Danke nicht den Herren

m20170522_gDieser Text entstand 2013 und hatte zum Anlass sowohl die wiederholte Ablehnung des rezeptfreien Zugangs zu Notfallverhütung als auch den legendären „Smarties-Kommentar“ von Jens Spahn. Mittlerweile ist der rezeptfreie Zugang zu Notfallverhütung, überfälligerweise, endlich durch, in Folge der Entscheidung der EU-Kommission, die allerdings die Staaten selbst wählen lässt und nur empfiehlt. Denn das Thema ist ja „ethisch so sensibel“, wie die taz im Januar trocken zitierte. Sensibel scheint das Thema auch für die Kassen zu sein. Ganz schön teuer, all diese Smarties! Und die kleinen Mädchen sagen den netten Onkeln einfach nicht danke.

Die deutsche Gesetzgebung zum Abtreibungsrecht ist im Vergleich zu vielen, auch westeuropäischen Ländern nur fortschrittlich zu nennen. Sieht man sich die Lage in Irland an, könnte fast so etwas wie Dankbarkeit aufsteigen. Zumal als Wahlberlinerin, die bei einem Abbruch finanzielle Absicherung erfährt. Dabei wird zu leicht vergessen, dass Frauen immer noch bevormundet werden. Der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft ist an eine dreitägige Bedenkzeit sowie eine Zwangsberatung gebunden, und zwar nicht nur für 14jährige Mädchen, sondern für erwachsene Frauen jeden Alters. Sogar der rezeptfreie Zugang zu Notfallverhütung wurde kürzlich erneut vom Gesundheitsausschuss des Bundestags abgelehnt.

Zu zweifelhaftem Ruhm gelangte daraufhin die Bemerkung des CDU-Abgeordneten Jens Spahn, Notfallverhütung sei nun mal „keine Smarties“. Es handle sich um ein Medikament mit Nebenwirkungen, erklärt er. Klingt nett gemeint. Wie man eben zu kleinen Mädchen nett ist, auf die man aufpassen muss. Also respektlos. Gerade der Smarties-Vergleich ruft Assoziationen hervor mit ganz, ganz jungen Mädchen, die im Kino sitzen, lachen und quietschen und sich das bunte Zeug kiloweise einschaufeln. Stellen sich die CDU-Abgeordneten dann dieselben ganz, ganz jungen Mädchen vor, wie sie lachen und quietschen und unkontrolliert Sex haben, weil sie danach ja nur ein paar ‚Smarties‘ schlucken müssen?

Hier wird ganz einfach der Zugang zu Geburtenkontrolle reglementiert und kontrolliert unter dem paternalistischen Gestus staatlicher Fürsorge.

Das Thema der Geburtenkontrolle ist nicht deswegen politisch relevant, weil es um persönliche Entscheidungsfreiheit geht. Die Kontrolle über den eigenen Körper sollte gerade nicht durch einen libertär geprägten Individualismus gefordert werden, nicht als kindliches, konsumaffines ‚Ich mach was ICH will!‘ Genau das öffnet nämlich dem Paternalismus Tür und Tor. Unter dem Mantel der Fürsorge werden Machtfragen verhandelt. Es geht also bei der Frage, wer über den Körper der Frau entscheidet, nicht nur um ihre eigene individuelle Freiheit und Wahlmöglichkeit, sondern um eine Machtstruktur. Und ein staatlicher Kontrollmechanismus, der dieser Entscheidungsfreiheit vorgeschaltet ist, muss als Instrument der Machtausübung verstanden werden.

Die von aristotelischen Texten angeregte Tradition, den weiblichen Körper als Gefäß zu begreifen, hat einen uralten Streit um die Kontrolle über dieses Gefäß und seine Produktionsweise angefacht. Durch direkte oder institutionalisierte Gewalt wurde den Frauen vielfach die Kontrolle ganz entzogen, und der Machtkampf spielte sich zwischen Institutionen wie dem Familienvater und dem Staat oder der Kirche ab. Dabei war es entscheidend, die Frau als selbstbestimmtes Subjekt aus dem Kontrollverhältnis herauszuhalten. Das klassische, männliche Verhältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper lässt sich als Identitäts- oder als Besitzverhältnis beschreiben: ich bin mein Körper, ich habe einen Körper. Natürlich kann auch die männliche Verfügungsgewalt über den eigenen Körper entzogen werden, wie etwa durch Krieg oder Sklaverei. Im Fall des weiblichen Körpers wird aber von vornherein ein anderes Subjektverhältnis konstruiert, nämlich ein Schuldverhältnis.

Das heißt, dass die Frau mit ihrem Körper nicht so verfahren kann, als sei nur sie selbst betroffen. Sie ist es schuldig, sich um ihr Kind zu sorgen, aber auch um sich selbst als Möglichkeit zur Entstehung eines Kindes. Der weibliche Körper enthält sozusagen bereits ein Verhältnis zwischen zweien. Dieses Verhältnis in Relation zu einer dritten, kontrollierenden, schützenden Instanz ist die traditionelle Familienstruktur.

Später wird die Frau als Subjekt nicht mehr neutralisiert, sondern in diese Struktur aktiv einbezogen. In Deutschland entwickelt sich vor allem seit der Reformation das Bild der sorgenden Mutter, der Hüterin der Kindererziehung: eine Aufgabe, die nur sie wirklich erfüllen kann. So soll die Frau als weltverbessernde politische Kraft aktiv werden im Rahmen der Kleinfamilie, auf die sich konservative Parteien so gerne berufen, obwohl dieses Konzept ja recht neu ist, nämlich zusammen mit dem Mutterbild im bürgerlichen 18. und 19. Jahrhundert entstanden.

Für konservative Kräfte stellt die Familienstruktur eine Basis der Volkswirtschaft dar. Noch in den 1950er Jahren wurden Frauen nach den emanzipatorischen Entwicklungen des Krieges an den Herd zurückgetrieben, um die wenigen Arbeitsplätze für Männer zu sichern. Davon tragen wir immer noch Spuren, wie man am Ehegattensplitting sieht, der steuerlichen Bevorzugung des Modells, in dem einer verdient und einer am Herd steht.

Generell leben wir heute in einer Marktwirtschaft, die Frauen als selbstständige Individuen, nämlich als Konsumenten braucht. Es ist notwendig, ihnen Autonomie zu suggerieren, damit sie ihr eigenes Geld verdienen und ausgeben können. Dabei soll aber die Struktur der Kleinfamilie erhalten bleiben mit unbezahlter Kinderfürsorge, Hausarbeit und einem Doppelstandard, was die Lohnarbeit angeht.

Angela McRobbie spricht dabei von einer kulturellen Neoliberalisierung. Feminismus ist irgendwie zu streng und altmodisch, Sexismus darf witzig verpackt werden, und das Konsumverhalten hält alle Wege offen. So gelingt es, den Frauen auf dem Arbeitsmarkt Selbstverwirklichung zu suggerieren und sie zugleich einer Retraditionalisierung zu unterwerfen, die, nachdem längere Zeit gearbeitet, verdient und ausgegeben wurde, im rechten Moment – so mit Mitte Dreißig – das Mutterband zurückschnellen lässt. Das eigene Leben als Projekt schließt eben mehrheitlich auch ungefähr zwei Kinder ein, denen natürlich die optimale Erziehung, Muttermilch und Mutterliebe geschuldet wird. Sich selbst erfolgreich in diesem Projekt zu sehen, ist auch eine Form von Bedürfnisbefriedigung, auch wenn sie vielleicht nur durch strengste Selbstausbeutung erreicht wird.

Dabei wird das traditionelle Frauenbild der Hüterin des Herdes und des reproduktiven Gefäßes nicht einfach von dem Bild der bedürfnisbefriedigenden Konsumentin abgelöst oder überschrieben. Vielmehr existieren diese traditionellen Bilder noch irgendwie weiter, ziehen sich wie lose Fäden durch die mediale Welt und werden aufgegriffen, wo sie nützlich sein können. Das Bild der sorgenden Mutter wird nach wie vor dazu benutzt, Frauen ein Schuldverhältnis zu diesem Körper zu suggerieren, den sie jetzt selbst in Besitz haben und der doch nicht ihr alleiniges Eigentum ist.

Die sorgende Mutter gilt als diejenige, für die gesorgt werden muss. Ihre Funktion ist zu groß, zu wichtig und mystisch, um sie ihr allein zu überlassen. Als ewiges Sorgenkind wird die Frau auf Grund ihrer körperlichen Verfasstheit politisch bevormundet.

Wir sollten also, selbst als Wahlberlinerinnen, nicht allzu dankbar sein für die uns zugeteilten Smarties. Schließlich gilt der uns gestattete Schwangerschaftsabbruch nicht etwa als Recht der Frau auf physische und psychische Unversehrtheit oder Selbstbestimmung, sondern als Straftat. Die Frau wird zur inneren Einkehr gezwungen und institutionell informiert. Das erinnert unangenehm an traditionelle Unmündigkeitserklärungen auf Grund der geheimnisvollen Vorgänge im menstruierenden oder vielleicht gar schwangeren Körper, die die armen Mädels umtreiben und sie ihre Zurechnungsfähigkeit kosten, also im Wortsinn hysterisch machen. Vor allem aber setzt dieser Prozess der erzwungenen Einkehr, der Kontrolle und Überwachung die ansonsten als mündig geltende Frau der Gefahr psychischer Manipulationen aus. Auf diese nette Art der Fürsorge lässt sich ohne Dank verzichten.

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