sicher Recht: Das kapitalistische System wäre sicher nicht weniger unfair und krisenanfällig, wenn nur seine Leitfiguren moralischer handeln würden. Eher ist die Krise Teil des Systems und wurde nicht allein durch korrupte Manager herbeigeführt.

Aber ob er das gemeint hat? Sein Vergleich von Managern und Juden lässt nur zwei Schlüsse zu. Entweder hat Sinn sich dabei nicht viel gedacht, sondern einfach die Gleichung Jude = Opfer aufgemacht. Juden als Opfer, das passt gut zur Schimpfwortkultur auf Schulhöfen und anderswo. „Du Opfer“, das ist ungefähr so schlimm wie „Bist du schwul oder was“ und lässt sich auch gut mit „Du Jude“ paraphrasieren.

Vielleicht ist es aber auch unfair, Sinn, der ja immerhin zur Bildungselite gehört, so wenig Weitblick zu unterstellen. Dass er nicht mehr Differenzierungsvermögen haben soll als der durchschnittliche unterprivilegierte Jugendliche, ist kaum zu glauben. Hat er die Parallele also doch weiter gefasst?

Wie war das denn noch mal mit den europäischen Juden und Jüdinnen? Sie wurden systematisch diskriminiert, ihrer Bürger- und Menschenrechte beraubt, ghettoisiert und schließlich gefoltert und ermordet. Diese Verfolgung war durch nichts begründet. Auf die Manager übertragen, heißt das: Sie stehen kurz vor der Vernichtung, obwohl sie sich vom Rest der Bevölkerung in nichts unterscheiden. Klingt irgendwie nicht sonderlich überzeugend. Die große Preisfrage ist also: Was wollte Sinn uns sagen?

Diese Sinnfreiheit wäre nicht so tragisch, wenn man sie als Ignoranz eines einzelnen abtun könnte. Leider fügt sich Hans-Werner Sinn aber in eine lange Liste von kreativen Köpfen ein, die einen geheimen Wettbewerb um den originellsten Judenvergleich auszutragen scheinen.

Der neuste Name in der Liste: Eberhard von Gemmingen. Ein Ziel der Beteiligung an dem Wettstreit hat er schon erreicht: Sein Name, den vorher kaum jemand je gehört hatte, ist in aller Munde. Der Jesuitenpater und langjährige Leiter der deutschen Redaktion von „Radio Vatikan“ergriff kürzlich die Gelegenheit, sich öffentlich zu Wort zu melden: Er nahm die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Jesuiten zum Anlass. In einemInterview mit der Zeitung „Heilbronner Stimme“ verteidigte er seinen Orden. Die pauschalen Vorwürfe seien ebenso ungerecht wie die Verfolgung der Juden, denn auch „mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen.“

Unrecht? Missetaten? Ach so, die ganzen Brunnenvergiftungen, Kinderschlachtungen, der alltägliche Zinsbetrug und nicht zuletzt der Mord am Heiland. Schade, dass es die paar unschuldigen Juden auch getroffen hat.

Nachdem der „Spiegel“ und andere Medien die Aussagen aufgriffen, wurde diese Passage auf Wunsch des Paters von der Internetseite der „Stimme“ gelöscht. Macht aber nichts, der Rest des Textes ist spannend genug. Denn von Gemmingen hat noch weitere erhellende Analysen parat. Zu seiner Schulzeit gab es „möglicherweise“ auch schon homosexuelle Handlungen (ging es nicht eigentlich um sexuellen Missbrauch? – Egal, ist doch alles dasselbe). Aber „unsere Gesellschaft hat sich ja sehr verändert. Und so wie im Altertum die homosexuellen Neigungen zugenommen haben, so glaube ich, haben sie auch in unserer Zeit zugenommen.“ Kein Wunder, wenn da mal ein Kind vergewaltigt wird, bei den ganzen neumodischen Schwulen überall!

Schade nur, dass der letzte Schrei nicht Homosexualität ist, sondern dümmliche Vergleiche.

 Claire Horst

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